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Islamischer Staat (IS, Isis)
Islamischer Staat (IS) oder Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien) nennt sich jene Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt.

22. November 2014

Islamischer Staat: Alle Züge einer Zwangsneurose

 Von 
Junge Menschen, die für Islamische Terrorgruppen in den Kampf ziehen, fühlen sich oft selbst verfolgt.  Foto: AFP

Die französische Psychologin Asma Guénifi spricht im Interview über die Verfassung junger Salafisten, die in den Krieg im Irak und in Syrien ziehen.

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Sind Dschihadisten, was man gemeinhin als „verrückt“ bezeichnen würde?
Nicht unbedingt. Sie sind nicht wahnsinnig oder schizophren, sondern leben in der Realität und handeln aufgrund ihres eigenen Empfindens logisch und vernunftgemäß. Das Problem ist, dass ihr Empfinden gestört ist. Dschihadisten und Salafisten sind paranoid, sie fühlen sich verfolgt und glauben, dass sie und ihre Gemeinschaft in Gefahr seien und verteidigt werden müssten. Das dringt in allen Gesprächen durch, die ich mit ihnen geführt oder anderweitig verfolgt habe.

Das klingt fast, als hielten sich diese Gewalttäter selber für angegriffen.
Durchaus. Sie schreiten zur Tat, gerade weil sie sich ungeschützt und bedroht fühlen. Das rührt daher, dass sie die Gewalt in ihnen selbst nach außen projizieren. Sie sehen also überall äußere Gefahren, und sie glauben felsenfest daran, dass sie oder ihre Gemeinschaft verfolgt sind. Sie wähnen sich sogar oft in Todesgefahr; um sich zu schützen, gehen sie bis nach Syrien – ironischerweise selbst auf die Gefahr hin, dort zu sterben. Das ist eine direkte Folge der salafistischen Indoktrinierung.

Wie meinen Sie das?
Der Dschihad hat seinen Ursprung im Salafismus, der ein ganz einfaches Weltbild vertritt: Ich selbst bin rein und fromm (halal), der andere ist unrein und schlecht (haram). Wobei der andere, das sei nebenbei gesagt, auch die Frau ist: Sie gilt generell als unrein, wie auch freier Sex. Viele Jugendliche, die nie eine Koran-Sure lesen würden, aber auf der Suche nach Halt sind und zum Islam konvertieren, können damit etwas anfangen. Deshalb verbreitet sich der Salafismus in Pariser Vorstädten, aber auch Gefängnissen immer mehr.

Woher kommt diese Fixierung auf die Reinheit?
Meiner Meinung entspringt sie der Suche nach der absoluten Wahrheit, dem wahren Diskurs, dem nicht widersprochen werden kann, der nie in Frage gestellt werden muss. Es ist die Suche nach dem Ideal, der Perfektion, auch dem Paradies. Das trägt alles die Züge einer Zwangsneurose. Mit tragischen Folgen: Die Dschihadisten wähnen sich rein und den anderen als so schmutzig, dass sie sich das Recht zubilligen, ihn zu eliminieren.

Ein Gefägnis nahe Paris. Viele der Dschihadisten werden im Knast rekrutiert.  Foto: rtr

Eine ziemliche Anmaßung…
…die so extrem ist wie ihre psychologische Fragilität. Salafisten und Möchtegern-Dschihadisten leben nach meinen Studien mit einem vierfachen Manko. Vor allem affektiven Mängeln in der Familie. Dazu kommt die Abwesenheit oder – was auf das Gleiche hinausläuft – ein Übermaß an elterlicher Autorität. Bezeichnend ist auch ein kulturelles oder Bildungsdefizit sowie eine totale Verkennung der Religion und der religiösen Idee. Für diese Jugendlichen nimmt die Religion, das heißt Gott, den Platz der Autorität oder im Freudschen Sinn des Vaters ein.

Aber wenn sie nichts von Religion verstehen, warum ziehen sie dann trotzdem in den Heiligen Krieg?
Wegen der Gewalt. Sie fühlen sich davon angezogen, und in ihrer psychischen Schwäche identifizieren sie sich mit den Starken, den Gewalttätigen, den Killern, den Henkern. Das verleiht ihnen zugleich das – falsche – Gefühl, einer Gruppe oder einer Familie anzugehören. In Frankreich verfallen viele Kleinkriminelle den Salafisten, wenn diese in den Gefängnissen missionieren. Dabei übernehmen sie den Diskurs der Bandenchefs, die sagen, sie seien alle eine große, verschworene Familie.

Und offenbar glauben das viele.
Ich sage es ungern, doch die salafistischen Anwerber sind ausgezeichnete Psychologen, sie kennen die Schwachpunkte dieser Jugendlichen und wissen genau, wo sie ansetzen müssen. Das geht oft sehr schnell; sie geben den Jugendlichen keine langatmigen Bücher zu lesen, sondern zeigen ihnen zuerst Videos von ermordeten Irakern, die genauso verfolgt würden wie die Moslems in Frankreich. Zum Schluss überzeugen sie sie, selber in den Dschihad zu reisen und „Unreine“ umzubringen.

Asma Guénifi (38) ist klinische Psychologin und Psychoanalytikerin bei der „französischen Vereinigung von Terroropfern“ (AFVT). Die Franko-Algerierin verlor ihren Bruder durch einen Mordanschlag algerischer Islamisten und hat in der jüngsten Vergangenheit Zeit mehrere Salafisten interviewt, die zum Teil in den Dschihad reisen wollten. Ihr Befund ist, dass all diese selbst ernannten Gotteskrieger ein paranoides Grundmuster aufweisen, indem sie eine Art Verfolgungswahn mitbringen, den sie in extreme Gewalt gegen außen verwandeln. Die Psychologin steht außerdem der Bewegung „Weder prostituiert noch unterjocht“ (Ni putes ni soumises) vor, die sich für Migrantinnen vor allem in den französischen Banlieues einsetzt. Darüber hinaus ist sie Präsidentin der länderübergreifenden, euro-mediterranen Vereinigung „Frauen gegen den Fundamentalismus“. (brä)  Foto: FR

Warum werden diese Hinrichtungsvideos veröffentlicht?
Die Dschihadisten lieben die Theatralisierung, wie schon die Inszenierung der Anschläge auf die New Yorker Twin Towers. Sie sind überglücklich, wenn die Medien diese Gewaltakte ausstrahlen, das glorifiziert sie. Außerdem darf man nicht vergessen, dass sich diese extreme Gewalt auch an potenzielle Mitkämpfer und Dschihad-Kandidaten im Westen richtet, jene verlorenen Seelen, die von der rohen Gewalt fasziniert sind.

Warum werden die Opfer enthauptet?
Der andere, Unreine, soll daran gehindert werden, ins Paradies zu kommen. Indem man ihn seines Blutes entleert und den Kopf abtrennt, gelange seine Seele nicht ins Paradies, meinen sie.

Ratlos: Der Bruder einer 15-jährigen Dschihadistin aus Avignon, die in den Kampf nach Syrien gezogen ist, zeigt ihr Porträt.  Foto: rtr

Neben dieser extremen Gewalt gibt es bei den Salafisten aber auch eine pietistische Strömung. Wie passt das zusammen?en Salafisten aber auch eine pietistische Strömung. Wie passt das zusammen?
Der Salafismus war historisch gesehen eine harte, radikale Bewegung, eine Art bewaffneter Arm des Wahhabismus, der seinerseits nach Rezepten aus der Zeit des Propheten im 7. Jahrhundert lebt. Nach den Massakern an Zivilisten in Algerien in den neunziger Jahren spaltete sich aber die Bewegung, da viele die Gewalt nicht mehr tolerieren wollten.

Wie kann man Jungkonvertiten vom Dschihad abbringen?
Auch wenn die Salafisten meist ein lupenreines Bild paranoider Störung aufweisen, lässt sich nie vorhersagen, wer nun wirklich nach Syrien oder Irak reisen wird. Die meisten bleiben hier; für einigen genügt aber ein kleiner Klick, um das Abgleiten in die Gewalt auszulösen. Wirkungsvoll ist wohl nur ein Zusammenwirken von Erziehern, Soziologen, Politikern und Psychologen.

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Aus Frankreich reisen auch viele Mädchen in den Dschihad. Wirken da die gleichen psychologischen Mechanismen?
Durchaus. Man macht diese jungen Frauen glauben, sie träfen in Syrien einen Mann und könnten sich nützlich machen. Ich kenne den Fall einer 14-jährigen Moslemin, die vergewaltigt worden war und sich nicht traute, mit den Eltern darüber zu sprechen. Im Internet sagte ihr ein salafistischer Anwerber, sie habe durch diesen Akt viel Schuld auf sich geladen und müsse in den Dschihad, um Vergebung zu erhalten. Wenn sie dort sterbe, könne sie 60 Personen ins Paradies mitnehmen, dann werde ihr verziehen. Da haben sie alle Zugaben – Gewalt, Schuldgefühle, Indoktrinierung.

Interview: Stefan Brändle


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Dossier

Islamischer Staat (IS) nennt sich jene islamische Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt. Gelegentlich auch Isis - die Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und Syrien". In Deutschland ist die Organisation seit kurzem verboten.

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