Eigentlich hatte ich doch versprochen, an dieser Stelle über das seltsame Gebaren meiner Nachbarn zu schreiben, beziehungsweise über jene Ungeheuerlichkeiten, von denen ich mittlerweile wohl oder übel annehmen muss, dass sie sich hinter ihren Wohnungstüren abspielen, seit ich diese Entdeckung gemacht habe. Und eigentlich war ich auch schon so gut wie auf dem Weg zu meinem Schreibtisch, der im Grunde genommen ein Doppelleben als Esstisch führt, da ich seit der Geburt unserer Tochter Hannah keinen eigenen Schreibtisch mehr besitze. Also, eigentlich besitze ich natürlich schon noch einen eigenen Schreibtisch, aber halt nicht so, wie man ihn besitzen sollte, wenn man regelmäßig an ihm arbeiten will.
Es ist nämlich so, dass wir durchaus ein gemeinsames Arbeitszimmer hatten, also Sophie, meine Freundin, und ich. Aber dann fiel uns Hannah in den Schoß, und das Kind brauchte Platz. Es brauchte sogar noch mehr Platz, als es tatsächlich braucht, zumindest dachten wir das. Sophie räumte ihren Schreibtisch entgegen ihrer ursprünglichen Pläne ins Schlafzimmer und ich meinen fein säuberlich zerlegt auf den Dachboden. Sophie hatte in unserer Wohnung zunächst ein geteiltes Arbeits-Kinder-Zimmer vorgesehen, aber dieser Gedanke verlor jegliche Romantik, als sie an ihre zahlreichen Arbeitsblätter dachte, aus denen Hannah im Handumdrehen Konfetti machen würde. Wir stellten stattdessen ein Gitterbettchen und rund eine Tonne an Spielsachen und Stofftieren in das Zimmer.
Hannah spielte mit ihrem neuen Zoo, als ich ihre Tür passierte, angetrieben von dem Gedanken, endlich den Text über die Nachbarn zu schreiben. Also, ich muss schon sagen. Wenn ich das, was ich heute über sie weiß, früher gewusst hätte. Ich blieb stehen und beobachtete Hannah für einen Moment. Wie schön, dass sie sich jetzt mit sich selbst beschäftigt, dachte ich, auch wenn es vielleicht nur zehn Minuten sind. Ist noch nicht so lange her, dass man sie gar nicht aus den Augen lassen konnte, dachte ich, weil man in ständiger Sorge war, irgendetwas unvorhergesehenes könnte passieren, mit dessen Konsequenzen man Zeit seines Lebens nicht mehr froh werden würde. Und da sich Hannah zudem offensichtlich nicht selbst über den Weg traute, war sie am liebsten die meiste Zeit bei uns.
Generell bildet man sich doch ein, die Gefahren für das Kind würden hinter jeder noch so winzigen Ecke lauern, weshalb man in der ständigen Angst lebt, es könnte sich aus Versehen irgendetwas schreckliches antun. Zum Beispiel habe ich einen Fenstergriff mit Schloss gekauft und Hannahs Spieltruhe von ihrem Bett abgerückt, weil doch die Gefahr bestand, sie könnte von der Truhe auf das Bett klettern, freihändig über das Seitengitter balancieren, ihre Schaukel zu packen zu bekommen und an ihr hängend so viel Schwung holen, dass es für einen kräftigen Satz auf das Fensterbrett reichte. Und ehe man sich versah, ist die Kleine auf den Balkon der Nachbarn gefallen. Aus diesem Grund durfte Hannah auch lange Zeit nicht mit ihrem Zoo spielen, bestand doch die Möglichkeit, dass sie sich an einem Krokodil verschluckt.
„Pumma, Papa“, forderte mich Hannah auf, ihr kleines Tierreich zu betreten, wobei doch der Küchenschreibtisch bereits in Sichtweite war. „Pumma“ ist eines der meist gebrauchten Begriffe in Hannahs Geheimsprachenwortschatz, den ich täglich aufs Neue versuche zu dechiffrieren. „Pumma“ bedeutet jedenfalls so viel wie „Guck mal“. In der einen Hand hielt Hannah einen Affen, in der anderen einen Elefanten, und da der Affe offensichtlich nicht gefrühstückt hatte, ließ Hannah ihn ein wenig an den Elefantenohren knabbern, während sie dabei lautmalerisch schmatzte. Ich erklärte meiner Tochter, dass Affen für gewöhnlich keine Elefanten verspeisen würden. Sie könnte ihm, schlug ich vor, aber stattdessen die Bananen geben, von denen es ebenfalls eine kleine Plastikversion gab, welche Hannah aber zu den Eisbären gelegt hatte. Auch sonst ging es in dem Zoo drunter und drüber.
Ich setzte mich zu ihr, schnappte mir den Karton, in dem sich die einzelnen Bausteine, Tiere und sonstigen Spielfiguren und Gegenstände befunden hatten, und begann, den Zoo der Vorlage entsprechend aufzubauen. Hannah war sichtlich irritiert. In ihrer Welt können Zebras und Löwen friedlich nebeneinander im Pinguinbecken planschen, Giraffen ihre Pfleger in der Schubkarren kutschieren und Esel ein riesiges Kotelett am Eisstand kaufen. In meiner Welt hingegen muss alles an seinem Platz sein und zwar so, wie es auf dem Karton abgebildet war. Hannah war dagegen. Welches Gehege ich auch immer versuchte aufzubauen, so wie es der Anleitung entsprach, zerstörte sie noch in dem Augenblick, in dem ich das letzte Teil verbaut hatte.
Ich bedeutete ihr vielleicht einen Hauch zu väterlich streng, mich nicht weiter zu stören, was Hannah zusätzlich provozierte. Den Rest des Tages belauerten wir uns regelrecht, robbten, auf den Knien rutschend, um den Zoo herum, und versuchten jeweils unsere Vorstellung der Szenerie durchzusetzen. Diesen Dickkopf hat das Kind auf jeden Fall von mir. Ich setzte die Affen in ihr Gehege, Hannah tauschte sie gegen drei kleine Kinder aus. Ich setzte zwei wehende Flaggen auf das mächtige Eingangstor, Hannah riss es bis auf die Grundmauern nieder. Ich pflanzte akkurat eine Reihe Blumen wie an der Schnur gezogen auf die noppige Spielunterlage, Hannah holte die Robben aus der Steppenlandschaft und ließ sie die Blumen auffressen.
„Ich glaube, ich kann nicht mehr Kind sein“, sagte ich zu Sophie, als sie am Abend das Kinderzimmer betrat.
„Warum nicht?“, wollte sie wissen.
„Mir fehlt es Phantasie. Vor dreißig Jahren hätte ich auch dem Affen einen Löwen auf Erdbeereis serviert, aber diese Zeiten kommen wohl nie wieder“, sagte ich.
„Ach, Kleiner. Ich würde mir da an deiner Stelle keine Sorgen machen“, sagte sie und deutete auf meine Hose.
Das linke Knie war aufgescheuert und drohte aufzureißen, während das rechte Knie meiner Hose bereits ein golfballgroßes Loch zierte.
Sophie holte die Nähkiste aus dem Schrank, ich zog meine Hose aus, wenig später präsentierte mir meine Freundin begleiten von Hannahs glücklichem Jauchzen das Ergebnis.
Auf das linke Knie hatte Sophie einen Löwenflicken genäht und auf das rechte ein Eis.
Und nächste Woche mehr zu den Nachbarn. Wenn nichts dazwischen kommt.
Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.