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Terror

21. März 2016

Terrorismus: Streit über ungelösten Terrorfall

 Von 
Auf der Suche: belgischer Polizist.  Foto: AFP

Nach der Festnahme von Salah Abdeslam rätseln die Fahnder über sein Netzwerk und weitere Anschläge in Brüssel. Die Auslieferung des Terrorverdächtigen ist fraglich, hinter den Kulissen kracht es kräftig: zwischen Frankreich und Belgien, aber auch in Belgiens Regierung.

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Brüssel –  

Der Mann war mächtig sauer. „Die Politik hat die Gewaltenteilung immer noch nicht begriffen. Das Gerede muss aufhören“, sagte Sven Mary, der Anwalt des Terrorverdächtigen Salah Abdeslam am Montag und ergänzte: „Ich sag das nicht oft. Die Ermittler haben gut gearbeitet. Wenn die Politik das zunichtemachen will, müssen sie nur so fortfahren.“ Dann schob Mary noch eine Warnung hinterher: „Vorläufig wird mein Mandant bei den Ermittlungen noch mitarbeiten. Das ist selten in solchen Fällen.“

Salah Abdeslam, 26, französischer Staatsbürger, aufgewachsen in Brüssel-Molenbeek, gilt als einzig überlebender Attentäter der Anschläge von Paris. Der Grund für den Ärger seines Anwalts am Montag war Belgiens Außenminister Didier Reynders. Er hatte am Vortag laufende Ermittlungen ausgeplaudert. „Nach ersten Aussagen wollte sich Abdeslam im Pariser Stade de France in die Luft sprengen“, so Reynders. Und: „Die nächste Information ist, dass Abdeslam in Brüssel mit seinem Werk weitermachen wollte.“ Beleg für weitere geplante Anschläge: sechs sichergestellte Sturmgewehre vom Typ Kalaschnikow.

Abdeslam sitzt seit Freitag in Haft. Aber noch rätseln die Ermittler über den Beitrag Abdeslams für die muslimischen Extremisten. Vor den Anschlägen reiste er quer durch Europa. Am 12. September kaufte er nahe Paris zwölf Zeitzünder. Am 8. Oktober besorgte er im französischen Beauvais Wasserstoffperoxid. Ausgangsstoff für Acetonperoxid, dem Sprengstoff, mit dem die Extremisten ihre Bombengürtel präparieren. Vor den Anschlägen in Paris mietete Abdeslam zudem zwei Autos für die Attentäter an, ebenso wie Hotelzimmer nahe Paris. Der französische Chefermittler Francois Molins hält ihn für den Cheflogistiker der Attentäter.

Am Montag reiste Molins nach Brüssel. Weil auch er über die Aktenlage zu viel geredet hatte, war auch er von Abdeslam Anwalts attackiert worden. Sogar die Auslieferung Abdeslams an Frankreich ist fraglich. Und so krachte es hinter den Kulissen kräftig. Zwischen Frankreich und Belgien. Und in Belgiens Regierung. Reynders gehört den Liberalen an, das Innenressort wird von den proflämischen N-VA verwaltet: Innenminister Jan Jambon gibt den starken Mann für Recht und Ordnung, sein Staatssekretär Theo Francken twitterte am Freitag als erster über Abdeslams Festnahme. Noch ehe die offiziell bestätigt war. Jeder will sich mit dem Erfolg zieren. „Reynders leidet mal wieder an Tatendrang – wie die Franzosen“, hieß es am Montag in Brüssel. Das klingt nicht schmeichelhaft für Belgiens Regierung. Und für Frankreich.

Dabei sind viele Fragen offen. Die nach möglichen Anschlagszielen Abdeslams etwa. Und die nach seinem Netzwerk. Ein französischer Untersuchungsbericht, über den die „New York Times“ berichtete, geht von einem Netz von 90 terrorbereiten Syrien-Rückkehrern im Umfeld der Pariser Täter aus. Die Ermittlungen stehen also erst am Anfang.

So ist weiter unklar, wie Abdeslam so lange in Brüssel untertauchen konnte. Handelt es sich um ein eingespieltes Netzwerk oder tribalistische Strukturen, weil Abdeslam zuletzt bei Verwandten unterkam? Oder gab es alltägliche Kontakte zur Brüsseler Unterwelt? „Sie gebrauchen dieselben Autos, Wohnungen, Orte“, heißt es in Brüssel.

Noch kooperiert Abdeslam. Auch weil er nach einer Auslieferung in Frankreich um sein Leben fürchtet. Ein festgenommener Komplize schweigt. Selbst zu seiner Identität. Umso wichtiger für die Fahnder ist Abedeslam. Er sitzt in Haft, aber sein Fall gilt weiter als ungelöst.


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Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

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