Habe Sophie doch neulich auf dem Balkon von Hannelore W. erzählt. Die wohnt seit grob geschätzt zweihundertfünfundvierzig Jahren in einem kleinen Haus mit Satteldach, das etwas geduckt zwischen mondänen Eigenheimen gegenüber von meinen Eltern steht. Der Vorgarten erinnert ein wenig an eine Töpferausstellung und spätere Generationen werden bei ihren Ausgrabungen wohl oder übel zu der Erkenntnis gelangen, dass die Menschen unserer Zeit unverhältnismäßig klein waren, ausnahmslos lange Bärte hatten und rote Zipfelmützen trugen. Das Küchenfenster der W. geht zur Straße. Jeden Morgen steht sie auf, bindet sich einen geblümten Kittel um ihren fülligen Leib, öffnet das Küchenfenster und schlägt ein Kissen auf. Dann legt sie das Kissen auf die Fensterbank, steckt sich eine Zigarette an und macht es sich bequem.
Auf einem kleinen Emailleschild neben der verglasten Haustür stehen lediglich ihre Initialen, H. und W., und vor vielen Jahren haben ein paar Jugendliche in der Nacht mit schwarzer Farbe „Human Watchdog“ unter das Türschild gepinselt. Drei Tage lang hatte die W. daraufhin versucht, dem Schriftzug mit allerlei beißenden Chemikalien zu Leibe zu rücken, während mein bester Kumpel Obelix und ich so unsere liebe Mühe damit hatten, zu erklären, warum es plötzlich modisch schwer angesagt sein sollte, den ganzen Tag über Handschuhe zu tragen und das im August. An einem Donnerstag gab die W. schließlich auf und schütte das Putzmittel in den nächstbesten Gulli, woraufhin die Stadtwerke allen Haushalten in der Gegend für zwei Wochen das Wasser abdrehen mussten.
Natürlich hat es nicht nur Nachteile unter ständiger Beobachtung zu stehen. Während in anderen Gegenden die Zahl die Wohnungseinbrüche von Jahr zu Jahr stieg, konnte man bei uns in der Straße die Terrassentür offen stehen lassen und beruhigt drei Wochen in den Urlaub fahren. Auch tendierte die Zahl der außerehelichen Seitensprünge in unmittelbarer Nachbarschaft nahezu gegen Null, nachdem die Männer aus der Nachbarschaft erst bei W. einen Kaffee tranken, bevor sie nach der Arbeit zu ihren Frauen gingen und fragten, wie denn deren Tag so war. Andererseits wurden, sobald sich die Besitzverhältnisse in einem der umliegenden Einfamilienhäuser änderten, die neuen Eigentümer regelmäßig von der Polizei verhaftet. Und seit die W. immer kurzsichtiger wird und neben ihrer Brille auch regelmäßig zum Fernglas greift, verlieren die Grundstücke stetig an Wert.
Jedenfalls lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass es vermutlich keinen Menschen auf der Welt gibt, der mehr über die ersten zwanzig Jahren meines Lebens weiß, als der der Sheriff mit den Lockenwicklern. Ich war ein gläserner Mensch, bevor dieser Begriff überhaupt in Mode kam. Und W. war natürlich nicht nur bestens darüber informiert, ob ich Schnupfen oder eine fünf in Biologie hatte, sondern auch darüber, was mich zu dieser und jener Zeit so umtrieb. Weder MTV noch Viva hatten doch zum Beispiel auch nur die leiseste Ahnung davon, welchen enormen Einfluss etwa das aufstrebende Rapduo Kris Kross aus den Vereinigten Staaten Anfang der 90er Jahre auf deutsche Frühpubertierende hatte.
Hannelore W. hingegen wusste das alles, aber natürlich machte sich niemand die Mühe, sie zu fragen. Wobei ich es sehr gerne gesehen hätte, wenn Mola Adebisi sie mal besucht hätte. Vermutlich wäre er nicht mal lebend bis zum Gartentor gekommen. Zurück zu Kris Kross. Chris Kelly und Chris Smith, die ich Zeit meiner Jungend nicht habe auseinanderhalten können, und dass sie sich die Künstlernamen „Mac Daddy“ und „Daddy Mac“ gaben, war mir keine große Hilfe, waren in einem dieser amerikanischen Megaeinkaufszentren entdeckt worden und wenig später stürmte ihre erste Single, die den Titel „Jump“ trug, geradewegs an die Spitze der Musikcharts.
Viel zu oft wird doch viel zu leichtfertig davon gesprochen, wie sehr eine bestimmte Musikrichtung oder eine bestimmte Band das eigene Leben beeinflusst habe, doch bei Kris Kross ging das weit darüber hinaus. Als unverwechselbares Markenzeichen trugen Kelly und Smith ihre Klamotten verkehrt herum, auch die Jeans, was bedeutet, dass bei ihnen der Schritt am Hintern hing und umgekehrt. Da lasse ich jetzt der Fantasie einfach freien Lauf. Und natürlich hätten mich meine Eltern so niemals aus dem Haus gelassen, weshalb ich am Morgen hinter dem Kombi in unserer Einfahrt kauerte, aus meiner Hose schlüpfte und wieder hinein, nur andersherum. Dann grüßte ich die W. flüchtig und ging.
Nun muss ich den Herren Mac und Daddy natürlich aus tiefstem Herzen dafür danken, denn sie hätten mit „Jump“ auch im tiefsten Winter berühmt werden können, und da ist es für gewöhnlich viel zu kalt für einen morgendlichen Striptease. Andererseits ist es im Winter auch am Morgen noch stockdunkel, was mich eventuell vor den neugierigen Blicken der W. hätte schützen können. Wobei sie vermutlich ohnehin ein Nachtsichtgerät besitzt. Außerdem muss ich ihr hoch anrechnen, dass sie mich kein einziges Mal verpfiffen hatte, wenn ich am Mittag zurück kam, hinter dem Auto verschwand und erneut aus der Hose turnte.
Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.