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Islamischer Staat (IS, Isis)
Islamischer Staat (IS) oder Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien) nennt sich jene Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt.

13. November 2014

IS-Terror: "Ideologische Unterschiede sind minimal"

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Ein Kampfjet des Typs F/A-18E Super Hornet wartet auf Deck eines amerikanischen Flugzeugträgers auf seinen Einsatz im Irak und Syrien.  Foto: AFP

Der Islamkenner Peter Anatol Lieven erklärt im Interview den Unterschied zwischen Al-Nusra-Front und IS-Terrormiliz und bewertet den Zustand des Al-Kaida-Netzwerks.

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Professor Peter Anatol Lieven von der Außenstelle der Georgetown University in Doha, Katar, beschäftigt sich seit Jahren mit militanten Islamisten-Gruppen wie dem „Islamischen Staat“ (IS). Alle Welt hofft auf mehr lokalen Widerstand gegen den IS, denn alliierte Luftschläge allein vermögen es nicht, die Islamisten aufzuhalten. Lieven bleibt misstrauisch.

Professor Lieven, was muss passieren, dass sich von innen heraus Widerstand gegen die Truppen des IS regt?
Die Sunniten im Nordirak sind in einer verzwickten Lage: Sollten sie sich gegen den „Islamischen Staat“ auflehnen, müssen sie damit rechnen, zunächst von den IS-Truppen bekämpft zu werden und anschließend womöglich zu Opfern einer Eroberung durch die Kurden oder der schiitisch dominierten irakischen Armee zu werden. Ihre Lage ist vergleichbar mit der Lage in Deutschland 1944/45: Da haben sich viele an die Durchhalteparolen der Nazis gehalten, weil sie Angst vor einer sowjetischen Eroberung hatten.

Lässt sich daran etwas ändern?
Nur ganz klare Schutzgarantien von Seiten der USA können die Sunniten motivieren, sich zu erheben. Ohne Bodentruppen ist das schwer vorstellbar. Es gab 2006 bis 2008 schon einmal eine vergleichbare Lage. Damals kämpften viele Sunniten gegen Al-Kaida, weil die USA ihnen die Garantie gegeben hatten, dass sie einen Teil der Macht in Bagdad bekommen. Solange die USA im Irak waren, gelang dies auch einigermaßen. Mit dem Abzug der USA gerieten die Sunniten wieder ins Hintertreffen. Die Sunniten haben also einmal schlechte Erfahrungen gemacht, und das macht es schwierig, sie ein weiteres Mal zur Zusammenarbeit zu motivieren.

Der IS hat aber auch Feinde im eigenen Lager. In Syrien wird er von der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front bekämpft.
Ja, aber unter den derzeitigen Bedingungen ist es unwahrscheinlich, dass sich Al-Nusra zu einer effektiven Kraft gegen den IS entwickelt. Was würde ihr das bringen? Sollte es gelingen, den IS zu besiegen, sollte die Regierung in Bagdad oder in Damaskus die Oberhand gewinnen, so würden sie sich als Nächstes gegen die Al-Nusra-Front wenden.

Peter Anatol Lieven hat als Journalist diverse muslimische Krisengebiete kennengelernt.

Wie unterscheiden sich denn eigentlich Al-Nusra-Front und IS voneinander?
Die ideologischen Unterschiede sind minimal. Es geht eher um die Rivalität zwischen zwei Gruppen und deren jeweiligen Führungs- und Kampfstil. Da es sich aber um zwei Gruppen handelt, die sich beide auf einen sehr radikalen Islam berufen, werden ganz weltliche Konflikte schnell ideologisch aufgeladen. Die eine Seite erklärt die jeweils andere zu Abweichlern.

Einige radikale Gruppen, die bisher mit Al-Kaida verbündet waren, haben sich in letzter Zeit dem IS zugewandt. Glauben Sie, dass das Al-Kaida-Netzwerk jetzt ausgedient hat?
Al-Kaida erhebt nach wie vor einen Führungsanspruch; sie unterhält Ableger in vielen Ländern. Das sind Gruppen, die ihr die Treue schwören und mehr oder weniger eng zusammenarbeiten. Der IS kommt aus dem gleichen Lager, hat sich aber nicht Al-Kaida angeschlossen. Ob sich nun Al-Shabab in Somalia oder Ansar al-Scharia in Libyen dem IS anschließen? Das glaube ich nicht. Sie kämpfen ihren ganz konkreten Kampf in ihren Ländern, und sie würden sich nur dem IS anschließen, wenn der ihnen etwas anbieten kann, was sie brauchen. Es sind mit Sicherheit Emissäre unterwegs, um dies zu verhandeln.

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Kennen Sie Beispiele?
Ein Grund für die Zusammenarbeit zwischen Al-Kaida und den Taliban in Afghanistan war, dass Al-Kaida den Taliban dringend benötigte Ärzte vermitteln konnte. Man sollte vermeiden, diese Gruppenzusammengehörigkeit mit westlichen Militärmustern zu erklären. Die Taliban haben sich mit Al-Kaida zusammengetan, aber nicht in allen Punkten untergeordnet. Es geht beim Zusammengehen dieser Gruppen oft um strategische Allianzen. Insgesamt ist zu beobachten, dass Gruppen wie Al-Kaida und zunehmend auch der IS lokale Gruppen in ihren Kämpfen unterstützen und im Gegenzug ihre Ideologie dort verbreiten und ihre Macht ausdehnen. Dorthin kommen die international rekrutierten Freiwilligen. Sie haben eine ganz andere Motivation. Ihnen geht es in erster Linie ums Kämpfen und dass sie den Islam verteidigen wollen. Was immer das bedeutet.

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Islamischer Staat (IS) nennt sich jene islamische Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt. Gelegentlich auch Isis - die Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und Syrien". In Deutschland ist die Organisation seit kurzem verboten.

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