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Terror

07. Januar 2016

Charlie Hebdo: Je ne suis plus Charlie

 Von 
Die Leser des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ sind wieder unter sich: Szene in einem Straßencafé in Nizza.  Foto: rtr

Ein Jahr nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo ist der Geist der Solidarität gegen den Terror passé. In Frankreich herrscht jetzt der Hass der Rechten auf alles Fremde.

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Schon ein Jahr! Ein Jahr ist es her, dass zwei Brüder namens Chérif und Saïd Kouachi in die Redaktionssitzung des Satireblattes „Charlie Hebdo“ eindrangen und mit ihren Kalaschnikows ein Blutbad anrichteten.

Einen Tag später brachte ihr Komplize Amédy Coulibaly eine Polizistin im Pariser Vorort Montrouge um; am dritten Tag, einem Freitag, nahm und erschoss er in einem jüdischen Kleinmarkt sodann mehrere Geiseln, während die Polizei gerade die Kouachis in einer Fabrik östlich der Hauptstadt stellte.

17 Menschen plus die drei Terroristen ließen dabei ihr Leben. Frankreich stand unter Schock: Am Sonntag gingen in Frankreich spontan vier Millionen Menschen auf die Straße und beschworen die Solidaritätsdevise „Je suis Charlie“. An der Spitze der Pariser Demo – die so riesig war, dass sie in drei Züge geteilt werden musste – marschierten gut 40 Staats- und Regierungschefs von Angela Merkel bis Viktor Orbán. Nur die Rechtspopulistin Marine Le Pen war unerwünscht und musste auf einen Front-National-Umzug in der fernen Camargue ausweichen.

In den Wochen danach ging Frankreich in sich und fragte sich, wie es so weit hatte kommen können; Premierminister Manuel Valls gelangte gar zur Einsicht, dass die Banlieue-Jugend in einer sozialen, schulischen und geographischen „Apartheid“ lebe. Präsident François Hollande erklärte, die Republik sorge sich um alle Bürger aller Religionen.

Bald zeigten sich allerdings Risse im schönen Bild nationaler Eintracht. Die Polizei nahm in ihrem Eifer nicht nur verdächtige Islamisten fest, sondern zum Beispiel auch einen Achtjährigen, der etwas von Dschihad faselte. Im Frühling erschien posthum ein Essay des erschossenen Charlie-Zeichners Charb, das die umstrittenen Mohammed-Karikaturen rechtfertigte. „Aufgrund welcher verdrehten Theorie ist Humor weniger vereinbar mit dem Islam als mit einer anderen Religion?“, fragte der frühere Vordenker des Satireblattes, um sich gegen den Vorwurf der Islamophobie zu verteidigen.

Produktion der aktuellen „Charlie-Hebdo“-Ausgabe.  Foto: REUTERS

Danach warf der Soziologe Emmanuel Todd der Charlie-Gemeinde in einer Streitschrift vor, sie bestehe nur aus der „weißen, katholischen Mittelschicht“. Diese sei bemüht, „ihre Privilegien und insbesondere ihr gutes Gewissen gegen Ausgeschlossene, alteingesessene Arbeiter oder Kindern von Einwanderern zu verteidigen“. Luz, ein „survivant“ (Überlebender) und tragender Pfeiler von Charlie Hebdo, der nach dem Anschlag das kongeniale Cover mit dem weinenden Propheten („alles ist verziehen“) entworfen hatte, brach ein langes Schweigen und erklärte, er sei es „müde“, weiter Mohammed zu zeichnen und falsch verstanden zu werden. Im September schied er aus der Charlie-Redaktion aus.

Ein Bestseller wirkte weiter: Michel Houellebecq beschrieb in der Politfiktion „Unterwerfung“ einen islamistischen Wahlsieg in Frankreich. Der Plot entspringt eher den Phantasien und Ängsten eines hochneurotischen Autors als der wahlpolitischen Realisierbarkeit, doch das tat nichts zur Sache: Dass das Buch zufällig und ausgerechnet am Tag der Charlie-Anschläge erschienen war, verlieh ihm von Beginn weg Kultstatus.

„Krieg der Zivilisationen“

Ebenso defätistisch und erfolgreich war „Der französische Selbstmord“ des Reaktionärs Eric Zemmour, ein Pamphlet, das den neuen Vormarsch des fremdenfeindlichen Front National bei den Regionalwahlen von Mitte Dezember vorwegnahm.

Doch zuerst erzitterte Frankreich ein zweites Mal in seinen Grundfesten, als ein Terrorkommando am 13. November die Gäste von Pariser Bistroterrassen und des Bataclan-Lokals mit ihren Sturmgewehren niedermähte. 130 Tote blieben zurück, 350 Menschen wurden teils schwer verletzt. Unter den Opfern war auch der Charlie-Geist: Versöhnlichkeit, Brüderlichkeit und republikanisches Zusammenstehen sind in Frankreich nicht mehr aktuell. Hollande gab sich martialisch und dekretierte den nationalen Ausnahmezustand; der frühere Banlieu-Bürgermeister Valls äußerte kein Verständnis mehr für die Banlieue-Kids, sondern sprach von einem „Krieg der Zivilisationen“. Auch sonst erinnerte das Vorgehen der beiden Sozialisten eher an den amerikanischen „Patriot Act“ nach den Nine-Eleven-Anschlägen auf die New Yorker Twin Towers.

Am Denkmal für den getöteten Polizisten Ahmed Merabet.  Foto: AFP

Frankreich drapiert sich in die Trikolore; die Armeepatrouillen in den Straßen gehören heute ebenso zum Alltag wie die – bereits über 3000 – Hausdurchsuchungen, die in Wohnvierteln ohne richterliche Ermächtigung vorgenommen wurden und werden. In der französischen Politik hat es Charlie nicht leichter. Die Dezemberwahl, die den Front National als führende Partei Frankreichs bestätigte, ist vorbei, doch Hollande portiert weiter FN-Vorschläge wie die Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Terroristen. Der Philosoph Alain Finkielkraut tönte wie ein Le Pen-Echo, er fühle sich angesichts der Immigration fremd im eigenen Land.

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Das gilt allerdings mindestens so sehr für hunderttausende junger Franzosen der zweiten und dritten Einwanderergeneration: Im Vorstadtzug werden sie misstrauisch angeschaut, bei der Ankunft im Pariser Gare du Nord von der Polizei gefilzt. Die Zahl islamfeindlicher Akte – Anschläge auf Moscheen und dergleichen – ist 2015 auf über 400 hochgeschnellt. Die IS-Terrorstrategen im fernen Syrien reiben sich die Hände.

Als an Weihnachten ein paar Banlieue-Rowdys in der korsischen Stadt Ajaccio Feuerwehrleute mit Steinen bewarfen, versammelte sich im Stadtzentrum aus dem Nichts ein Mob.

Zum Ruf „Arabi Fora“ (Araber raus) zogen ein paar hundert Korsen zu einem muslimischen Gebetsraum und verwüstete ihn. Dann verbrannten sie Exemplare des Koran, von dem die Steinewerfer wohl noch keinen Buchstaben gelesen haben.

In einigen anderen Städten hatten muslimische Verbände am Heiligabend hingegen mitgeholfen, Kirchen vor befürchteten Anschlägen zu schützen. „Wir leben zusammen, wir sind alle Brüder“, meinte Organisator Hachim El Jazouli in Lens (Nordfrankreich). Die Kirchenbesucher spendeten der symbolischen Aktion dankbar Applaus. Vielleicht erinnerten sie sich kurz an die Zeit, als in Frankreich noch der „esprit Charlie“ geweht hatte.

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Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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