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Tempo 30 (Folge 92): Nebelnachbarn

Unser Autor lebt seit Jahren mehr oder weniger friedlich und unbesorgt mit seinen Nachbarn unter einem Dach. Doch nun kommen ihm erhebliche Zweifel, ob in den anderen Wohnungen alles mit rechten Dingen zugeht.

Tempo 30
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Im Laufe seines Lebens durchläuft der Mensch offensichtlich eine Vielzahl von psychosozialen Entwicklungsstufen, was den Neofreudianer Erik H. Erikson, einen gebürtigen Frankfurter mit dänischen Wurzeln, prompt dazu veranlasste, in seinem populären Modell gleich deren acht zu definieren. Bestimmt kann man das auch in sieben oder sechs Stufen hinbekommen, letztendlich unterscheiden sich da Psychoanalytiker nicht großartig von Fitnessgurus. Seit jemand damit angefangen hat, ein Acht-Minuten-Workout recht erfolgreich unter die Leute zu bringen, war es doch nur eine Frage der Zeit, bis die nicht minder effektive Sieben-Minuten-Version auf den Markt kam. Ich glaube, mittlerweile sind wir bei drei Minuten. Vielleicht werden die Menschen deshalb immer fetter. Wer immer sich also bemüßigt fühlt, kann Herrn Erikson gerne unterbieten, oder es auch besser sein lassen.

Der Mensch, so hat es Erikson bereits in den 50er Jahren für die Nachwelt aufgeschrieben, beginnt irgendwann damit, selbstständig zu werden, seinen Willen durchzusetzen und an sich selbst zu zweifeln. Da ist er dann so zwei Jahre alt. Oder drei. Oder vier. Später ergreift er dann die Initiative, fühlt sich schuldig, handelt in Eigenregie oder entwickelt Minderwertigkeitskomplexe. Er formt sein Selbstbild, stellt es in Frage, wendet sich anderen zu und grenzt sich ab. Dann lernt er, Rücksicht zu nehmen, egoistisch zu sein und eines Tages, wenn der Mensch erwachsen ist, wird er auf sein Leben blicken, das so rasend schnell an ihm vorbeizieht und lernen, den Tod zu fürchten. Aber das kommt alles später. Denn am Anfang steht immer das, was Erikson Urvertrauen genannt hat.

Nun bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir dieses angeborene Urvertrauen für immer behalten, und sei es nur unterbewusst, aber es ist definitiv noch da. Ansonsten würden wir doch nie und nimmer in Mehrfamilienhäuser ziehen und Tag ein, Tag aus über- und untereinander wohnen. Ohne dieses Urvertrauen würden wir alle in unseren kleinen Einfamilienhäusern hocken, umgeben von einem weitläufigen Grundstück, das uns durch eine hohe Hecke und einen nicht unwesentlich niedrigeren Zaun blickdicht von unseren Nachbarn abgrenzt. Aber das machen wir nicht, weil dann schon eine mittelgroße Stadt so viel Fläche wie das Bundesland Hessen benötigen würde, und so viel Fläche haben wir einfach nicht. Also wohnen wir in Mehrfamilienhäusern. So wie Sophie, meine Freundin, unsere kleine Tochter Hannah und ich.

Wir wohnen im vierten Stock, unter uns die Pfannenstiehls, im zweiten Herbert Sprotte und Frau, dann Oma Lotte und im Erdgeschoss Pepe, der da aber nicht wirklich wohnt, sondern seine Pizzeria hat, das Casanova. Die meiste Zeit bekommen wir gar nicht mit, dass wir übereinander wohnen, oder auch untereinander. Hin und wieder begegnen wir uns im Hausflur und grüßen, je nach Stimmungslage, mal mehr und mal weniger höflich. Wir fechten unsere kleinen Nachbarschaftskriege aus, ohne das irgendeine staatliche Gewalt präventiv eingreifen müsste. Ein wirklich gutes Verhältnis habe ich eigentlich nur zu Pepe, der eine klasse Pizza backt, fantastische Anekdoten erzählt und seinen Laden erst zuschließt, wenn man sich an seinem Tresen kräftig ausgeheult hat. Die anderen könnten meinetwegen auch in Timbuktu wohnen. Oft genug hingewünscht habe ich sie da immerhin.

Und trotzdem vertraue ich ihnen in soweit, dass ich Abends nicht die Wohnungstür abschließe, obwohl ich die meisten Bewohner unseres Hauses für ausgewachsene Spinner halte und dem ein oder anderen problemlos einen ausgewachsenen Dachschaden diagnostizieren könnte. Aber im Grunde genommen sind die doch alle harmlos. Aber vielleicht auch nicht. Man glaubt gar nicht, mit wem man so alles in einem Haus wohnen könnte. Hier nur zwei Beispiele aus Zeitungsmeldungen, die mich in den vergangenen Tagen ernsthaft darüber haben nachdenken lassen, uns weit draußen ein Haus mit weitläufigem Grundstück zu kaufen.

In Russland ist ein Mann festgenommen worden, der in seiner Wohnung lebensgroße Puppen wie andere Menschen Kakteen sammelte. Das mag an sich kein besonders schweres Verbrechen sein, aber seine Puppen waren nicht nur lebensgroß, sondern hatten tatsächlich auch einmal gelebt, bis sie starben, beerdigt und von dem Mann heimlich wieder ausgegraben wurden. 29 Frauenleichen hat der Kerl bei seinen über 700 Friedhofsbesuchen ausgebuddelt, in seine Wohnung geschleppt, in niedliche Puppenkleider gesteckt und hübsch in seiner Wohnung verteilt. Möchte man mit so einem unbedingt unter einem Dach leben? Oder ihm die Kinder zum Tee vorbei schicken?

In Amerika ist wenig später eine falsche Ärztin aufgeflogen, was in einem Land, in dem die Möglichkeiten unbegrenzt sein sollen, keine Seltenheit ist. Auch dass die Frau in ihrem früheren Leben ein Mann war, hätte nie und nimmer ein derartiges Medienecho ausgelöst, wie es die Nachricht auslöste, dass sie bei privaten Schönheitsoperationen zu höchst ungewöhnlichen Methoden gegriffen haben soll. Statt der bei solchen Eingriffen gängigen Materialien, spritze die falsche Ärztin ihren Patientinnen nämlich Zement, Mineralöl, Reifendichtmittel oder Klebstoff in den Hintern, um diesem zu formvollendeter Schönheit zu verhelfen, was nur schief gehen konnte.  Was macht man da bei der nächsten Erkältung? Geht man einfach zur Nachbarin, weil die schließlich Medizinerin ist?

Was, wenn die Pfannenstiehls eigentlich gar nicht zu dritt sind, sondern zu dreißigst?

Was, wenn der Sprotte heimlich längst ausgestorbene Reptilien wieder zum Leben erweckt?

Was, wenn Oma Lotte mit jungen Männer in Lederkostümen in ihrer Wohnung Gassi geht?

Und was, wenn Pepe seine Pizza in Wahrheit gar nicht selber backt, sondern auftaut?

Ist doch möglich, oder?

Ich kenne meine Nachbarn doch überhaupt nicht.

Aber dann habe ich einen Weg gefunden, mehr über sie zu erfahren

Nächste Woche mehr.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

Autor:  Sebastian Gehrmann
Datum:  23 | 11 | 2011
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