Dem Menschen ist der Instinkt mit in die Wiege gegeben, damit er in seiner natürlichen Umgebung überleben kann. Das mag eine unter Evolutionsbiologen und Verhaltenspsychologen nicht unbedingt beliebte Formulierung sein, ist der Instinkbegriff als solcher doch im Laufe der Jahrhunderte etwas aus der Mode gekommen. Seine Faszination jedoch hat er keineswegs verloren, auch wenn man in gewissen Kreisen besser von angeborenem Verhalten, denn von Instinkt sprechen sollte. Ich für meinen Teil verfüge beispielsweise über einen mitunter lästigen Helferinstinkt, der dazu führt, dass ich anderen kaum einen Wunsch ausschlagen und höchst selten nein sagen kann, sowie über einen ausgeprägten Fluchtinstinkt bei wegweisenden beruflichen Entscheidungen oder Kontroversen im Privatleben.
Was mir leider fehlt, ist das, was man für gewöhnlich den Mutterinstinkt nennt, das ist bei mir vermutlich genetisch bedingt. Mir wäre das auch nicht weiter aufgefallen, zumal ich, seit unsere Tochter Hannah in unserem Leben Regie führt, nicht das Gefühl hatte, mir würde etwas fehlen. Doch dann fuhren meine Freundin Sophie und ich mit der Kleinen über eines der vergangenen Wochenenden in ein schickes Ferienhaus. Das Haus liegt, nachdem man über die Käffer und durch einen kleinen Wald gefahren ist, sehr idyllisch direkt an einem See. Es gibt sogar einen Steg und ein morsches Ruderboot. Für den Fall, dass einem die horrende Miete für das schmucke Anwesen über den Kopf gewachsen ist, setzt man sich einfach in das Boot und paddelt hinaus. Da kommt die Versicherung nie darauf, dass das Selbstmord war.
Die Tagesrate für das Haus hätten wir uns im Sommer nie und nimmer leisten können, aber zumindest in den äußersten Randzeiten der Nebensaison ist sie auch für unsereins einigermaßen erschwinglich, wenn man in Kauf nimmt, dass alle lohnenden Ausflugsziele in der Region bereits geschlossen sind und die einzige Eisdiele im Ort ihr Sortiment auf Halstücher und Lederhüte umgestellt hat. Hannah hat das mit ihren zwei Jahren zwar nicht akzeptieren wollen, und einen Hut als Ausgleich für das ihr versprochene Eis wollte sie auch nicht. Doch am Abend machte ich den Kamin an, und beim Anblick der lodernden Flammen war sie wieder einigermaßen versöhnt, wenn ihr auch der Ausblick auf den See verwehrt blieb, denn es empfahl sich, zum Schutz gegen den eisigen Wind die Fensterläden zu schließen.
Wir tranken Tee und heiße Schokolade, brachten Hannah ins Bett und machten uns über die Menschen lustig, die ein kleines Vermögen dafür bezahlten, sich an diesem Ort in den Sommermonaten von den Mücken zerstechen zu lassen. Wir ahnten nicht, dass die Viecher angesichts der frostigen Temperaturen keineswegs elendig verreckt oder wenigstens in eine lähmende Winterstarre gefallen waren, sondern in den warmen Fugen des Hauses Unterschlupf gesucht hatten. Als Sophie später im Schlafzimmer, in dem auch Hannah lag, das Licht anknipste, bevor auch wir zu Bett gehen wollten, entdeckte sie auf der Wange der Kleinen eine Mücke und erschlug sie relativ kompromisslos. Dann schliefen wir ein.
In der Nacht weckte mich Sophie.
„Wach auf, los, mach schon. Guck dir das mal bitte an. Das gibt‘s doch wohl nicht. Da sind vier Mücken auf Hannahs Gesicht.“
Ich rieb mir die Augen, streckte mich und gähnte ausführlich, ohne jedoch die von mir erwartete Empörung zu zeigen. Sophie erwischte zwei der Mücken, wobei sie eine von ihnen reflexartig mit der bloßen Hand zerquetschte, während diese zu flüchten versuchte. Ich dachte ernsthaft darüber nach, dass ich endlich aufhören sollte, mich mit dieser Frau zu streiten. Dann schaute Sophie mich erwartungsvoll an.
„Jetzt steh‘ schon auf, und mach auch mal was.“
Schwerfällig kugelte ich aus dem Bett und wankte orientierungslos durch den Raum. Das Zimmer war an der Decke und an den Wänden mit Kiefernholz verkleidet, was die nächtliche Mückenjagd enorm erschwerte. Ich stieg auf einen Stuhl, das Bett und eine Kommode, und nachdem ich eine Mücke sowie dreizehn Astlöcher heldenhaft erschlagen hatte, gab ich auf.
„Das bringt doch nichts. Komm, Sophie, wir legen uns wieder hin. Die eine Mücke hat Hannah wahrscheinlich ohnehin schon gestochen. Die ist satt.“
„Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Die Viecher wollen mein Kind fressen. Wie kannst du jetzt schlafen?“
„Ich bin müde. Sollen sie Hannah stechen, dann kriegen wir wenigstens nicht ab.“
„Wie kannst du so was nur sagen? Also ich werde keine Ruhe geben, bis ich nicht alle erwischt habe.“
Mutterinstinkt.
Begleitet vom Klatschen blanker Hände auf Kiefernholz schlief ich ein, und irgendwann muss auch Sophie völlig erschöpft neben mich auf die Matratze gesunken sein. Am nächsten Morgen wurden wir von Hannah geweckt. Das kleine Mädchen war aus ihrem Bett geklettert, über Sophie gestiegen, um sich dann unsanft auf meinen Bauch fallen zu lassen. Ich sah in das fröhliche Antlitz meiner Tochter und schämte mich in Grund und Boden.
Bei der ersten Zählung kam ich auf 55 Stiche allein im Gesicht, bei der zweiten auf 63, bei der dritten und vierten auf jeweils 65. Ich versprach ihr, bei allem, was mir heilig ist, nie wieder zuzulassen, dass sie dermaßen zerstochen wird und bot an, zur Strafe freiwillig mit dem Boot hinaus zu fahren, was dann selbst Sophie als zu drastisch empfand. Stattdessen fuhr ich in den nächsten Supermarkt und kaufte Hannah ein Eis. Ich entschuldigte mich auf der Rückfahrt alle zwei Minuten bei meiner Tochter, die nicht verstand, was ich von ihr wollte, aber es war ihr auch egal, während sie genüsslich an ihrem dritten Eis leckte.
Hannah sah aus, als hätte sie die Röteln, Masern und Windpocken gleichzeitig bekommen
Zum Glück hat es sie nicht weiter gejuckt.
Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.