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Terror

22. März 2016

Terror in Brüssel : Ein Angriff auf Europas Herz

 Von 
Explosionsschäden an der Glasfassade des Flughafens Zaventem am Dienstag.  Foto: AFP

Die verheerenden Terroranschläge treffen die belgische Hauptstadt Brüssel ins Mark, mehr als 30 Menschen sterben. Der Terror erreicht das Zentrum Europas.

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Das Café Galia ist keine echte Schönheit. Es gibt Kaffee und Croissants, schlichte Stühle und darauf auch mal ein schnelles Feierabendbier, hier in der Rue Lalainge. Die deutsche Ständige Vertretung ist nicht weit, die EU-Kommission auch nicht und das Europaparlament gleich um die Ecke. Überall dort schreiben sie mit an der großen Geschichte. Aber an diesem Dienstag ist vieles anders. Das große Geschehen spielt nicht außerhalb. Das Café liegt mitten im Zentrum der Ereignisse. Kaffee interessiert nicht an diesem Tag. Der Fernseher flimmert: „Angriff auf Brüssel“, heißt die Sondersendung.

Gegen acht Uhr am Morgen erschüttert ein Anschlag den Flughafen Zaventem vor den Toren der Stadt. Ein Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft, kurz darauf erfolgt eine zweite Detonation. Der Flughafen wird sofort geschlossen. Der Terror – zu dem sich später der „Islamische Staat“ bekennt – hat Brüssel erreicht. Etwa 30 Menschen haben ihr Leben verloren – zehn am Flughafen, 20 in der Metro. Ganz klar ist das auch am späten Nachmittag nicht. Rund 230 Personen wurden verletzt.

Schon nach den Anschlägen von Paris ist die Stadt im vergangenen Jahr in den Fokus gerückt. Viele der islamistischen Attentäter kommen aus dem Brüsseler Viertel Molenbeek. Brüssel-Molenbeek-Islamisten. Das alles verschwimmt bald zum Synonym für Terror in der Welt. Nicht gut für’s Image. In der Stadt aber bleibt es verhältnismäßig ruhig. Hausdurchsuchungen in der Islamistenszene werden in den Zeitungen vermeldet wie an anderen Orten Unfälle. Passiert eben. Der Terror mag hier zuhause sein, aber er schlägt woanders zu.

Feuerwehrleute nach dem Einsatz in Maalbeek.  Foto: dpa

Seit Dienstag ist das anders. Die Nachricht vom Anschlag in Zaventem verunsichert die Stadt, als sie zur Arbeit geht am frühen Morgen. Um 9.11 Uhr erschüttert ein zweiter Anschlag die Metrostation Maelbeek, mitten im Berufsverkehr. Mitten in der Stadt. Mitten im Europaviertel. Direkt unter der EU-Kommission, nur ein paar Minuten entfernt vom EU-Parlament. Und direkt unter dem Café La Galia.

Strahlend weiß leuchten die Kacheln der neu renovierten Station. Und der Schriftzug in den zwei Landessprachen Maalbeek und Maelbeek wirkt hingekrakelt wie von Kinderhand. An diesem Tag aber gibt es andere Bilder. Sie zeigen einen demolierten Wagen der Metro. Vom Silber der Waggons ist kein Glanz mehr über.

Auch im Café La Galia flimmern die Bilder im Fernsehen. Andrew Wilson schaut gebannt. Er hat um kurz vor neun Uhr im Hotel Thon auf einen Kollegen gewartet. „Plötzlich sind alle zu den Fenstern gelaufen“, sagt Wilson. Kurz darauf bekam er eine SMS. Terroranschlag in Brüssel. Erst in Zaventem, dann in Maelbeek.

Der Terror schlug direkt unter dem Hotel Thon in der Metrostation Maelbeek zu. Sofort wird der U-Bahn-Verkehr gestoppt, ebenso Trambahnen und Busse. Brüssel steht still. Und bald ist das Mobiltelefon der wichtigste Anti-Terror-Helfer. Jeder greift zum Handy – für die neuesten Nachrichten. Aber auch um die Lieben zu erreichen. So lange es noch geht. Am Mittag wird der Telefonverkehr unterbrochen. Nur simsen geht noch. Und so wird Facebook und Twitter der wichtigste Verständigungskanal. Auch für Andrew Wilson.

Wilson, 28, ist vor zwei Tagen aus London gekommen. Nun sitzt er fest. Thalys und Eurostar haben vorübergehend ihren Dienst eingestellt. Wilson trägt Krawatte und Anzug. Er ist britischer Beamter. Sein Treffen wurde abgesagt. Wie alle Termine am Dienstag in Brüssel.

Amateurvideos aus Brüsseler Flughafen und Metro-Tunnel

„Bleiben Sie, wo Sie sind“, mahnt Belgiens Premier Charles Michel. So ist auch Wilson nur eine Straßenecke weiter gezogen ins Café La Galia. In seinem Rücken marschiert Polizei auf, Straßen werden abgesperrt, nur Krankenwagen dürfen passieren. Polizisten mit Sturmhauben patrouillieren auf der Straße. Wilson nippt am Kaffee. Und er tippt auf dem Handy. Freunde fragen nach, wie es ihm gehe. So geht es vielen an diesem Tag in Brüssel.

Alle warten auf Nachrichten. Am Mittag flimmert Premier Charles Michel über den Bildschirm im La Galia. Von einem „tragischen Moment“ spricht er in einer ersten Erklärung. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörige“, sagt Michel. Und: „Belgien steht vor einer schweren Prüfung. Nun gilt es Ruhe zu bewahren und Solidarität zu üben.“

Kurz meldet sich Frankreichs Präsident François Hollande. Er spricht von einem Anschlag „auf Brüssel. Auf Europa. Und die freie Welt.“ Nach Madrid, Paris und London hat der Terror nicht nur Brüssel erreicht, sondern das Zentrum der Europäischen Union. Der Terror hat Europa mitten ins Herz getroffen.

Die Metroausgänge der Station Maelbeek führen hinaus auf die mächtige Rue de La Loi. Normalerweise rauschen die Staatschefs nach dem EU-Gipfel über die Straße mit dem schönen Namen „Gesetz“ ab ins Hotel. Vier breite Spuren führen in die Stadt. Morgens rollt hier der Berufsverkehr. Am Dienstag aber ist es anders. Die Straße liegt still in der ersten Frühlingssonne. Polizisten haben die Metrostation Maelbeek weiträumig abgesperrt. Sichtschutz wird aufgebaut. Nur ab und an heulen Sirenen auf, Krankenwagen bringen weitere Verletzte in die Kliniken. Wer es dennoch schafft, hinter die Absperrung zu kommen, erreicht das Hotel Thon. Normalerweise verhandeln dort wichtige Leute auf wichtigen Konferenzen über wichtige Themen sprechen ist abgesperrt. Helfer bringen Laken und Decken. Das Hotel ist jetzt ein Krankenlager.

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An der Station Maalbeek.  Foto: AFP

Und so bleibt das Café La Galia an diesem Tag eine einsame Insel hinter Absperrbändern. Andrew Wilson kennt Brüssel. Er hat einige Zeit hier gelebt. Und der Brite kennt London. Wie ist das also, wenn der Terror die Metropolen erreicht? „Die Briten haben damals eine Grundhaltung gezeigt: Get on – Weitermachen“, sagt Wilson.

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So sagt es auch der belgische Premier Charles Michel. Am vergangenen Freitag hat er in Brüssel noch gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Hollande die Festnahme von Salah Abdeslam gefeiert, dem einzigen überlebenden Attentäter von Paris. Die Welt schien ein sicherer Ort zu sein.
Aber nur für wenige Tage. „Wir sind im Krieg“, sagt Frankreichs Premier Manuel Valls im Fernsehen im Café La Galia. Krieg?Wilson schaut kurz auf. Madrid, London, Paris. Und nun Brüssel? Wie ändert sich das Leben angesichts der Terrorgefahr. „Es geht weiter. Wachsamer. Etwa mit Blick auf U-Bahnen. Aber es geht weiter“, sagt Wilson. Und: „Brüssel ist eine lockere Stadt.“ Und wird sich das ändern? „Ich hoffe nicht. Wichtig ist jetzt: Haltung zu bewahren.“ Very British. Europa wird diese Haltung brauchen.

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Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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