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Tempo 30 (Folge 86): Jobhaufen

Unser Autor hat jetzt einen Nebenjob, dem er mit Begeisterung, aber allenfalls unvollständig nachkommt. Und dann hat er noch einen. Und noch einen. Und noch einen.

Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Foto: FR

„Du hast ja schon wieder einen Haufen gemacht“, sagt Sophie, während ich vor dem Fernseher hocke und mich schäme. „Das war keine Absicht“, sage ich, diese Dokumentation, sie sei plötzlich so spannend gewesen, dass sie mich erst ablenkte und dann vollständig in ihren Bann zog, weshalb ich alles um mich herum vergaß. Das könne doch wohl manchmal vorkommen. „Kann es nicht“, sagt Sophie, und dann sagt sie noch, dass sie es nicht leiden könne, wenn ich überall in der Wohnung kleine Haufen machen würde und dass sie mich schon mehrmals darum gebeten hätte, es zu unterlassen, ich es aber immer wieder täte. „Wenn du den Dreck nur zu kleinen Haufen zusammenfegst, aber nicht in die Mülltonne kippst, dann kannst du dir Arbeit gleich sparen“, sagt Sophie und hat damit zweifelsohne Recht. „Du und deine Haufen“, sagt Sophie, „das nervt“.

Dazu muss man unbedingt wissen, dass meine Freundin vor einiger Zeit damit begonnen hat, die Aufgaben in unserem kleinen Familienhaushalt klar zu verteilen, weil so eine Wohnung, in der zwei berufstätige Erwachsene und ein schwer beschäftigtes Kleinkind leben, meistens so aussieht, als sei ein Orkan mitten durch sie hindurch gefegt. Sophie befürchtet, dass demnächst das Rote Kreuz bei uns vor der Tür steht und eine Notunterkunft im Wohnzimmer aufbaut, während Spürhunde des Technischen Hilfswerks unermüdlich nach Hannah, unserer Tochter, schnüffeln, von der wir nicht genau sagen können, ob sie in der Küche oder ihrem Kinderzimmer verschüttet wurde. Aber dann taucht sie doch mit einem großen Hallo aus dem Wäschekorb im Bad auf.

So konnte das natürlich nicht weitergehen. Neulich war unsere Couch übersät von teilweise wochenalten Zeitungen, so dass ich auf ihr nur mit Mühe und Not noch einen Platz fand, während Sophie ganz leer ausging. Sie könne sich gar nicht setzen, sagte Sophie, ich meinte, sie könne doch einfach ein paar Zeitungen zusammenlegen, aber sie meinte nur: „Das ist dein Job.“ Wieso das mein Job sei, fragte ich verblüfft und zugleich neugierig, woraufhin mir meine Freundin offenbarte, wie sie die gemeinsamen Arbeiten in der Wohnung zukünftig aufzuteilen gedachte. Meine Jobs sind demnach:

- Zeitungen sortieren und entsorgen
-Wäsche klappen und einsortieren
-Spülmaschine ausräumen und Geschirr wegstellen
-Briefkasten leeren und Post ordnen
-Böden kehren und Dreck fortschaffen

Seitdem gehe ich meinen neuen Jobs mit Hingabe nach. Schließlich bin auch ich an einer gewissen Behaglichkeit innerhalb unserer vier Wände interessiert, doch in Sophies Augen arbeite ich allenfalls halbherzig, einmal hat sie sogar schludrig gesagt. Sie begründet das mit einer gewissen Inkonsequenz, die ich bei der Bewerkstelligung meiner Aufgaben an den Tag legte. Etwa würde ich die Zeitungen zwar sortieren, beließe es aber dabei, die einzelnen Seiten auf dem Wohnzimmertisch und im Bad auf einem Haufen zu stapeln, was Sophie missfällt.

Auch missfällt es ihr, dass ich die trockene Wäsche zwar klappe, aber die Wäschehaufen nicht in den Schrank räume, sondern sie neben unserem Bett parke. Ihr missfällt, dass ich die Spülmaschine zwar entleerte, aber das saubere Geschirr auf der Arbeitsplatte auftürme, angeblich, weil ich nicht wüsste, was wo hin gehört, was tatsächlich wie eine Ausrede klingen mag, aber keine ist. Die Post nähme ich aus dem Briefkasten, aber lagerte sie dann auf Sophies Schreibtisch zwischen, und wie eingangs erwähnt, kehrte ich die Böden regelmäßig, hinterließ aber überall kleine Haufen.

Um meine Freundin zu beruhigen habe ich sie letztens mit kleinen Botschaften überrascht. Ich schrieb schwülstige Botschaften auf kleine Zettel und verteilte diese in der gesamten Wohnung. Sophie kam an diesem Abend erst spät nach Hause, so spät, dass ich längst schlief, aber nachdem sie den ersten Zettel im Kühlschrank entdeckt hatte und dann noch einen in ihrem Zahnputzbecher, musste das wie erhofft ihren Ehrgeiz geweckt haben, so dass sie anschließend auch alle 21 weiteren Zettel fand, nur den 24. unter der Fernbedienung nicht, was wie finde, erschreckend viel über uns aussagt.

Einen Abend später schauten wir eine Versöhnungsschnulze. Das hat sich so eingebürgert. Je nachdem, wer für gewisse Missstimmungen verantwortlich ist, muss zur Strafe das Fernsehdiktat des anderen über sich ergehen lassen, weshalb das Länderspiel auf dem Konkurrenzsender ungesehen an uns vorbei lief. „Mach‘ doch mal lauter, man versteht die tollen Dialoge überhaupt nicht“, sagte ich zu Sophie, womit sie auch meine letzte Nachricht entdeckte und mich bat, sie auf ihren Schreibtisch zu legen. Sie könne unter ihrer Decke einfach nicht weg. Ich ging ins Schlafzimmer, das zugleich Sophies Arbeitszimmer ist und finde alle meine kleinen Briefe ordentlich gestapelt auf einem Haufen. „Kannst‘ umschalten“, rief ich, öffnete den Kleiderschrank und zog mein Deutschlandtrikot aus einem Haufen Wäsche.

Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Datum:  1 | 6 | 2011
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