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Terror

18. März 2016

Terrorverdächtiger Abdeslam: Zweifelhafter Staatsfeind Nummer Eins

 Von 
Einsatzkräfte der Polizei sperren im Molenbeek-Viertel in Brüssel eine Straße ab.  Foto: AFP

In Brüssel wurde der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam gefasst. An seiner Rolle als "Staatsfeind Nummer 1" gibt es allerdings Zweifel: Womöglich war er nur ein williger Helfer.

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Drei Worte twitterte Belgiens Innenstaatssekretär Theo Francken am Freitagabend: „We hebben hem“ – Wir haben ihn. Ihn, das ist der 26-jährige Salah Abdeslam, mutmaßlicher Attentäter bei den Anschlägen von Paris, bei denen am 13. November vorigen Jahres 130 Menschen starben.

Der Franzose marokkanischer Abstammung wurde am Freitag bei einer Razzia im Brüsseler Stadtteil Molenbeek von einer Spezialeinheit der belgischen Polizei festgenommen. Bei einer Schießerei wurde er am Bein verwundet. Molenbeek ist wegen seiner Islamistenszene berüchtigt.

Belgien atmet auf. Und auch Frankreich. Zeitungen bezeichneten Abdeslam als „Staatsfeind Nummer 1“. Doch zuletzt gab es Zweifel an seiner Rolle als Drahtzieher der Pariser Anschläge. An einem Bombengürtel, der nach den Attentaten gefunden worden war, fanden sich keine Genspuren Abdeslams. Vielleicht war er doch nur ein williger Terrorhelfer.

Viele vermuten, dass die Verhaftung des mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam Auslöser des Terroranschlags gewesen sein könnte.  Foto: dpa

Fest steht: Abdeslam war ein Jugendfreund von Abdelhamid Abaaoud, der die Attentate von Paris geplant hatte. Er kam kurz nach den Anschlägen im Pariser Vorort Saint Denis bei einem Feuergefecht ums Leben. Auch Abdeslams Bruder Ibrahim gehörte zur Pariser Zelle. Er sprengte sich in die Luft.

Abdeslam hatte zwei Autos für die Attentäter gemietet, ebenso die Unterkunft nahe Paris. Er setzte sich nach den Anschlägen mit der Hilfe von zwei Freunden nach Brüssel ab. Zwar rauschten die Drei vor der französisch-belgischen Grenze in eine Polizeikontrolle, sie durften aber passieren. Am Tag nach dem Attentat verlor sich Abdeslams Spur Spur in einem Café im Stadtteil Schaarbeek.

In den vergangenen Wochen fahndeten die Ermittler mit Hochdruck nach Abdeslam.

Vier Monate unentdeckt

Es fanden sich wiederholt verdächtige Spuren – zuletzt in einer Wohnung im Brüsseler Viertel Forst: Bei einer Hausdurchsuchung am Dienstag geriet die Polizei in ein Feuergefecht. Ein mutmaßlicher Islamist wurde erschossen: Mohammed Belkaid, ein 34-jähriger Algerier. Abdeslam soll ihn im Herbst aus Budapest abgeholt und mit falschen Papieren ausgestattet haben. Abdeslam selbst gelang die Flucht. Das führte zu französisch-belgischen Spannungen.

Die hatte es auch schon vorher gegeben, weil sich Abdeslam monatelang dem Zugriff der belgischen Fahnder entziehen konnte. Am Freitag mussten sie kurzfristig handeln. Eigentlich war die Razzia für den heutigen Samstag geplant. Aber sie wurde geleakt.

Belgiens Premier Charles Michel verließ vorzeitig den EU-Gipfel. Gemeinsam mit Frankreichs Präsident François Hollande gab er am Abend auf einer Pressekonferenz die Festnahme von Abdeslam und zwei weiteren Verdächtigen bekannt. Die Bundesstaatsanwaltschaft meldete später insgesamt fünf Festnahmen.

Staatssekretär Francken musste sich Kritik gefallen lassen, weil er die Nachricht vor der offiziellen Bestätigung kundgetan hatte. Franckens Motiv: Seine rechtsflämische N-VA versucht, sich als Partei der Ordnung zu etablieren. Er wird sich nicht lange mit dem Festgenommenen profilieren können. Hollande kündigte einen Auslieferungsantrag an. Und er stellte klar: „Der Kampf gegen den Terror ist noch nicht vorbei.“

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Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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