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Terror

23. Januar 2015

Michel Houellebecq Unterwerfung: „Unsere Pegida ist der Front National“

Nie ohne Kippe: Michel Houellebecq.  Foto: DuMont Buchverlag /Philippe Matsas

Die einen feiern den Tabubruch eines Freigeists, die anderen werfen Michel Houellebecq vor, mit "Unterwerfung" islamfeindlicher Hetze die höheren Weihen der Literatur zu verleihen: Im Interview äußert sich Autor Houellebecq über Islam-Ängste und das Scheitern der Demokratie.

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Monsieur Houellebecq, wie haben Sie den Tag des Terror-Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ erlebt?
Das war eine bizarre, sehr merkwürdige Situation. Sie wissen ja, dass der Wirtschaftswissenschaftler Bernard Maris unter den Opfern war, ein sehr guter Freund von mir. Und ich hatte mir nie vorstellen können, dass er eines Tages ermordet werden könnte. Als die Nachricht von dem Anschlag publik wurde, habe ich ab 14 Uhr immer wieder versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Um 16 Uhr hat mich dann die Polizei informiert, dass er eines der Opfer ist.

Ihr Roman „Unterwerfung“, der die Islamisierung Frankreichs im Jahre 2022 schildert, hat durch die Anschläge von Paris eine gesteigerte Brisanz bekommen. Auch für Sie? Lesen Sie ihn nach den Attentaten mit anderen Augen?
Nein, ich denke nicht. Das liegt daran, dass die Attentate eigentlich niemanden überrascht haben. Überraschend war allerdings für viele Menschen, wie leicht man sich Kriegswaffen besorgen kann. Auch sind im Vergleich zu vorangegangenen Anschlägen die Täter diesmal viel besser organisiert gewesen. Zuvor waren Attentate auf Personen ausgeübt worden, die ungeschützt waren, doch diesmal waren die Opfer solche, die von der Polizei beschützt wurden.

Ist Frankreich nach den Anschlägen ein anderes Land geworden?
Nicht für die Mehrheit der Franzosen selbst, aber für die Karikaturisten: Ja. Vielleicht ist man sich in Deutschland nicht im Klaren darüber, aber für die Franzosen war die Attacke auf „Charlie Hebdo“ alles andere als eine Überraschung. Die Redaktion stand ja bereits unter Polizeischutz. Das war nicht der erste Anschlag. Die Redaktion selbst hat sich ja schon über ihre gute Zusammenarbeit mit der Polizei lustig gemacht, auch öffentlich.

Ihr Romanheld François sucht nach einem Zufluchtsort für den Fall, dass die Dinge außer Rand und Band geraten sollten. Suchen auch Sie einen Zufluchtsort?
Ich würde mich wie François an den Südwesten Frankreichs halten.

Ist das Land wachsamer geworden, neurotischer vielleicht?
Es gibt eine Vielzahl von Orten, die man schützen müsste – Schulen, Synagogen, andere öffentliche Orte. Aber das ist gar nicht möglich, dafür steht gar nicht genug Personal bereit.

Wie steht es um die Meinungsfreiheit? Muss jetzt mehr Rücksicht genommen werden?
Nein. Keine Rücksicht. Es ist doch immerhin beruhigend, dass so viele Menschen für die Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen sind.

Aber diesen Mut muss man auch im Alltag beweisen. Bringen die Intellektuellen, die Schriftsteller ihn auf?
Vielleicht. Allerdings stelle ich fest, dass die Absurdität vieler Argumente meiner Gegner nicht von der Hand zu weisen ist. So wird behauptet: Die Attentäter waren in Wahrheit gar keine Muslime. Das ist ein Satz, der immer wieder vorgetragen wird. Er wird vorgetragen von Leuten, die keine Imame sind, die also keine religiöse Autorität besitzen. Das wäre dann vielleicht etwas anderes. Aber wenn dieser Satz immer und immer wieder gesagt wird, zum Beispiel von dem Philosophen Michel Onfray, wird er deshalb nicht richtiger. Denn es waren Muslime, die die Morde begangen haben.

Es hieß bereits, die Anschläge von Paris seien unser europäisches 9/11. Nach dem 11. September 2001 kam es bekanntlich zum Krieg gegen den Terror. Könnte es jetzt wieder dazu kommen?
Dieser Vergleich ist schwierig. Die meisten Terroristen des 11. September waren Saudis – die Reaktion der Amerikaner richtete sich gegen den Irak und Afghanistan. Die Pariser Attentäter waren Franzosen. Was bleibt da als richtige Vergeltungsmaßnahme?

Als Sie vor wenigen Tagen in Köln der ersten Lesung aus dem Roman beiwohnten, haben Sie Ihr persönliches Acht-Punkte-Programm für eine neue politische Ordnung vorgestellt. Das sieht unter anderem die Abschaffung der Parlamente vor. Das riecht nach Diktatur.
Nein, es ist in diesem Modell nur so, dass die Gesetze durch Referenten erstellt werden. Außerdem kann die Regierung durch ein Referendum des Volkes abgewählt werden. Und der Staatspräsident ist in diesem Plan nichts weiter als ein Hauptamtsleiter der Verwaltung.

Was war für Sie der Auslöser, ein solches Programm aufzusetzen?
Ich habe festgestellt, dass ich Schwierigkeiten beim Wählen habe. Und zwar ist es so, dass ich gar nicht möchte, dass mich irgendjemand vertritt. Wenn ich mir den Entwurf für ein Gesetz anschaue, dann kann ich mir doch selbst eine Meinung bilden. Sollte ich keine Meinung haben, dann habe ich auch kein Problem damit, dass andere sich mit ihrer Meinung durchsetzen. Ich habe kein Vertrauen, dass mich andere Menschen langfristig gut im Parlament vertreten. Ich denke, mein Modell könnte positivere Resultate erzielen.

Zur Person

Michel Houellebecq wurde 1958 geboren. Er gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart, seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Zuletzt erschienen der mit dem renommiertesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnete Roman „Karte und Gebiet“ (2011) sowie der Gedichtband „Gestalt des letzten Ufers“ (2014).

Am Erscheinungstag seines neuen Romans „Unterwerfung“ begingen Islamisten das Attentat auf „Charlie Hebdo“ in Paris. Das Buch beschreibt ein islamisiertes Frankreich im Jahr 2022. FR

Sie sagen, dass die Demokratie gescheitert sei. Hat sie denn in Ihren Augen je eine Chance gehabt?
Es gab tatsächlich eine Zeit in Frankreich, als die verschiedenen politischen Strömungen Rückhalt in der Gesellschaft hatten. Die Wähler haben sich bei den Sozialisten, Kommunisten oder Konservativen wiedergefunden. Das ist heute weniger oder kaum noch der Fall. Ein Indikator dafür ist die hohe Zahl der Wahlenthaltungen, und die wird immer größer. Daher muss man sich die Frage stellen, ob die Demokratie noch funktioniert.

Ihre Figur François sagt von sich, er sei so politisch wie ein Handtuch. Ist das die typische Position für Franzosen?
Nein, überhaupt nicht. Zwar ist es einerseits so, dass sich viele von den Wahlen abwenden, weil sie sich nicht mehr richtig repräsentiert fühlen. Aber andererseits werden ja überall, da muss man nur einmal in ein Café oder in eine Kneipe gehen, politische Themen angesprochen. Und die Leute haben auch eine Meinung. Nur gibt es keine Politik, die diese Haltungen vertritt. Ich erinnere mich übrigens an eine Europawahl, bei der in Frankreich die Nichtwähler und der Front National die Gewinner waren. Das führte zu Debatten unter den politischen Leitartiklern. Und da war dann zu hören: „Es hat uns einfach an der nötigen Pädagogik gefehlt!“ Solche Abfälligkeit bringt uns wirklich nicht weiter. Die Vertreter der Medien sind übrigens die einzigen, die in Frankreich noch weniger geschätzt werden als die Politiker.

Ist es denkbar, dass eine deutsche Bewegung wie „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) auch in Frankreich aufleben könnte?
Nein, so eine Strömung kann ich mir in Frankreich nicht vorstellen. Ganz einfach deshalb nicht, weil diese Position bereits besetzt ist. Diejenigen, die bei uns mit einer Bewegung wie Pegida sympathisieren, wählen den Front National. Allerdings würden die sich nie „Patriotische Europäer“ nennen, denn der Front National ist gegen die Europäische Union.

In Ihrem Roman „Unterwerfung“ ist davon die Rede, dass die Muslim-Bruderschaft im Jahr 2022 auch an der deutschen Regierungskoalition beteiligt ist. Halten Sie das für eine realistische Perspektive?
Bei Deutschland kann ich nicht mitreden. Für Frankreich sähe es das anders aus. Allerdings leben dort Muslime aus sehr verschiedenen Ländern, natürlich viele aus Afrika, aus dem Maghreb. Um die alle unter einen Hut zu bringen, bräuchte es eine Person mit großem Charisma. Aktuell sind die französischen Muslime von der Politik eher entfremdet, das sieht man zum Beispiel in der Debatte um die Homo-Ehe, aber auch nach den aktuellen Ereignissen in Paris.

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Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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