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Terror

20. Januar 2016

Pakistan: 21 Tote nach Angriff auf Universität

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Ein Sicherheitsbeamter hält Wache nach dem Überfall auf die Universität.  Foto: dpa

Mutmaßliche islamische Extremisten überfallen eine Universität in Pakistan in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa und töten mindestens 21 Menschen. 50 Menschen werden verletzt. Die Provinz ist eine Hochburg islamistischer Taliban-Kämpfer.

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Die sechs schwer bewaffneten Angreifer schlichen sich im dichten Nebel an. Bei heftigen Kämpfen, die mehrere Stunden dauerten, wurden 21 Studenten und Dozenten der Bacha Khan Universität im Charsadda sowie mindesten sechs Angreifer der radikalislamischen pakistanischen Talibanmilizen getötet. Mindestens 30 Menschen erlitten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen.

Die Attacke erinnerte an den Anschlag auf eine Schule des pakistanischen Militärs vor rund einem Jahr im 50 Kilometer entfernten Peshawar, bei der rund 150 Menschen, die meisten Schüler, ermordet worden waren. Doch der Angriff auf die rund 3000 Studenten zählende Bacha Khan Universität zeigt mehr noch als andere Terrorüberfälle der vergangenen Jahre, wie verhasst den radikalislamischen Extremisten des Landes Frieden oder Alternativen zur Gewalt sind.

Taliban meldet sich zurück

Denn die Gruppe fiel am Mittwoch just an dem Tag über die erst 2012 gegründete Universität her, als Dutzende von Gedichten vorgetragen werden sollten. Studenten und Dozenten wollten so dem Mann gedenken, der bis heute eine Ausnahmefigur unter den Paschtunen entlang der Grenze zum benachbarten Pakistan darstellt.

Der 1988 verstorbene Abdul Ghaffar Khan, im Volksmund Bacha Khan genannt, war eine alter Weggefährte von Mahatma Gandhi, Indiens Ikone der Gewaltlosigkeit. Schon 1929 gründete er die Khudai Kidmatgar, die sich auch „Surkh Posh“ (Rothemden) nannten und sich mit passivem und gewaltlosem Widerstand gegen das britische Kolonialreich wehrten. Nach Pakistans Staatsgründung verbrachte Bacha Khan viele Jahre in einem Kerker Islamabads, weil die Machthaber ihm ebenso wenig trauten wie zuvor Londons Kolonialbehörden.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod erinnerten die Talibanmilizen nun mit ihrem brutalen Angriff an die fast vergessene Tradition der Gewaltlosigkeit im Paschtunen-Gebiet. Sie drangen zunächst in die Schlafräume der Studenten ein. Dank der schlichten Infrastruktur und langer Anfahrtswege im Grenzgebiet müssen viele nahe der Universität eine Unterkunft suchen.

„Unser Chemiedozent hat angeordnet auf keinen Fall das Gebäude zu verlassen, als der Angriff anfing“, schilderte ein Student die ersten Minuten der Attacke. Der junge Professor Hamid Hussain zückte selbst eine Pistole und versuchte, die jungen Leute in seinem Unterrichtsraum zu verteidigen. Ein Talibanattentäter streckte ihn laut Augenzeugen mit zwei Schüssen nieder.

Pakistans Behörden hatten nach dem Anschlag auf die Militärschule in Peshawar vor mehr als einem Jahr beschlossen, das Lehrpersonal an Schulen und Universitäten in Khyber-Pakhtunkwa, so der Name der pakistanischen Grenzprovinz zu Afghanistan, zu bewaffnen. Der Tod des Professors in Charsadda und die große Zahl der Toten zeigt nun, dass dieses Mittel bei einem Terrorangriff wenig nützt.

Zweifel an Militärkampagne

Das Massaker in der Universität weckt zudem Zweifel am nachhaltigen Erfolg einer Militärkampagne, für die Armeechef Raheel Sharif sich bereits seit Monaten feiern lässt. 2013 hatten die Generäle nach jahrelangem Zögern eine Militäroffensive in der Region Waziristan gestartet, in der sich sowohl Mitglieder von Al Kaida wie auch von Taliban versteckten. Viele flohen ins benachbarte Afghanistan.

Die Streitkräfte hatten vor Beginn der Offensive Premierminister Nawaz Sharif gewarnt, dass sie mit militärischen Mitteln nur etwa 70 Prozent von Pakistans Terrorszene zerschlagen könnten. Der Anschlag auf die Universität folgt einer Reihe von Attacken der vergangenen Woche. Und weckt Befürchtungen, dass die Terrorgruppen des Landes sich neu gruppiert haben und versuchen, aus der Defensive zu kommen.

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Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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