Nur für diejenigen, denen Marcell D‘Avis jetzt auf Anhieb kein Begriff ist, was allerdings nur auf die allerwenigsten zutreffen dürfte, sei an dieser Stelle erwähnt, dass es eben jener D‘Avis bis zum Leiter der Kundenzufriedenheit eines großen deutschen Internet Service Providers gebracht hat. Wobei ich auf die Schnelle nicht mit letzter Gewissheit herausfinden konnte, ob es diese schicke Abteilung, in der die Mitarbeiter ausnahmslos beneidenswert akkurat gebügelte Hemden tragen, deshalb gibt, weil so viele Kunden so unglaublich zufrieden mit ihrem Internetanbieter sind und regelmäßig Blumen schicken oder auch Pralinen. Gerüchteweise spricht leider nicht viel dafür.
Auch ist es zumindest möglich, dass der stets freundliche und betont dynamische Herr D‘Avis nur deshalb an die Spitze der Kundenzufriedenheit beförderte wurde, weil er schon derart lange in dem Unternehmen beschäftigt ist, dass man ihm eine Abfindung in Höhe des europäischen Rettungsschirms zahlen müsste, um ihn wieder loszuwerden, weshalb man ihn lieber dahin versetzte, wo er keinen größeren Schaden anrichten kann. Wer nämlich bis zum Leiter der Kundenzufriedenheit aufgestiegen ist, muss nur noch höchst selten persönlich im Büro erscheinen. Stattdessen muss man ständig kleine Werbefilmchen drehen, die dann alle fünf Minuten im deutschen Fernsehen zu sehen sind.
Nun bin ich ein durch und durch schwacher Charakter und deshalb höchst anfällig für Lockangebote aller Art, weshalb ich zum Beispiel gleich Verträge bei zwei Mobilfunkanbietern abgeschlossen habe, Mitglied in drei Fitnessstudios bin und über vier verschiedene Auslandskrankenversicherungen verfüge, die sich vermutlich fürchterlich in die Wolle kriegen werden, wenn es gilt, mich schwer erkrankt aus dem Amazonasgebiet zurück nach Deutschland zu fliegen. Und auch wenn es Marcell D‘Avis nie gelungen ist, mich um den kleinen Finger zu wickeln, so beeindruckte er mich dennoch nachhaltig, als er neulich kurz vor der Tagesschau mit seinem Laptop in einem Feld jenseits der Konzernzentrale stand. Einer allenfalls oberflächlich interessierten Milchkuh brüllte er dabei irgendwas von vollem Empfang ins Ohr.
Toll, dachte ich, das kann mein Internetanbieter bestimmt auch. Ich griff zu einem meiner beiden Mobiltelefone und ging in den Hausflur. Wenn der D‘Avis sogar draußen auf dem Acker Empfang hat, dann musste es doch möglich sein, sich auch ein oder zwei Stockwerke tiefer mit unserem W-Lan-Router zu verbinden. Wir wohnen im vierten Stock. Schon zwanzig Treppenstufen weiter unten jedoch war die Balkenreihe, die die Signalstärke anzeigt, auf einen kümmerlichen Rest zusammengeschmolzen, weshalb ich überlegte, Herrn D‘Avis noch am gleichen Abend persönlich zu uns zu zitieren, auch wenn er streng genommen nicht für den miesen Empfang zu verantworten war.
Verärgert ließ ich mein Mobiltelefon nach alternativen Netzwerken suchen, von denen drei tatsächlich in beachtlicher Signalstärke auf dem Display erschienen. Offensichtlich besaßen die drei Pfannenstiehls unter uns jeder einen separaten Internetzugang, was mir zunächst ungemein sympathisch war, litten sie doch offensichtlich unter dem selben Leichtgläubigkeitssyndrom wie ich oder hatten, was ebenfalls auf mich zutrifft, ständig das Gefühl, etwas haben zu müssen, was sie streng genommen überhaupt nicht benötigten und am Ende hatten sie eben alle ihr eigenes Netzwerk.
Bei genauerem Nachdenken jedoch kam ich zu dem Schluss, dass es schon für eine ausgewachsene Form der Paranoia spricht, wenn sich Vater, Mutter und Tochter Pfannenstiehl innerfamiliär derart misstrauten, dass sie sich gezwungen sahen, separate Netzwerke anzulegen, wobei ich „Bis(s)_ihr+insgrasbeißt+“ eindeutig Angelina Chantall, der fünfzehnjährigen Tochter, zuordnete. Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe, versuchte eine Verbindung herzustellen und tippte, nachdem ich aufgefordert wurde, ein Passwort einzugeben, die Worte Robert und Pattinson in das entsprechende Feld. Zwei Sekunden später war die Verbindung aktiv. Hoffentlich, dachte ich, verhütet sie nicht auf die gleiche Art, mit der sie ihr Netzwerk schützt.
Die anderen beiden Netzwerke, deren Ausgangsquellen ebenfalls nur im Pfannenstiehlsen Domizil stehen konnten, hießen „Bei*der*naechstenSchlampe*zieh*ich*aus“ und „#Verzeih_mirSCHNURZELPURZEL“. Bislang war ich offensichtlich dem Irrglauben erlegen, dass ein Netzwerk dazu da ist, in diesem zu kommunizieren und nicht über dieses. Ich beschloss, unser Netzwerk demnächst in „+++habdenaltenwiederimpuffgesehen+++“ umzubenennen. Dann ging ich ein Stockwerk tiefer und musste mit ansehen, dass an die Stelle der drei Pfannenstiehlnetzwerke der Name „Deutsches_NetzdenDeutschen“ trat.
Dass Herbert Sprotte ein unbelehrbarer Altnazi ist, wusste ich spätestens seit dem Tag, an dem sein Dackel mir die Pfote zum Hitlergruß hob und es ist mir bis heute peinlich, dass ich seine Gesinnung in den Begegnungen zuvor nicht auf Anhieb erkannt hatte. Um Sprotte jedenfalls mache ich seit der Sache mit dem Dackel einen großen Bogen und auch, wenn ich mir sein Passwort denken konnte, hatte ich nicht die Absicht, mich dort einzuloggen. Vermutlich saßen in einem der Lieferwagen vor der Haustür bereits der Verfassungsschutz und Vertreter verschiedener Landes- und Bundesbehörden, da war es besser nicht mit Sprotte in Verbindung gebracht zu werden.
Oma Lotte, die im ersten Stock wohnt, verfügte zu meiner großen Überraschung ebenfalls über ein eigenes Netzwerk, doch die Tatsache, dass dieses den Standardnamen „EasyBox-13AS523F_HGF77“ trug, sprach allein schon für den Umstand, dass Oma Lotte überhaupt nicht wusste, welche Funktion genau der kleine blinkende Kasten in ihrem Flur hatte. Zudem war das Netzwerk nicht durch ein Passwort geschützt, was ich allerdings erst bemerkte, als ich die Pizzeria Casanova im Erdgeschoss betrat. Von Pepe, dem besten Pizzabäcker des Planeten, weiß ich, dass er hier niemals seinen Gästen ein Netzwerk anbieten würde. Pepe ist ein außergewöhnlich kommunikativer Zeitgenosse. Er mag keine Menschen, die schweigend über ihre Laptops gebeugt sind.
Trotzdem trifft man genau diese Menschen neuerdings immer öfter im Casanova.
Wie das sein könne, fragte mich Pepe, wo ich doch herausgefunden hatte, dass die Netzwerke in unserem Haus lediglich in der Lage waren, über ein Stockwerk strahlen.
Ich überlegte einen Moment und wenn mich nicht täuschte, sagte ich zu Pepe, dann habe ich letztens Marcell D‘Avis gemeinsam mit einer adrett gekleideten Milchkuh in die Wohnung von Oma Lotte schleichen sehen. Seitdem gibt es auch bei Pepe vollen Empfang.
Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.