P. und D. hatten am Wochenende Sex.
Am Samstagmorgen.
Im Schlafzimmer.
Klassiker.
Eigentlich sollte ich das überhaupt nicht wissen und streng genommen geht es mich auch nichts an, und während ich verzweifelt und doch erfolglos versuchte die Vorstellung zu vertreiben, wie D., der sich kürzlich einen Arm gebrochen hatte, als er mit einem Korb Wäsche die Kellertreppe hinuntergestürzt war, an diesem Samstagmorgen einen etwas umständlichen Liebhaber abgegeben hatte, dachte ich, dass das alle anderen im Raum eigentlich auch nichts anginge. Tolle Freunde sind das, dachte ich, wirklich tolle Freunde, dass da keiner aufsteht und etwas unternimmt, das wäre jetzt wirklich angebracht, dachte ich.
Vielleicht sollte ich aufstehen, dachte ich, und dem ganzen ein Ende mit Schrecken bereiten, so sagt man das doch, besser als ein Schrecken ohne Ende sei das, sagt man und genau so muss man sich Sex mit Gipsarm im Prinzip vorstelle. Aber dann wurden, während P. und D. ihren morgendlichen Invalidensex rekapitulierten, die Stellungswechsel immer komplizierter, was den Unterhaltungswert der Unterredung derart steigerte, dass ich mir bereits kräftig auf die Zunge beißen musste, um nicht laut los zu brüllen, was die beiden auf jeden Fall mitbekommen hätten.
Also, wer solche Freunde hat, der braucht wirklich keine Feinde, dachte ich, während sich die ersten am Tisch die Hände vor den Mund pressten, worauf ihre Köpfe auf der Stelle rot anliefen. Dass da keiner aufsteht, dachte ich, jetzt muss doch endlich mal einer aufstehen, während sich P. und D. unweigerlich dem Höhepunkt ihrer Ausführungen näherten, Arschlochfreunde, dachte ich. Dass ich das jetzt hoffentlich nicht laut gedacht hatte, dachte ich noch, man hätte meine Gedanken ganz bestimmt gehört, so still war es um mich herum, abgesehen von vereinzelt unterdrückten Lachern, die mehr wie ein Schnaufen oder Prusten klangen.
Wir waren bei Freunden eingeladen. Es war einer dieser Abende, wie sie in letzter Zeit häufiger geworden sind, jetzt, da die meisten Kinder haben und alles irgendwie verbinden müssen. Wenn man Kinder hat, muss man nämlich alles irgendwie verbinden, zum Beispiel einen Besuch beim Kinderarzt mit der Steuererklärung. Das geht ganz gut. Dazu bestellt man den Steuerberater ins Wartezimmer, in dem man sonst die Zeit mit literarisch leicht zu verdauenden Bilderbüchern verbringen würde, weil es nichts anders zu lesen gibt, während das Kind nach Leibeskräften das Schaukelpferd gegen die anderen Bazillenschleudern verteidigt.
Wieder bei unseren Freunden. Wir trafen uns mit anderen Paaren am späten Nachmittag, ließen den Nachwuchs so lange miteinander spielen, bis bei den Kleinen Langeweile in Müdigkeit, Müdigkeit in Zorn und Zorn in Krawall umschlug. Dann brachte man sie ins Bett, um den Abend bei Nasi Goreng damit zu verbringen, sich zu erinnern, wie schön es doch früher war, als man noch keine Kinder hatte und nichts irgendwie verbinden musste. Das waren herrliche Gespräche, man durfte nur nicht vergessen, dass man sich am Ende noch gegenseitig versicherte, dass man das eigene Kind natürlich niemals wieder für sein altes Leben eintauschen würde.
Meistens treffen wir uns dazu bei L. und S., die am Stadtrand gebaut haben und nun über so viele Zimmer verfügen, dass man die ganzen Kinder dort problemlos unterbringen kann. Nun ist es aber so, dass junge Eltern notorisch besorgt um das Wohl ihrer Jüngsten sind und sie nicht wollen, dass die in einer so fremden Umgebung unbemerkt wach werden, weshalb sie das Babyfon aufbauen, Sender im Zimmer, Empfänger in der Küche. Bei fünf bis sechs Paaren ist das Haus von L. und S. an so einem Abend derart gut überwacht, dass einem alten Stasioffizier die Wehmut eine ordentliche Gänsehaut über den Körper jagen würde. Und das Essen wird im Hintergrund begleitet von einem monotonen Rauschen.
Eigentlich waren die meisten von uns für die besonderen Überwachsungsumstände sensibilisiert, seit H. und K. den halben Abend bei ihrem Sohn gesessen hatte, der Zähne bekam und sich angewöhnt hatte, nur einzuschlafen, wenn er die Hand seiner Eltern hielt. Und während H. und K. so da saßen und warteten, begannen sie, so ungefähr über jeden zu lästern, der ein paar Meter weiter mit am Esstisch saß und was dort, der modernen Technik sei Dank, ziemlich gut zu verstehen war. H. und K. kamen seitdem nicht mehr, dafür aber P. und D. und die hatten von der Geschichte offenbar nichts mitbekommen, dafür wussten wir nun mehr über sie, als uns lieb.
Unsere Tochter Hannah ist übrigens die einzige, die nicht überwacht wird. Erstens bin ich kein Freund von Totalüberwachung, zweitens kann dieser Strahlenmix nicht gesund sein, so dass ich unsere Tochter vor dem Schlafengehen am liebsten in Alufolie eingewickelt hätte und drittes Hannah hat den Sender ihres Babyfons so oft heruntergeworfen, dass er nicht mehr sendet. Dafür bekommt man jetzt den Polizeifunk rein, aber seltsamerweise nur, wenn das Gerät in ihrem Kinderzimmer steht. Jedenfalls habe ich die kleine Hannah zuletzt ziemlich oft ins Bett gebracht. Man weiß dann immer, was los ist in der Stadt.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.