Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Terror

02. Januar 2016

Hinrichtungen: Saudi-Arabien vollstreckt Todesurteile

Ein Demonstrant hält das Bild des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr in die Höhe (Archivbild).  Foto: AFP

Saudi-Arabien richtet 47 Menschen wegen Terrordelikten hin. Auch der prominente schiitische Geistliche al-Nimr wird exekutiert. Dies ruft heftigen Protest aus Teheran hervor. Dort haben Demonstranten die saudische Botschaft angegriffen.

Drucken per Mail
Riad –  

Saudi-Arabien hat den regierungskritischen schiitischen Geistlichen Scheich Nimr Baker al-Nimr und 46 weitere Menschen wegen Terrorvorwürfen hingerichtet. Die Exekution von al-Nimr, der während des Arabischen Frühlings 2011 zu den Anführern der Schiiten-Proteste im Osten des Königreichs gehört hatte, rief am Samstag heftigen Protest von Schiiten-Politikern in Bagdad aus und Teheran und hervor. Dort haben am Samstagabend mehrere Demonstranten die saudische Botschaft gestürmt und in Brand gesetzt. Nach Angaben von Augenzeugen gingen Teile des Gebäudes in Flammen auf, andere Bereiche innerhalb der Botschaft seien verwüstet worden. Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim meldete, "eine Gruppe von wütenden Iranern" habe die Botschaft aus Protest gegen die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien angegriffen. Nach Angaben eines Polizeisprechers haben die Sicherheitskräfte die Lage inzwischen wieder unter Kontrolle, es seien keine Demonstranten mehr im Botschaftsgebäude. Die Feuerwehr war vor Ort, um den Brand zu löschen.

Der 56-jährige al-Nimr war ein entschiedener Gegner des sunnitischen Königshauses in Riad. Er hatte während der Proteste 2011 die Abspaltung der östlichen Regionen Katif und Al-Ihsaa befürwortet, in denen die meisten der rund zwei Millionen Schiiten Saudi-Arabiens leben. Al-Nimrs Festnahme im Juli 2012 hatte Proteste der Schiiten ausgelöst, bei denen zwei seiner Anhänger getötet worden waren.

Im Oktober 2014 wurde al-Nimr wegen Aufwiegelung, Ungehorsams und Waffenbesitzes von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt. Ende Oktober 2015 wurde das Todesurteil vom Obersten Gerichtshof Saudi-Arabiens bestätigt.

Zunächst nicht hingerichtet wurde am Samstag al-Nimrs ebenfalls zum Tode verurteilter Neffe, der zur Zeit seiner Festnahme 2011 erst 17 Jahre alt war. Al-Nimrs Bruder Mohammed al-Nimr warnte, die Hinrichtung des Geistlichen könnte "die Wut der Jugend" entfachen. Er rief die Schiiten auf, friedlich zu protestieren.

Das iranische Außenministerium drohte, Saudi-Arabien werde "einen hohen Preis" für die Exekution al-Nimrs zahlen. "Die saudiarabische Regierung unterstützt auf der einen Seite terroristische und extremistische Bewegungen und benutzt zugleich die Sprache der Repression und die Todesstrafe gegen ihre inneren Gegner", sagte ein Sprecher. Die studentische Bassidsch-Miliz rief für Sonntag zu einer Demonstration vor der saudiarabischen Botschaft in Teheran auf.

Der schiitische Iran, der mit Riad um die Vorherrschaft in der Region rivalisiert, kritisiert seit langem die Behandlung der Schiiten in Saudi-Arabien. Die schiitische Minderheit klagt über religiöse und soziale Diskriminierung durch das wahhabitische Herrscherhaus. Das saudiarabische Innenministerium bezeichnete die Kritik aus Teheran als "unverantwortlich". Das Außenministerium in Riad bestellte den iranischen Botschafter ein, um gegen den "aggressiven" Ton zu protestieren, wie die amtliche saudiarabische Nachrichtenagentur SPA meldete.

Die mit Teheran verbündete libanesische Hisbollah-Miliz verurteilte die Hinrichtung al-Nimrs als "abscheuliches Verbrechen". Der bekannte irakische Schiitenpolitiker Chalaf Abdelsamad forderte die Schließung der erst Mitte Dezember wiedereröffneten saudiarabischen Botschaft in Bagdad. Zudem müsse der Botschafter ausgewiesen werden. In Bahrain, dessen Regierung mit Riad verbündet ist, protestierten dutzende Jugendliche der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gegen die Exekutionen, die Polizei setzte Tränengas ein. In der den Schiiten heiligen irakischen Stadt Kerbela demonstrierten hunderte Menschen gegen Saudi-Arabien.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Laut dem saudiarabischen Innenministerium wurden am Samstag auch mehrere Sunniten hingerichtet, die für das Terrornetzwerk Al-Kaida 2003 und 2004 Anschläge verübt haben sollen. Demnach wurden die Hingerichteten wegen Mitgliedschaft in "terroristischen Organisationen" und der Ausführung "krimineller Verschwörungen" verurteilt und gehörten einer radikalen Strömung des Islamismus an.

Zu den Exekutierten gehörte auch Fares al-Schuwail, der Medienberichten zufolge der oberste religiöse Anführer von Al-Kaida in Saudi-Arabien war. Anfang Dezember hatte der Al-Kaida-Ableger im Jemen mit "Blutvergießen" gedroht, sollte Riad verurteilte Dschihadisten hinrichten. Das ultrakonservative Königreich, in dem eine besonders strenge Auslegung des islamischen Rechts der Scharia gilt, richtete 2015 laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP 153 Menschen hin.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer (SPD), äußerte sich im Kurznachrichtendienst Twitter "erschüttert" über die Hinrichtungen. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini warnte vor einer weiteren Verschärfung der religiösen Spannungen in der Region.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte die "ungerechten Prozesse" gegen al-Nimr und dessen Neffen. Der bei Amnesty für den Nahen Osten zuständige Philip Luther erklärte, Riad "rechnet unter dem Deckmantel des Anti-Terrorkampfs ab" mit politischen Gegnern. (dasc/afp/dpa)

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Dossier

Paris, Istanbul, Brüssel - der Terror erreicht Europa. Das Dossier.

Anschläge in Paris

Orgie von Gewalt und Tod

Von Kugeln durchlöchert: ein Fenster des Restaurants Carillon.

An den Schauplätzen des islamistischen Terrors kann man im Umkehrschluss erkennen, was es zu verteidigen gilt: die Freiheit, die Vielfalt der Lebensstile, Kunst und Kultur, Geschichte und Tradition. Mehr...

Videonachrichten Terror

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Anzeige

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

Meinung