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Terror

13. Januar 2015

Zentralrat der Muslime: Muslime sauer auf Mazyek

 Von 
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.  Foto: dpa

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, brüskiert andere muslimische Verbände. Viele werfen Mazyek Profilierung und Machtpolitik vor. Auch das Bundesinnenministerium spielt eine unrühmliche Rolle.

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Die Vertreter aller großen muslimischen Verbände Deutschlands standen neben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstagabend vor dem Brandenburger Tor. Einig gegen den Terror lautete die Botschaft, die über die Landesgrenzen hinweg eine starke Symbolkraft hatte. Tausende Menschen waren in die Hauptstadt gekommen, um „zusammenzustehen und Gesicht zu zeigen“, wie es in dem Aufruf des Zentralrats der Muslime hieß. Vertreter aller Parteien, der Religionsgemeinschaften und der Zivilgesellschaft waren anwesend.

„Unsere Demokratie ist stärker als der Terror“, hatte Bundespräsident Joachim Gauck direkt nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ gesagt, bei dem zwölf Menschen ums Leben gekommen waren. „Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft von Extremisten, die nur das Ziel haben, Hass und Zwietracht zu stiften, auseinandergerissen wird“, hatte Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, betont.

In seinem Aufruf zur Kundgebung verurteilte der Zentralrat „die niederträchtigen Terroranschläge in Frankreich auf das Schärfste“. Mit der Mahnwache wollten die Veranstalter „ein Zeichen des Friedens und der Toleranz setzen, gegen Hass und Gewalt und für ein weltoffenes Deutschland, welches die Meinungs- und Religionsfreiheit achtet und schützt“.

Alle muslimischen Verbände und zahlreiche Moscheevereine hatten den Terroranschlag verurteilt und sich ganz klar positioniert. Doch hinter der Fassade der Einigkeit zwischen den muslimischen Verbandsvertreten am Dienstagabend in Berlin knisterte es gewaltig. Nicht aufgrund der Botschaft, sondern wegen des Alleingangs und Vorpreschens von Aiman Mazyek.

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger fährt vor dem Brandenburger Tor Werbung für das freie Wort.  Foto: dpa

Dieser hatte am Sonntag den Aufruf für die Mahnwache via Medien angekündigt, ohne sich mit den eigenen Mitgliedern und dem Koordinationsrat der Muslime (KRM) abzustimmen. Stattdessen wurde die Türkische Gemeinde zu Berlin (TGB) mit ins Boot geholt, die sonst nicht viel mit religiösen Themen am Hut hat. Neben dem Zentralrat der Muslime (ZMD) gehören dem KRM die Türkisch Islamische Union Anstalt der Religionen (Ditib), der Islamrat und der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) an. Unter dem Dach des Zentralrats der Muslime sind 24 Moscheevereine, wobei keiner davon mehr als eine zweistellige Zahl an Moscheen vertritt. Ditib, der größte Dachverband in Deutschland, hat rund 950 Moscheen, der VIKZ etwa 300. Der Islamrat hat 37 Mitglieder. Deren größter Mitgliedsverein, die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), hat rund 320 Moscheen.

Vor vollendete Tatsachen

Die Vertreter der Moscheeverbände ärgert, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurden und fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Aus deren Kreisen ist zu hören, dass sie sich aufgrund der Relevanz des Themas gewünscht hätten, einen gemeinsamen Standpunkt zu formulieren, um dann geschlossen aufzutreten. Schließlich hätten alle unisono Stellungnahmen formuliert, die den Terroranschlag in Paris verurteilt haben. Jetzt werfen sie Mazyek den Versuch der Profilierung und Machtpolitik vor. Die gleichen Vorwürfe hatte sich auch SPD-Chef Sigmar Gabriel gefallen lassen müssen, der sich über die „Bild“-Zeitung in einem Brief an die übrigen Parteichefs und die Vertreter der Zivilgesellschaft gewandt hatte. Gabriel und Mazyek sind Duzfreunde.


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Eine unrühmliche Rolle spielt anscheinend auch das Bundesinnenministerium. Wie Verbandsvertreter mitteilen, habe das Ministerium nach dem Aufruf vom Zentralrat der Muslime Druck auf die übrigen Moscheeverbände ausgeübt, um sie an einer Teilnahme an der Mahnwache zu bewegen. Und nachdem die Nachricht erst einmal in den Medien war und Bundespräsident Joachim Gauck seine Teilnahme angekündigt hatte, nahm auch der öffentliche Druck zu.

Um kein zerstrittenes Bild abzugeben, veröffentlichten der KRM und der VIKZ am Montag dann eigene Stellungnahmen und sagten ihre Teilnahme zu. Wenn auch nur mit Zähneknirschen. Die Sache wird jedoch ein Nachspiel haben, kündigen Insider an.

Es ist nicht das erste Mal, dass Aiman Mazyek sich den Zorn der KRM-Mitglieder zuzieht. Vor einer Demonstration gegen Antisemitismus im vergangenen September in Berlin hatte der KRM eine Teilnahme abgesagt, weil er eine Demonstration gegen Hass und Rassismus aller Art für besser empfunden hätte und letztlich einen solchen Aktionstag in den Moscheen durchführte. Mazyek ging trotzdem zur Kundgebung und konterkarierte damit die Entscheidung des KRM. Der 2007 gegründete Rat steht nun mehr denn je vor einer Zerreißprobe. Die Ditib wird indes am kommenden Freitag einen bundesweiten Aktionstag für den Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit abhalten. Nach den Freitagsgebeten ruft der Verband seine Gemeinden dazu auf, sich vor Verlagshäusern, Redaktionsgebäuden und Fernsehstudios zu Mahnwachen zu versammeln. Dazu hatte die Ditib bereits am vergangenen Freitag aufgerufen. Nur in ihrem Namen, nicht im Namen aller Muslime.

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Seine Teilnahme an der kurzfristig organisierten Veranstaltung am Dienstag in Berlin hatte auch der Zentralrat der Juden angekündigt. Bei der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt waren in Paris vier Bürger jüdischen Glaubens getötet worden.

Die syrische Exil-Opposition hatte ebenfalls ihre Anhänger aufgerufen, sich an der Berliner Mahnwache zu beteiligen. Das Büro der Nationalen Syrischen Koalition in Berlin erklärte am Dienstag: „Als Syrer können wir das Entsetzen über den Terrorismus besonders gut nachvollziehen.“ Es sei wichtig, ein gemeinsames Zeichen zu setzen, dass Demokratie, Freiheit und Solidarität stärker seien als die „Barbarei des Terrors“.

In Syrien tobt seit 2011 ein Bürgerkrieg, an dem auch islamistische Terrorgruppen beteiligt sind. (mit dpa)

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Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Hintergrund

Das französische Wochenblatt "Charlie Hebdo" ist inhaltlich mit dem deutschen Satiremagazin "Titanic" vergleichbar. Es veröffentlichte 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. Im Jahr 2011 hatte "Charlie Hebdo" zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" herausgebracht. Anschließend verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris.

Autoren und Zeichner scheren sich wenig um politische Korrektheit in ihren Attacken gegen die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, aber auch gegen Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer.

Zeittafel

Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten", ein Bericht des US-Magazins "Newsweek" über die angebliche Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantánamo, ein in den USA produziertes Schmäh-Video über Mohammed - die bisherigen Fälle. Eine Zusammenstellung.

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