Warum machen wir uns eigentlich alles immer so unnötig kompliziert? Jetzt mal im Ernst. Muss das sein? Wirklich? Ist das so eine Art Volkssport geworden? Neulich stieg ich in den Zug und setzte mich zu einer jungen Schweizerin ins Bordrestaurant. Ich schreibe ausdrücklich von Bordrestaurant und nicht von Bordbistro, weil es nämlich einen himmelweiten Unterschied macht, ob man in einem Zug im Restaurant sitzt oder im Bistro, und ich meine nicht, dass die Staubsaugervertreter ihr Weizenbier hier im Sitzen in sich hineinschütten und dort im Stehen.
Dazu folgende Geschichte. Ich war einmal mit dem Zug unterwegs und bekam einen derartigen Hunger, dass es mir unmöglich war, die letzten Stunden zu warten, bis ich aus dem Zug steigen und meinen Hunger zu Hause stillen konnte. Außerdem knurrte mein Magen lauter als mein Nachbar schnarchte, alles starrte erschrocken auf meinen Bauch, als ob ich ein exotisches Tier unter meinem Pullover schmuggeln würde, und das war mir unangenehm. Eine Currywurst im Bordrestaurant, dachte ich, das wäre genau das Richtige, und hatte doch, während ich mich auf den Weg machte, nicht die leiseste Ahnung, wie falsch ich damit liegen würde.
Wer versucht, im Bordrestaurant eine Currywurst zu bestellen, wird freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass diese nur im Bordbistro serviert werde. Darüber wundert man sich natürlich, und nach einem kurzen Moment der Ratlosigkeit und peinlichen Stille wirft man ein, dass das Bordbistro doch an das Bordrestaurant grenze, genau genommen handelte es sich sogar um ein und den selben Waggon. Da müsse es doch möglich sein, die Currywurst auch im Restaurant zu bekommen, sagt man, aber das ist es nicht, nein, auch ausnahmsweise nicht. Der Weißwurstäquator verläuft einmal etwas höher und einmal etwas niedriger quer durch Süddeutschland und die Currywurstgrenze mitten durch Wagen acht.
Zurück zu der Geschichte mit der jungen Schweizerin. Es war noch früh am Morgen, und eine Currywurst zum Frühstück kann ich nur verdrücken, wenn ich am Abend zuvor einige Weizenbier getrunken haben, was nicht der Fall war. Aber gefrühstückt hatte ich eben nicht, deshalb der Gang ins Restaurant. Ich hatte das noch nie zuvor gemacht, also im Bordrestaurant zu frühstücken, deshalb wusste ich auch nicht, dass das regelrecht verpönt ist. Früher habe ich mir Brote geschmiert, wenn ich mit dem Zug fuhr, oder mir später auch ein Brötchen beim Bahnhofsbäcker gegönnt. Aber jetzt bist du dreißig und ein bisschen, dachte ich, jetzt verdienst du Geld, jetzt kannst du dir das einfach mal erlauben.
Ich fragte die junge Schweizerin, ob ich mich zu ihr setzen dürfte, das Restaurant war ziemlich gut besucht. Offenbar hätten auch zahlreiche andere Gäste diesen Zug verpasst, wenn sie nicht, wie ich, auf ihr Frühstück verzichtet hätten. Kaum hatte ich mich gesetzt, drängelte ein älteres Ehepaar durch den Gang, er schwer bepackt, sie schwer genervt, als sie für sie neben mir nicht weiterging, zischte sie.
„Siehst du, Hans, wie ich es dir gesagt habe.“
„Was hast du gesagt?“
„Wie die Geier sitzen sie hier. Zu geizig einen Platz zu reservieren und dann auch noch das Restaurant besetzten, ohne etwas zu bestellen.“
„Passt schon. Lass mal gut sein, Bertha.“
„Nichts da, ich finde, so etwas sollte die Bahn verbieten.“
Der Restaurantchef trat in diesem Moment an unseren Tisch, und obwohl mein Hunger sich bereits lautstark zu Wort gemeldet hatte, sagt ich ihm, so lange Hans und Bertha dabei standen und nicht vorwärts kamen.
„Nein, danke, für mich nur ein Glas Leitungswasser.“
Bertha sah mich an, als hätte ich kleine Kinder auf Toast bestellt.
Dann verschwanden die beiden, ich orderte das größte Frühstück, das die Deutsche Bahn einem servieren kann und die junge Schweizerin einen Latte Macchiato.
Es kam zu folgendem Dialog:
„Einen Latte Macchiato, bitte.“
„Milchkaffee.“
„Nein, einen Latte Macchiato.“
„Milchkaffee.“
„Keinen Milchkaffee, einen Latte Macchiato.“
„Milchkaffee.“
„L A T T E M A C C H I A T O.“
„Wir haben aber heute nur Milchkaffee.“
Das, dachte ich, während die Schweizerin dem Restaurantchef ungläubig hinterher schaute, war vermutlich die unnötigste Unterhaltung, die ich jemals in meinem Leben gehört habe. Was sollte das? Warum sagt der ihr nicht gleich, dass es keinen Latte Macchiato gibt. Wäre das nicht viel einfacher gewesen. Aber wahrscheinlich hat der Vorstandschef der Bahn letzten schlecht geschlafen, dann ist er übel gelaunt in Büro gefahren und hat verfügt, dass es die Currywurst nur im Bordbistro gibt und Bestellungen von Latte Macchiato zum Leidwesen der Fahrgäste grundsätzlich künstlich in die Länge gezogen werden.
Der Restaurantchef brachte der Schweizerin ihren Milchkaffee.
„Vielleicht gibt es Latte Macchiato im Bordbistro“, sagte ich.
„Nein, aber sie können dort eine Currywurst essen, wenn sie wollen“, sagte er.
Wollte ich aber nicht.
Ich beschmierte Croissant, Brötchen und Brot, dann stand ich auf und ging zu dem Abteil.
Auf meinem Platz saß Bertha und schlief.
„Entschuldigen Sie“, rief ich, „das ist mein Platz. Ich habe reserviert.“
Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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