Gerade hat mir Hannah einen Eiswürfel gebraten und hübsch angerichtet auf einem bunten Plastikteller serviert. Gierig wollte ich über das köstliche Mahl herfallen, doch Hannah zog den Teller zurück und wies mich darauf hin, dass der Eiswürfel noch zu heiß sei. Ich würde mir die Zunge verbrennen, bedeutete sie, von daher müsse ich noch einen Moment warten. Um die Sache zu beschleunigen, pustete meine Tochter nach Leibeskräften auf den Teller, bis das Essen die ihrer Meinung nach richtige Temperatur hatte. Anschließend brachte sie mir einen Giraffenkakao, wobei ich doch überhaupt keine Schokolade mag. Ich überlegte, höflich, aber dankend abzulehnen, doch man sollte die Illusionen seiner Kinder nicht schon in jungen Jahren zerstören.
Ich denke, es reicht, wenn ich ihr in drei, vier Jahren die Hoffnung auf ihr erstes Tattoo nehme.
Hannah ist gerade zwei Jahre alt geworden, und zu ihrem Geburtstag bekam sie von uns eine Spielküche. Seitdem leben, kochen und essen wir in einer unsichtbaren Parallelwelt, deren Regeln allein Hannah zu kennen scheint und die sich mir partout nicht erschließen wollen. Möglicherweise handelt es sich auch um reine Willkür, wenn diese oder jene Zutat gerade nicht vorrätig ist, obwohl ich sie dringend benötige, zum Beispiel um ein fabelhaftes Omelett zuzubereiten. Jedenfalls benötigte ich dringend eine Zwiebel, nachdem ich bereits vier imaginäre Eier zerschlagen, und mit Luftmilch und allerlei Luftgewürzen verquirlt hatte.
„Tiebel dibt nich“, sagte Hannah, und machte eine fast schon verschämt entschuldigende Geste, als ob es ihr peinlich wäre, diese grundlegende Zutat gerade nicht zur Hand zu haben. In Wahrheit aber hat sie neulich unbedingt neben mir auf ihrem kleinen Plastikhocker stehen wollen, als ich eine real existierende Zwiebel schnitt, obwohl ich sie vor den unangenehmen Folgen eindrücklich gewarnt hatte. Es kam, wie es kommen musste, denn Hannahs Augen brannten plötzlich fürchterlich. Kleine Tränen kullerten ihre Wangen herunter, und seitdem steht sie mit Zwiebeln irgendwie auf Kriegsfuß. „Tiebel aua Auge wehgetut.“
Statt der Zwiebel beschloss sie eine Handvoll „Papragei“ in die Pfanne mit dem stockenden Omelett zu werfen, wobei hier kein exotischer Vogel sondern ein weit verbreitetes Nachtschattengewächs gemeint ist. Anschließend bat ich sie, noch etwas von den Luftkräutern aus ihrer bunten Dose über das Omelett zu streuen, doch nachdem sie die Dose geöffnet hatte, sah sie mich überrascht an. „Käuter alle“, rief sie und zeigte mir zum Beweis die leere Dose. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Den ganzen Tag über hatten wir beherzt in die Kräuterdose gegriffen, und Hannah hatte nicht den Eindruck erweckt, mit dem Kräutervorrat haushalten zu müssen, weil sich dieser langsam zu Ende neigte.
Ein Omelett ohne Kräuter würde nicht besonders gut schmecken, erklärte ich ihr, woraufhin sie in ihre Hosentasche griff. „Da, dibt doch noch Käuter“, sagte sie und streckte mir ihre Hand entgegen. Wahnsinn, was da alles in der Hosentasche war. Ich probierte es erneut und fragte sie, ob sich da zwischen den Kräutern, dem Mehl, den Kirschen, der Schokolade, dem Brot, der Ananas, dem Orangensaft, der Zitrone und der Butter nicht vielleicht doch noch eine Zwiebel findet. „Nein, Tiebel dibt nich.“ Schade. Ich fragte, ob die Kräuter wenigstens frisch seien? Hannah roch an ihrer Hand, das hat sie sich von uns abgeguckt, seitdem wir auf unserer Fensterbank Küchenkräuter züchten. Dann sollte ich riechen. Ich sagte ihr, dass ich einen Schnupfen hätte und deshalb nicht gut riechen können. Daraufhin zog sie sich ihre Nase ab und reichte sie mir.
Am Abend beschlossen wir in ein Restaurant zu gehen. Wer im Schweiße seines Angesichts den ganzen Tag in der Küche verbracht hat, der hat sich das einfach verdient. Außerdem hatten wir beide schon schrumplige Hände vom vielen Abwaschen. Noch lieber als zu kochen, wäscht Hannah ab. Ich hatte an anderer Stelle erwähnt, dass das kleine Mädchen einen äußerst ausgeprägten Ordnungsinn besitzt. Wir rätseln nach wie vor, wer ihr den nur vererbt hat. Beim Abwaschen jedenfalls endet Hannahs Phantasie, da besteht sie auf echtes Wasser.
Ich schlug Hannah vor, ins Casanova zu gehen, das ist die Pizzeria in unserem Haus. Aber sie wollte weder Pizza noch Spaghetti, was mich sehr erstaunte. Ich bot erfolglos an, ein Schnitzel essen zu gehen, selbst auf Pommes hatte sie keinen Hunger. Unter Döner kann sie sich offenbar nichts vorstellen. Wir gingen dann zum Chinesen. Ich glaube, Hannah findet das Wort so witzig, „Inesse, Inesse“, gluckste sie freudig erregt. Wir setzten uns, und während Hannah anfing, sämtliche Stäbchen auszupacken, die auf dem großen Tisch in kleine Papiertaschen gewickelt waren, studierte ich die dreisprachige Speisekarte.
Sämtliche Menüs wurden in Chinesisch, Deutsch und Englisch aufgeführt, wobei die Übersetzungen mitunter viel Phantasie erforderten.
Ich entschied mich für „Erdnusskerne mit Raureif“ sowie „Zahnkuchen mit fünf Düften“.
Für Hannah bestellte ich eine Portion „Fried Ice“.
Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.