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Islamischer Staat (IS, Isis)
Islamischer Staat (IS) oder Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien) nennt sich jene Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt.

23. September 2014

IS Türkei: Altes Denken in Ankara

 Von 
Syrische Kurden fliehen vor der Terrormiliz "IS" in die Türkei.  Foto: AFP

Angesichts der Bedrohung durch den „Islamischen Staat“ hat die Türkei keine Strategie. Dennoch muss der Westen ihr helfen. Die Gefahr besteht, dass die ISlamisten bald einen bedeutenden Teil der syrisch-türkischen grenze kontrollieren.

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Die Regierung der Türkei ist wahrlich nicht zu beneiden. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) rückt in rasendem Tempo auf die Grenzen des Nato-Staates vor und treibt eine Bugwelle Zehntausender Flüchtlinge vor sich her. Die Gefahr besteht, dass die Islamisten bald einen bedeutenden Teil der 900 Kilometer langen syrisch-türkischen Grenze kontrollieren. In verschiedenen Städten der Türkei brachen jüngst Unruhen aus wegen des enormen Zustroms von Flüchtlingen.

Zugleich erhöht Washington den Druck auf Ankara, sich endlich auch militärisch an der Anti-IS-Koalition zu beteiligen. Das hatte die Türkei bisher abgelehnt mit dem Verweis auf die Gefahr für jene 49 Geiseln aus dem türkischen Generalkonsulat in Mossul, die dem IS bei seinem Blitzkrieg im Irak vor drei Monaten in die Hände fielen.

Türkische Polizisten gehen mit Wasserwerfern gegen die kurdischen Demonstranten vor.  Foto: AFP

Am vergangenen Samstag wurden die Geiseln freigelassen und der Türkei übergeben. Welchen Preis das Land dafür bezahlt hat, ist noch nicht bekannt, doch gibt es Hinweise auf die Entlassung von Dschihadisten aus türkischen Gefängnissen. Jedenfalls kann sich Ankara jetzt nicht mehr auf eine Gefahr für die Geiseln berufen, um sich militärischen Operationen von Obamas Anti-IS-Koalition zu entziehen.

Auch das Argument, die USA müssten erst eine robuste Syrien-Strategie vorlegen, zieht nicht mehr. Denn Obamas Strategie besteht gerade darin, diese Strategie gemeinsam mit den Koalitionspartnern zu entwickeln.

Das Problem ist nur, dass die Türkei selbst über keine Konzepte gegen den IS verfügt und sich lieber in altem Denken bewegt, als die neue Bedrohung wahrzunehmen, die der IS für ihre Grenzen und die Sicherheit ihrer Städte bedeutet. Es mag ein zufälliges Zusammentreffen sein, wenn die Dschihadisten ausgerechnet im Moment der Geiselbefreiung ihre Großoffensive auf die syrische Kurdenenklave Kobani starteten und damit den neuen Flüchtlingsstrom auslösten. Für viele Kurden in der Türkei aber steht fest, dass es eine Absprache der türkischen Regierung mit den Islamisten gab, nach dem Motto: „Ihr gebt uns die Geiseln, wir lassen euch gegenüber den Kurden freie Hand.“ Einige Kurdensprecher spekulieren sogar über logistische und geheimdienstliche Hilfe Ankaras für den IS.

Beweise für solche Beschuldigungen liegen bislang nicht vor. Doch allein, dass sie erhoben werden, ist für Ankara so verheerend wie die Bilder der Tränengasattacken auf türkische Kurden, die den vom Massenmord bedrohten syrischen Kurden zu Hilfe eilen wollen.

Kurden sind globale Helden

Anders als die hochgerüstete türkische Armee sind die ungenügend bewaffneten Milizen der sozialistischen kurdischen Arbeiterpartei PKK aus der Türkei und ihrer Schwesterorganisation YPG aus Syrien jetzt globale Helden, weil sie stellvertretend für die zivilisierte Welt gegen die IS-Barbaren kämpfen. Niemand bekämpft IS auf dem Boden effektiver als sie.

Mit der IS-Attacke auf Kobani hat sich nun viel schneller als erwartet die Gretchenfrage gestellt, wie der Westen es mit der PKK hält. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich die in Europa und den USA noch immer als Terrororganisation gelistete Gruppe in dem Konflikt viel klarer als Ankara auf die Seite des Westens gestellt hat. Doch die Kurden, die potenziellen Alliierten des Westens, sind in Syrien derzeit das Bauernopfer.

Dabei könnten die syrischen „linken“ Kurden ebenso wie die nordirakischen konservativen Kurden ein starker Partner werden, weil sie gegen den gemeinsamen Feind kämpfen und eine säkulare, prowestliche Haltung einnehmen. Leider macht der Westen wegen türkischer Vorbehalte noch immer einen großen Bogen um sie. Das muss aufhören, und zwar schnell.

Ein Mann versorgt einen syrischen Flüchtling durch den türkischen Grenzzaun mit Wasser.  Foto: dpa

Natürlich ist eine Legitimierung der PKK für die Türkei aus historischen Gründen schwer zu verkraften, obwohl die Regierung seit zwei Jahren Friedensgespräche mit der Kurdenguerilla führt und ein Waffenstillstand schon fast ebenso lange hält. Doch leider handelt Ankara in der syrischen Kurdenkrise nach den alten Reflexen – und schon melden sich Stimmen aus der Kurdenpartei HDP, die den Abbruch der Friedensgespräche fordern.

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Eine neue militärische Eskalation und Destabilisierung der Türkei aber können weder Ankara noch der Westen wollen. Deshalb wären die Nato-Partner gut beraten, gemeinsam mit der Türkei eine konsistente Haltung zum Syrienkrieg, zur Bedrohung durch den IS und zur Kurdenfrage zu entwickeln.

Und die Türkei braucht dringend unsere Hilfe. Zu den bereits 1,3 Millionen Syrern kamen allein im September 30 000 Jesiden aus dem Irak und seit dem Wochenende fast 140 000 Kurden aus Syrien. Geht das Morden dort weiter wie bisher, werden sich Hunderttausende zusätzlich auf den Weg machen. Ankara kann zu Recht erwarten, dass Europa bedeutend mehr tut, um die Flüchtlinge zu versorgen. Der Westen darf verlangen, dass die Türkei die syrische Grenze besser gegen Islamisten abschottet. Nötig ist ein Geben und Nehmen.

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Islamischer Staat (IS) nennt sich jene islamische Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt. Gelegentlich auch Isis - die Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und Syrien". In Deutschland ist die Organisation seit kurzem verboten.

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