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Tempo 30 (Folge 90): Sechserpackmuskeln

Unser Autor begegnet drei alienartigen Mitarbeitern eines städtischen Betriebes, was ihm zunächst einen gehörigen Schrecken einjagt und dann zu der Erkenntnis kommen lässt, dass so eine zwanziggliedrige Kralle nur von Vorteil sein kann.

Tempo 30
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
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Um einen Gedanken von neulich aufzugreifen. Sollten tatsächlich eines Tages Maschinen auf diesem Planeten das Kommando übernehmen, ist die Nummer damit natürlich durch und zwar ein für allemal. Und sei es die letzte Klapperkiste, die die Weltherrschaft an sich reißt, sie wird uns auf ewig überleben und überlegen bleiben, denn während unser Körper zwangsläufig altert, um irgendwann ganz den Geist aufzugeben, lässt sie sich einfach ausbessern und überholen. Da wird dann hier eine Schraube nachgezogen und dort ein Kabel ausgetauscht, und schon läuft alles wieder wie am Schnürchen. Das nennt man dann wohl Vorsprung durch Technik.

Wie ich darauf komme? Nun, offensichtlich hat das mit dem Siegeszug der Maschinen doch schneller begonnen, als ich mir das hätte vorstellen können.

Es ist Winter. Ein besonders schöner Winter ist das bislang, zweifellos, und ein besonders warmer obendrein. Ein nahezu malerischer Winter ist das, und dennoch fallen allenthalben die Blätter von den Bäumen, was dann ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass es tatsächlich bald grau und kalt und hässlich wird. Auf den Straßen und Gehwegen türmt sich kniehoch das Laub, was die Tage zu folgender, nachhaltig verstörender Situation führte. Ich stand an der Bushaltestelle, als ein auffällig lackierter Pritschenwagen neben mir hielt. Das werden die freundlichen Mitarbeiter vom Grünflächenamt sein, dachte ich mir, es ist wieder an der Zeit, dass sie ausschwärmen und die Stadt vom Laub befreien, dachte ich.

Was aber dann passierte, lässt sich mit Science Fiction nur unzureichend beschreiben. Die Ladeklappe öffnete sich, und herab stiegen drei mit Mützen und Masken vermummte Männer, halb Mensch, halb Maschine, denn wo ihr rechter Arm hätte sein sollte, erkannte ich nur ein langes, schwarzes Rohr, von dem aus eine Art Schlauch zu einem kanisterartigen Rucksack führte, den die Menschmaschinen auf dem Rücken trugen. Sie verteilten sich rund um die Bushaltestelle, ein ohrenbetäubender Lärm ertönte, und dann fingen die Männer an, mit ihren Rohrarmen das Laub vom Gehweg auf die Straße zu pusten. So etwas ähnliches hatte ich zuletzt in einer Werbung für ein düsteres Zukunftsszenarien skizzierendes Computerspiel gesehen.

Andererseits verstand ich die hochtechnisierten Grünflächenamtmitarbeiter nur zu gut. Wie mühsam es in all den Jahren gewesen sein musste, bei Nebel und Nieselregen die Straßen mit einem handelsüblichen Besen oder Rechen zu kehren. Der Arm wurde schwer und immer schwerer, der Rücken schmerzte, während ihnen das nasskalte Winterwetter in die Knochen fuhr. Und wie verlockend es deshalb war, sich besagtes Körperteil von der Schulter ab durch das Gebläse ersetzen zu lassen, ersparte es ihnen doch eine Menge an Kehrerei.

Es mag am zunehmenden Alter jenseits der 30 liegen, es mag auch nach wie vor schwer fallen, dies als unumstößliche Tatsache zu akzeptieren, aber was für ein reizender Gedanke es war, einfach am Nachmittag in die Fußgängerzone spazieren zu können, und nach dem ein oder anderen Ersatzteil Ausschau zu halten, der einem das Leben auf Dauer erleichtert. Zunächst würde man vermutlich nur das Nötigste kaufen, einen Satz ungetrübter Augen zum Beispiel, oder eine Rolle narbenfreie Haut für das rechte Knie. Man würde lediglich ein paar nervige Verschleißteile auswechseln, redet man sich ein, aber würde man es dabei belassen?

Man hört das doch immer wieder, von Menschen, die sich ihr erstes Tattoo stechen lassen und dann nicht mehr genug kriegen können, bis sie aussehen, wie eine zigmal überklebte Litfasssäule. Oder davon, dass man sich die Brüste vergrößern lässt und dann noch ein Stück und noch eines und dann darf man nicht mehr mit dem Flugzeug fliegen, weil es zu gefährlich ist und man die Sauerei allen Beteiligten ersparen will. Wenn man alles ausgebessert hätte, würde man doch mehr haben wollen. Ein Päckchen schrumpelfreie Finger hier, ein Sechserpack Bauchmuskeln da, und dann würde man an den Punkt kommen, an den die Laubbläser kamen, als ihnen ein original verpacktes Schlüsselbein nicht mehr genügte.

Und was würde ich dann machen? Mit so einem Gebläseungetüm könnte ich relativ wenig anfangen, es würde mir das Schreiben nicht unbedingt erleichtern. Aber ich könnte meine linke Hand durch eine zwanziggliedrige Kralle ersetzen lassen und meine Texte zukünftig einhändig und mit einer vielfachen Geschwindigkeit schreiben. Das wäre natürlich fantastisch. Auch wäre es nicht schlecht, ein zweites Gesicht am Hinterkopf zu besitzen. So könnte ich gleichzeitig Fernsehen und mich mit meiner Freundin Sophie unterhalten, ohne dass sie mir vorwerfen kann, ich würde nur auf den Bildschirm starren, aber niemals sie ansehen. 

Doch wenn ich mir gerade meine Tochter Hannah so anschaue, würde mich auf jeden Fall für eine große Portion Mutterinstinkt entscheiden.

Warum? Nächste Woche mehr.

Die Kolumne "Tempo 30" erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  9 | 11 | 2011
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