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Tempo 30: Sebastian Gehrmann wird 30
Als Sebastian Gehrmann 30 wird, ist alles vorbei

11. Januar 2012

Tempo 30 (Folge 99): Konjunkversen

 Von Sebastian Gehrmann
Die Kolumne Tempo 30 erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.  Foto: FR

Unser Autor kommt hin wieder in die Verlegenheit, sich mit dem kontroversen Konjunktiv auseinandersetzen zu müssen. Bei dieser grammatikalischen Spitzfindigkeit ist zumindest theoretisch mit dem Schlimmsten zu rechnen.  

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Habe erst neulich im Auto wieder gedacht, wie langweilig das Leben doch ohne den kontroversen Konjunktiv ist. Oder sein würde. Der kontroverse Konjunktiv, das kurz zur Erklärung, ist im Prinzip nichts anderes als eine beziehungsspezifische Variante des Konjunktiv II. Er wird für gewöhnlich in Konditionalsätzen gebraucht, nur mit dem Unterschied, dass im kontroversen Konjunktiv ein nicht zu verachtendes Konfliktpotenzial schlummert, das vor allem dann zum Vorschein tritt, wenn Mann und Frau in einer Ehe oder eheähnlichen Beziehung oder auch in jeder, ganz harmlos wirkenden Gesprächssituation, sich seiner bedienen. 

Ein Beispiel. Ich sitze mit meiner Freundin Sophie im Wohnzimmer, während von draußen ein eisiger Wind gegen die Fenster peitscht. Die Heizung hat Sophie auf Stufe sechs von sechs gedreht, weshalb ich mit nacktem Oberkörper und kurzen Hosen neben ihr hocke, während von ihr unter drei Lagen Woll- und zwei Lagen Fleecedecke nur ein halber Kopf von der Nase aufwärts zu sehen ist. „Wenn wir morgen in den Urlaub fliegen könnten, wohin würdest du wollen?“, nuschelt Sophie bibbernd unter ihrem selbst gestrickten Schal hervor. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, lasse einen weiteren Eiswürfel in meinen „Für zauberhafte Winterabende“-Yogi-Tee fallen und sage: „Nordpol.“

„Jetzt mal im Ernst, wohin?“ Ich denke kurz nach. Wenn auf der Nordhalbkugel gerade Winter ist, dann ist auf der Südhalbkugel konsequenterweise Sommer. Ich sehe Sophie tief in ihre frierenden Augen, breche einen Eiszapfen von ihren Wimpern ab und sage: „Neuseeland.“ „Neuseeland?“, kommt es frostig zurück. „Du hast sie doch nicht mehr alle.“ Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich sie gerade richtig verstanden habe. Es klang zwar wie „Du hast sie doch nicht alle“, hätte aber genau so gut „Dann fasten wir noch alle“ heißen können. Offensichtlich fürchtet Sophie die enormen Kosten einer solchen Reise, weshalb ich sie zu beruhigen versuche. „Die Flüge sind mittlerweile günstiger als man denkt.“

„Fliegen ist total unökologisch“, schimpft Sophie und wendet sich von mir ab, als würde mit jedem meiner Atemzüge eine Tonne CO2 in die Atmosphäre geblasen. „Außerdem können wir uns das echt nicht leisten, egal wie günstig die Flüge angeblich sind. Wir sollten stattdessen einen Kamin anschaffen. Und denk doch mal an Hannah. Hast du auch nur einen Moment an Hannah gedacht? Wie soll das kleine Mädchen eigentlich den langen Flug durchstehen? Aber das ist dir wahrscheinlich egal. Ich werd‘ jedenfalls nicht die ganze Zeit hinter ihr her rennen und sie bespaßen, während du in deinem Sitzt herum lümmelst und schnarchst. Aber Hauptsache wir buchen einen sauteuren Flug nach Neuseeland. Also, wirklich. Und am Ende stürzen wir auch noch ab. Dann sind wir alle tot, nur weil du unbedingt da hin wolltest. Na vielen Dank.“

Drei Minuten später denke ich, ich sollte mal wieder atmen und sage dann: „Jetzt beruhig‘ dich doch mal wieder. Wir haben doch ohnehin keinen Urlaub. Du wolltest doch wissen, wohin ich fliegen würde, wenn wir Urlaub hätten, aber wir haben keinen.“ Sophie schleudert mir einen eiskalten Blick entgegen. „Vielleicht hätte ich mir gewünscht, dass du so etwas gesagt hättest, wie: Lass uns mit dem Zug in die Alpen fahren, ganz romantisch, und dort eine Woche Schneewandern. Wir könnten in kleinen, ablegenden Hütten schlafen. Das ist viel umweltfreundlicher und man ist den ganzen Tag an der frischen Luft. Hannah fände dass bestimmt auch total schön, aber auf so etwas kommst du natürlich nicht.“ „Na gut“, sage ich, „dann eben Schneewandern in den Alpen“, greife nach einem Eiswürfel und werfe ihn in Sophies Tee.

Anderes Beispiel. Wir sitzen im Auto, Hannah schläft hinten in ihrem Kindersitz und sieht dabei aus, als hätte sie jemand K.o. geschlagen, und ich frage Sophie: „Wenn wir heiraten würden, wie viele Leute würdest du einladen?“ „Zweihundert.“ Ich überschlage im Kopf was es kosten würde, eine von diesen Hochzeitshallen zu mieten, in denen die Südländer feiern und gelange zu der Erkenntnis, dass es günstiger wäre, den Winter über in Neuseeland zu leben, inklusive Flug. „Ich denke, eine Hochzeit mit zweihundert Gästen würde unsere finanziellen Möglichkeiten dann tatsächlich deutlich übersteigen“, sage ich trocken und füge an, dass etwa die Hälfte unserem Budget eher entsprechen würde, also eigentlich ziemlich genau hundert Gäste. Aber da hat Sophie bereits in ihrem Kopf ihren Teil der Gästeliste geschrieben. „Also, ich komme auf neunundneunzig, aber wahrscheinlich habe ich noch total viele vergessen“, sagt sie.

„Neunundneunzig“, wiederhole ich laut, als wäre ich kaum älter als Hannah und hätte enorme Probleme damit, mir die gigantische Größe dieser Zahl überhaupt vorzustellen. Dann sage ich: „Vielleicht könnten meine Eltern würfeln oder Streichhölzer ziehen oder Schere-Stein-Papier spielen und dann darf der Gewinner zu unserer Hochzeit kommen.“ „Ich weiß, wen ich noch vergessen habe“, platzt es aus Sophie, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir überhaupt nicht zugehört hat. „Gott sei dank“, höre ich mich sagen, „dann wird von meinen Eltern wenigstens keiner enttäuscht sein, wenn beide zuhause bleiben müssen.“ „Wieso wollen deine Eltern nicht kommen?“, fragt Sophie.

„Fünfzig-fünfzig“, sage ich mit der größtmöglichen Überzeugung in der Stimme und sehe dabei herüber auf die Frau auf dem Beifahrersitz.“ „Kannst du bitte auf die Straße gucken!“, schreit Sophie, „da kann ich mich ja gleich in ein Flugzeug setzen, wenn du so fährst.“ Ich sage: „Wenn wir uns nur hundert Gäste leisten können, dann lädt eben jeder von uns fünfzig ein. Dann musst du dir eben genau überlegen, wer von deinen vielen Freunde und sonstigen Bekanntschaften dir so wichtig ist, dass du sie auf unsere Hochzeit einladen würdest und auf wen man möglicherweise verzichten kann. Das ist doch nur fair.“ „Und wen lädst du dann ein, um auf fünfzig zu kommen?“, fragt Sophie. „Deinen Friseur? Die Frau hinter der Wursttheke? Den Postboten?“

Dann schweigen wir für eine Weile, weil jedes weitere Wort womöglich zu einem handfesten Streit mit unabsehbaren Konsequenzen führt. Oder führen würde.

Die Kolumne „Tempo 30“ erscheint jeden Mittwoch auf der Internetseite der Frankfurter Rundschau.

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