Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Terror

09. Januar 2015

„Für Muslime ist der Terror ein Stachel“

Französische Muslime im Gebet. "Von Strömungen, die in Richtung Gewalt gehen, müssen wir uns distanzieren", sagt Mouhanad Khorchide.  Foto: AFP

Mouhanad Khorchide über Gewalt und Islam

Drucken per Mail

Herr Khorchide, gibt es im Islam einen speziellen Keim der Gewalt?
Gewalt gibt es in allen Religionen. Im Islam ist sie auf bestimmte Regionen konzentriert. So erleben wir in den größten muslimischen Ländern, Indonesien und Malaysia, kaum religiös motivierte Gewalt, im Nahen Osten dagegen sehr wohl.

Die Stadt Paris liegt bekanntermaßen jedoch nicht im Nahen Osten.
Aber die Argumente für die Anwendung von Gewalt speisen sich überwiegend aus dem Nahost-Konflikt. Man muss nicht einmal selbst dort leben. Es reichen Bilder. Zur Rekrutierung ihres Nachwuchses zeigen Terrorgruppen wie der IS Videos vergewaltigter Musliminnen im Irak. Die eigentliche Ursache der Gewalt ist die prekäre politische und soziale Lage von Menschen, die sich ausgegrenzt und gedemütigt fühlen. Sie überhöhen ihre Frustration, indem sie Gewalt als „heilig“ und „gottgewollt“ hinstellen. Die Selbstinszenierung der Pariser Terroristen zeigt, dass sie als „Vollstrecker göttlicher Rache“ berauscht sind von der Erfahrung eigener Macht. Für Menschen, die sich sonst immer als ohnmächtig erlebt haben, ist das unglaublich faszinierend.

Reicht das Mantra vom „Missbrauch der Religion“ als Erklärung? Die Bibel etwa veranlasst heute kaum jemanden zur Gewalt gegen andere.
Weil die Bibel überhaupt nur noch für die Wenigsten ein realer Leitfaden ihres Handelns ist. Wo sie es doch ist, etwa bei Evangelikalen in den USA, finden sich sehr wohl Tendenzen zu religiös motivierter Gewalt. Allerdings, das gebe ich zu, ist eine historisch-kritische Lektüre der heiligen Schriften in der christlichen Theologie ungleich selbstverständlicher als unter islamischen Gelehrten. Um die Auslegung des Korans ist innerislamisch ein heftiger Kampf im Gange. Es gibt eine friedliebende Deutung des Korans, aber auch eine gewalttätige.

Wie ist die Gewichtung im Koran?
Von den 6236 Versen des Korans sprechen nur sehr wenige über Gewalt und Krieg. Die Aussagen über den barmherzigen Gott stehen im Verhältnis 18:1 zu den Aussagen über den strafenden Gott. Das ist auch den meisten Muslimen klar, die Gewalt im Namen Gottes ablehnen. Ich gebe allerdings zu: Mit den kriegerischen Passagen lässt sich Gewalt legitimieren, wenn man die Texte nicht im historischen Kontext versteht. Man darf das Gewalt-Phänomen aber auch nicht auf Theologie reduzieren.

Zur Person

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 in Beirut, studierte von 1999-2004 islamische Theologie an der Al Ozaii-Imam-Fakultät im Libanon. Als Islamwissenschaftler und Soziologe ist er heute Professor am „Centrum für Religiöse Studien“ an der Universität Münster.

Er veröffentlichte das Buch: „Scharia – der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik“ (Herder Verlag, 2013).

Sondern?
Muslime außerhalb Europas verbinden mit „dem Westen“ nicht so sehr die Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten, sondern eine Machtpolitik ohne Rücksicht auf Rechte und Werte anderer. Solche Wahrnehmungen lassen sich mit Theologie allein nicht verändern.

Gibt es unter Muslimen eine zumindest stillschweigende Übereinkunft, was das Motiv der Gewalttäter betrifft, nämlich die Verteidigung des Islams oder speziell des Propheten Mohammed gegen Verunglimpfung etwa in Form von Karikaturen?
Ich denke, die große Masse der Muslime wäre zufrieden, wenn Zeichner solcher Karikaturen lediglich ihren Job verlören.

Auch eine solche oder ähnliche „Sanktion light“ widerspräche doch fundamental der Meinungsfreiheit.
Viele Muslime haben damit ein Problem. Umso wichtiger ist es, dass wir mögliche Grenzen der Meinungsfreiheit ohne jedwede Form von Machtausübung bestimmen, sondern einzig mit der Kraft der Argumente.

Wie wird der Anschlag von Paris das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen bei uns verändern?
Gruppierungen wie Pegida ist dieser Anschlag zur Instrumentalisierung höchst willkommen. Aber ich glaube, die meisten Menschen bei uns wissen schon zu differenzieren: Die Terroristen stehen nicht für „die Muslime“. Für die Muslime selbst wiederum ist der Terror ein Stachel, der zur Auseinandersetzung mit ihrer Tradition treibt. Von Strömungen, die in Richtung Gewalt gehen, müssen wir uns distanzieren und ein für alle Mal verabschieden. Es hat ja keinen Sinn, zu behaupten, dieser Terror habe „nichts mit dem Islam“ zu tun. Die Terroristen sind nun mal Muslime.

Genau wie Sie. Worin liegt für Sie noch das Verbindende?
Allein im Begriff. Mag sein, dass diese Leute im Koran lesen wie ich. Aber das war’s dann. Ich denke, wir glauben auch nicht an denselben Gott. Inhaltlich stehe ich jedenfalls einem gläubigen Christen, ja selbst einem aufrechten humanistischen Atheisten sehr viel näher als einem, der sich „gläubiger Muslim“ nennt, aber wüst um sich schießt.

Interview: Joachim Frank

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Dossier

Paris, Istanbul, Brüssel - der Terror erreicht Europa. Das Dossier.

Anschläge in Paris

Orgie von Gewalt und Tod

Von Kugeln durchlöchert: ein Fenster des Restaurants Carillon.

An den Schauplätzen des islamistischen Terrors kann man im Umkehrschluss erkennen, was es zu verteidigen gilt: die Freiheit, die Vielfalt der Lebensstile, Kunst und Kultur, Geschichte und Tradition. Mehr...

Videonachrichten Terror

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Anzeige

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

Meinung