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Terror

08. Januar 2015

Georges Wolinski: Prägender Cartoonist ist tot

 Von Jens Balzer
Georges Wolinski 2008, immer zum Streit bereit.  Foto: rtr

Georges Wolinski, 1934 in Tunis geboren und am Mittwoch im Alter von 80 Jahren beim Attentat auf die „Charlie-Hebdo“-Redaktion in Paris erschossen, gehörte zu den prägenden Cartoonisten und Comic-Autoren Frankreichs. Wolinski hat mit seiner Biografie die Linie des Magazins geprägt.

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Sie wurde entführt. Versklavt. An der Seite wechselnder Männer durch die Weltgeschichte gewirbelt. Sie hat mit maoistischen Guerilleros gekämpft und wurde in einem Harem gehalten. Aber je scheußlicher ihr die feindliche Männerwelt zusetzte, desto deutlicher entdeckte die erst so naive Millionen-Erbin Paulette ihre individuellen Stärken als Frau.

„Paulette“ heißt die Comic-Serie, mit der Georges Wolinski Anfang der 70er Jahre auch außerhalb Frankreichs berühmt wurde; die plastischen Bilder seines Zeichnerkollegen Georges Pichard passte er in eine anspielungsreiche, in Godard-hafter Art mit politischen Parolen und trivialkulturellen Zitaten gespickte Story. Sehr viel nackte Frauenkörper gab es dabei auch zu sehen.

Georges Wolinski, 1934 in Tunis geboren und am Mittwoch im Alter von 80 Jahren beim Attentat auf die „Charlie-Hebdo“-Redaktion in Paris erschossen, gehörte zu den prägenden Cartoonisten und Comic-Autoren Frankreichs. Jedem der zwölf Opfer dieser unfassbaren Tat möchte man einen eigenen Nachruf schreiben. Doch zeigt sich am Werdegang Wolinskis vielleicht am besten, wie der Provokationsgeist und die „Charlie“-Ästhetik entstanden.

Ihre Wurzeln liegen ebenso im politischen Aufbruch der 60er Jahre wie in der sexuellen Revolution; ihr grafischer Stil verdankt minimalistischen Karikaturisten wie Saul Steinberg ebenso viel wie dem Anfang der Sechziger erblühenden „Erwachsenen-Comic“.

Die 1970 gegründete Satirezeitung ging aus dem verbotenen Vorgängerblatt „Hara-Kiri“ hervor.  Foto: Imago

Für den gehörte die Kombination aus erotischen, oft pornografischen Bildern und linker, oft linksradikaler Politik zu den charakteristischen Merkmalen – nicht zuletzt, um sich gegen die Vermutung zu wappnen, Comics seien nur etwas für Kinder. Zwar wurde „Paulette“ von Wolinski und Pichard nie so berühmt wie die ähnlich gewirkten „Barbarella“ von Jean-Claude Forest und „Pravda“ von Guy Pelleart. Doch ging dieser Comic fraglos am geistreichsten und satirischsten mit den politischen Umwälzungen der sechziger Jahre um. Was daran lag, dass Wolinskis wesentliche Inspirationen einerseits aus den US-amerikanischen Comics kamen, die er schon als Kind las; dass er aber zugleich seit Beginn seiner Karriere vor allem für politisch-satirische Zeitschriften arbeitete. Vor allem für Hara-Kiri: Für das 1960 in Paris gegründete Magazin gehörte er ebenso zu den ersten Zeichnern wie Jean Cabut alias Cabu, ein weiteres Opfer des Attentats vom Mittwoch.

Von Anfang an verspottete Hara-Kiri die französische Gesellschaft und Politik, und es dauerte nicht einmal ein Jahr, bis das Heft zum ersten Mal von der Zensur verboten wurde. Zum zweiten Mal musste die Produktion 1966 eingestellt werden; und dass Hara-Kiri nach einem Jahr überhaupt wieder an die Kioske kam, war nur der Intervention prominenter Intellektueller zu danken, unter anderem von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

Der Mai 1968 erhöhte die Popularität der Hara-Kiri-Hefte erheblich, so dass die Redaktion expandierte: mit dem wöchentlichen Hara-Kiri Hebdo und dem monatlichen Charlie Mensuel, in dem nun – ab 1970 unter der Chefredaktion von Wolinski – ausschließlich Comics gedruckt wurden. Zum Beispiel die „Peanuts“-Strips von Charles M. Schulz – schon der Titel des Hefts war ja eine Hommage an Charlie Brown –, aber auch Klassiker wie „Krazy Kat“ von George Herriman und die frühen „Popeye“-Comics von Elzie C. Segar.

Trauer um Georges Wolinski auch in Brüssel: Die belgischen Zeichner Gal (l.) und Marec zeigen sich erschüttert vom Tod ihres Kollegen.  Foto: afp

Weil Hara-Kiri Hebdo sich sogar über den Tod von Charles de Gaulle lustig machte, wurde es im November 1970 vom Innenministerium verboten – und setzte das Erscheinen kurzerhand unter dem Titel der Schwesterzeitschrift fort: als Charlie Hebdo. Die Geschicke von Charlie Mensuel, wiederum, wurden noch ein ganzes Jahrzehnt von Georges Wolinski geprägt. Weil er zeitgleich für die kommunistische Zeitung L’Humanité zeichnete, wurde er 1981 dann aber – wie er es später selbst formulierte – „vor ein Redaktionstribunal gestellt“ und als Chefredakteur entlassen.

Fortan betätigte er sich als freier Zeichner und Autor. Von „Paulette“ entstanden insgesamt sieben Teile. Auf deutsch erschien der Comic zunächst ausgerechnet in der Zeitschrift Pip des rechtsgerichteten Fix-und-Foxi-Verlegers Rolf Kauka; zwei Alben kamen später bei dem auf Pornografie spezialisierten Kleinverlag Bahia heraus.

Beide Charlie-Magazine stellten in den achtziger Jahren ihr Erscheinen ein. 1992 sammelte sich eine Gruppe von Zeichnern – was für ein bitterer Witz angesichts der Ereignisse vom Mittwoch – unter dem Namen Les Éditions Kalachnikof, um Charlie Hebdo neu zu beleben. Auch Wolinski gehörte nun wieder zu den Betreibern und regelmäßigen Autoren. 2005 wurde er beim Internationalen Comic-Festival in Angoulême für sein Lebenswerk geehrt. Der Humorist, sagte er damals, habe vor allem den Zweifel zu pflegen. „Er gehört zu keiner Partei. Und er glaubt an keine Religion.“

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Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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