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Tempo 30 (Folge 88): Menschover

Unser Autor hat einen schrecklichen Fehler gemacht, der dazu führen könnte, dass wir zukünftig von Staubsaugern. Kühlschränken und Telefonen beherrscht werden. Ob das unbedingt schlecht sein muss?

Tempo 30
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Einmal abgesehen davon, dass ich mir gerade doch wieder unsicher bin, ob ich tatsächlich das Mandat besitze, hier im Namen der gesamten Weltbevölkerung sprechen zu dürfen, weil ich diesen verdammten Wisch aus New York einfach nicht finden kann. Er muss hier irgendwo liegen, ein formloses Schreiben, da ist so ein blaues Wappen oben drauf. Ist eigentlich total auffällig, trotzdem ist es auf meinem Schreibtisch irgendwie verschütt gegangen. Ich verspreche, es bei Gelegenheit nachzureichen.

Jedenfalls erkläre ich hiermit den Kampf Mensch gegen Maschine offiziell für verloren.

Bis gestern hatte ich noch Hoffnung, dass wir nicht zu Knechten unserer eigenen Kreaturen werden und nicht eines Tages von unserem herrischen Kühlschrank mit integriertem Replikator, so wie man ihn aus den Star Trek-Filmen kennt, wie ein Hund an der Leine durch die Straßen geführt zu werden. Dass wir nicht unserem Bier trinkenden Staubsauger noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen müssen, bevor wir uns in die Abstellkammer zurückziehen, oder das depressive Telefon an zwei Tagen die Woche zu seinen Therapiesitzungen bringen und wieder abholen müssen, um dann den Rest der Woche seine schlechte Laune zu ertragen.

Doch jetzt ist es vorbei. Jetzt ist auch der Mensch, auf den ich mein Hab und Gut gesetzt hätte, dass er immun ist gegen die Verführungskräfte der Unterhaltungselektronik, jetzt ist auch meine Freundin Sophie spielsüchtig. Das hätte ich, um ganz ehrlich zu sein, nie und nimmer für möglich gehalten. Sophie mag klassische Brettspiele, aber keine Konsolen mit eingebauten Bewegungssensoren, die hasst sie regelrecht. Aber jetzt besitzt sie einen kleinen Musikspieler, auf dem neben ihren Lieblingsalben kleine Spielchen vorinstalliert sind. Besonders dieses Kartenspiel hat es ihr angetan, und seitdem ist auch sie eine technische Geißel.

Am Anfang hat sie das mit den Spielen gar nicht bemerkt. Aber dann habe ich mir das Ding von ihr ausgeliehen und den entsprechenden Ordner sofort gefunden. Dafür besitze ich sehr feine Antennen, denn ich bin das, was man wohl einen Spieljunkie nennt. Zumindest war ich es, bis ich Sophie kennenlernte. Plötzlich verschwanden meine beiden Spielkonsolen zuerst hinter einem Vorhang, der eigentlich ein buntes Tuch ist, das Sophie von einer ihren zahlreichen Fernreisen mitgebracht hatte, und das sie über den Fernsehtisch hängte, weil sie diesen ganzen Elektrokram so hässlich fand. Irgendwann war er dann ganz weg. Wiederspruch zwecklos.

Sophie hätten dem Kühlschrank einen Vogel gezeigt.
Sophie hätte dem Staubsauger die Leviten gelesen.
Sophie hätte das Telefon zur Schnecke gemacht.
Sophie hätte uns gerettet.

Aber dann machte ich diesen einen kleinen, aber womöglich entscheidenden Fehler, für den meine Kinder mich einmal bis in alle Ewigkeit verdammen werden, weil ich wie die Schlange im Paradies die letzte Aufrechte von uns in Versuchung führte. Nun liegt Sophie am Abend im Bett und spielt auf ihrem Musikspieler Karten. Ich wusste gar nicht, wie ehrgeizig sie sein kann. Sie spielt nach dem Essen, auf dem Klo, im Auto, wenn sie neben mir sitzt und früher einmal sehr darauf bedacht war, dass wir miteinander redeten, statt stumm auf die Straße zu glotzen. Jetzt sagt sie keinen Ton.

Es hat begonnen.


Wir werden das gar nicht bemerken, weil wir viel zu sehr damit beschäftigt sind, herauszufinden, welche Funktionen dieses oder jenes Gerät, das wir uns gerade angeschafft haben, neben seiner ganz ureigenen, den Zweck völlig ausreichend erfüllenden, noch alles besitzt. Das ist der Trick. Geräte haben nicht einfach mehr eine Funktion, was natürlich genügen würde. Der Kühlschrank hat jetzt einen Fernseher, der Staubsauger einen Internetzugang, das Telefon kann navigieren und noch vieles mehr.

Eines schönen Tages wird der Kühlschrank in der Wohnzimmertür stehen und mit meinem Halsband wedeln. Vielleicht sollte ich das Ding entsorgen, so lange es lediglich Nacht für Nacht dieses nervtötende Brummen von sich gibt, als ob es so verdammt anstrengend wäre, ein paar Lebensmittel zu kühlen. Aber wahrscheinlich bespricht er bereits mit dem Staubsauger und dem Telefon, an welchem Tag in der Woche ich wem zu dienen habe.

Ist das unser Ende? Geht die Welt zugrunde, weil sie nicht mehr von Wesen aus Fleisch und Blut, sondern aus Scharnieren und Kabeln beherrscht wird? Die Antwort ist relativ einfach. Nein. Forscher sprechen in diesem Fall von einer diffusen und unbegründeten Angst des Menschen, intelligente Maschinen könnten die Macht an sich reißen. Und wenn schon. Was Geräte mit Künstlicher Intelligenz machen, sagte einmal Aaron Sloman von der Universität Birmingham, könne auch nicht grausamer sein als das, was wir seit ein paar Tausend Jahren tun.

Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  26 | 10 | 2011
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