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Islamischer Staat (IS, Isis)
Islamischer Staat (IS) oder Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien) nennt sich jene Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt.

26. Januar 2015

Islamischer Staat: Das Heilige Land zum Ziel

 Von Nadeem Khan
Ein Video zeigt den militanten Islamisten Abu Bakr al-Baghdadi, der am 4. Juli 2014 in der Großen Moschee von Mosul das Kalifat ausruft.  Foto: REUTERS

Die Massenmordpolitik der Terrororganisation Islamischer Staat greift auf ein krudes Geschichtsverständnis zurück und plant die Rückeroberung von Jerusalem.

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Als der unter dem Namen Abu Bakr al-Baghdadi bekannte Mann auf die Kanzel der Großen Moschee von Mosul steigt, um die Freitagspredigt zu halten, sind zahlreiche Kameras auf ihn gerichtet. Die erste öffentliche Predigt des soeben vom selbsterklärten „Islamischen Staat“ (IS) ausgerufenen Kalifen ist ein tief symbolischer Akt, der an diesem 4. Juli 2014 um die Welt gehen soll.

Mit seiner Predigt versuchte Baghdadi, sich in die Tradition mittelalterlicher muslimischer Herrscher zu stellen, denen die Freitagspredigt als fundamentale Bestätigung ihres Machtanspruchs diente. Insbesondere die schwarze Kleidung Baghdadis sei – so einige Beobachter – eine Reminiszenz an die Dynastie der schwarztragenden Abbasiden, die im 8. Jahrhundert – nach dem Sieg ihrer unter schwarzen Bannern im östlichen Iran aufgebrochenen Truppen – die Kalifatswürde erlangten und bis ins 13. Jahrhundert von Bagdad aus weite Teile des Irak beherrschten.

Während die Wahl der Farbe also auf die Abbasidendynastie verweisen könnte, die sich wie al-Baghdadi selbst als Teil der „Familie des Propheten“ verstand und auf diese Weise ihre Herrschaft legitimierte, dürfte die Wahl des Ortes für den öffentlichen Auftritt Baghdadis eher auf die Zengidendynastie und ihren berühmtesten Vertreter – Nur ad-Din Zengi – hindeuten.

Nur ad-Din stand im Schatten Saladins

Die Freitagsmoschee von Mosul wurde 1171 vom Zengiden Nur ad-Din in Auftrag gegeben, weshalb sie auch als Nuri-Moschee bekannt ist. Mosul war ab 1127 Stammsitz der Dynastie der Zengiden und verblieb etwa 150 Jahre unter ihrer Herrschaft. Unter Nur ad-Din erreichte die Dynastie ihre größte Ausbreitung, ihr Herrschaftsgebiet erstreckte sich schließlich über Teile des Nordirak, große Gebiete Syriens und Ägyptens.

Nur ad-Din wird sowohl in der modernen Geschichtswissenschaft als auch in der Erinnerung muslimischer Gesellschaften als einer der Hauptgegenspieler der Kreuzfahrer angesehen. Er steht jedoch meist im Schatten Saladins, der nach dem Tod Nur ad-Dins zum mächtigsten muslimischen Herrscher der Levante aufstieg. Saladins Ruhm speist sich hauptsächlich aus seinen Siegen über die Kreuzfahrer, die 1187 zur Einnahme Jerusalems führten. Während der Verweis auf muslimische Helden der Kreuzzugszeit gegenwärtig zum Standardrepertoire dschihadistischer Gruppen gehört, stellt gerade Nur ad-Din für den IS – insbesondere für den IS-Vordenker Abu Musab az-Zarqawi – eine besonders wichtige historische Referenzfigur dar.

Dies geht klar aus einem Nachruf des ehemaligen Sicherheitschefs Usama Bin Ladens – Sayf al-Adl – auf seinen Weggefährten Abu Musab az-Zarqawi hervor: „Abu Musab war ein Bewunderer des einzigartigen islamischen Anführers Nur ad-Din, der den Befreiungs- und Reformprozess einleitete, welcher vom Helden Salah ad-Din (Saladin) abgeschlossen wurde. Daher fragte er stets nach erhältlichen Büchern über Nur ad-Din und dessen Schüler Salah ad-Din.“ Dieses Interesse an Nur ad-Din war keineswegs rein akademischer Natur, denn Sayf al-Adl fährt fort: „Ich glaube, dass die Dinge, die er über Nur ad-Din und seinen Anfang in Mosul gelesen hatte, großen Einfluss auf Abu Musabs Entscheidung hatte, nach dem Fall des Islamischen Emirats Afghanistan (der Talibanherrschaft) in den Irak zu gehen.“


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„Al Kaidas 20-Jahresplan“

Wie stark ein bestimmtes Geschichtsbild, respektive die Nachahmung eines historischen Vorbilds, die Handlungen der Vorgängerorganisationen des IS beeinflusste, erwähnt Sohail Hashmi in seinem Aufsatz Enemies Near and Far, in dem er auf die letzte Rede Zarqawis Bezug nimmt: Saladin habe die Kreuzfahrer nur besiegen und Jerusalem zurückerobern können, da er selbst bzw. sein Vorgänger Nur ad-Din zuvor zunächst die schiitischen Herrscher der Region in ihre Schranken gewiesen, ja teils beseitigt habe. Ein Sieg über die „Ungläubigen“ sei also – so lehre die Geschichte – nur möglich, wenn zuerst die „Abtrünnigen“ besiegt würden.

Zur Person

Nadeem Khan, Jahrgang 1987, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. Der Geschichts- und Islamwissenschaftler forscht im Projekt „Monarchische Herrschaft und religiöse Vergemeinschaftung“ unter Leitung von Mittelalter-Historiker Wolfram Drews. Seine Dissertation befasst sich mit dem muslimischen Herrscher Nur ad-Din Zengi (gestorben 1174) und seinen Beziehungen zu den sunnitischen Gelehrten seines Regierungssitzes Damaskus.

Zu den Forschungsschwerpunkten des Autors gehören die Geschichte der islamischen Welt, die Ideengeschichte des Dschihad im Kontext der Kreuzzüge und religiöse Komponenten gewalttätiger Konflikte.

Die anti-schiitische Grundhaltung des IS und seiner Vorläufer ist also nicht nur im konfessionellen Gegensatz begründet, sondern wird auch von dem erwähnten Geschichtsbild getragen. Dass die Ansichten Zarqawis für den IS – auch Jahre nach seinem Tod im Jahr 2006 – bis heute wegweisend sind, lässt sich an seiner stetigen Präsenz in der Propaganda des IS sowie in der zielgerichteten Umsetzung seiner Strategie erkennen.

Besonders interessant ist in diesem Kontext das vom IS anscheinend Punkt für Punkt abzuarbeitende Strategiepapier, das der jordanische Journalist Fouad Hussein in seinem leider nur auf Arabisch vorliegendem Buch „Zarqawi – Al Kaidas zweite Generation“ vorstellte. Das unter dem Namen „Al Kaidas 20-Jahresplan“ bekannt gewordene Konzept war Hussein aus dem Umkreis Zarqawis zugespielt worden.

Für die Jahre 2007 bis 2010 sieht der Plan die Errichtung einer starken Machtbasis im Irak vor – Ende 2006 schlossen sich, Zarqawis Plan folgend, mehrere sunnitische Gruppen zum IS-Vorläufer „Islamischer Staat Irak“ zusammen. Dies sollte laut Strategie eine Ausbreitung auf Syrien im Zuge einer zunehmenden Konfessionalisierung zur Folge haben, wie sie im Zuge des Bürgerkriegs in Syrien ab 2011 tatsächlich Gestalt annahm. Die für diesen Zeitraum geplante Destabilisierung der Region durch Attentate in der Türkei, Jordanien und Israel blieb dagegen bisher aus.

Kampf mit dem Westen

Für die Jahre 2010 bis 2013 sagt das Strategiepapier eine zunehmende Destabilisierung der arabischen Staaten voraus, was die Bewegung zur Ausrufung eines Kalifats zwischen 2013 und 2016 nutzen solle. Dies wiederum münde in einen geradezu apokalyptischen Konflikt mit dem Westen und Israel, der einen Rückzug des Westens aus der Region und eine massive Schwächung und wohl die Vernichtung des Staates Israel zur Folge haben werde.

Implizit handelt es sich bei diesem Plan um die Übersetzung von Zarqawis Geschichtsmodell in Handlungsanweisungen: Zunächst seien Schiiten zu bekämpfen, um anschließend Jerusalem einnehmen zu können. Dieses Prinzip wurde vom IS und seinen Vorläufern häufig mit dem Zarqawi-Zitat „Wir kämpfen im Irak, aber unsere Augen sind auf das Heilige Land (Jerusalem) gerichtet“ untermauert.

Eventuell ist der Anschluss der ägyptischen Gruppe Ansar Bayt al-Maqdis an den IS am 10. November 2014 auch in diesem Kontext zu sehen. In Zarqawis Geschichtsbild stellt die Einnahme Ägyptens durch Nur ad-Dins Truppen den finalen Schritt der Vorbereitungen zur „Rückeroberung Jerusalems“ dar.

Es erübrigt sich beinahe zu erwähnen, dass die Geschichtsinterpretation Zarqawis größtenteils ahistorisch ist. Nur ad-Din war zwar ein Förderer der Sunniten, und er unterdrückte Schiiten in seinem Herrschaftsbereich. Dies hinderte ihn aber nicht daran, sich auch mit schiitischen Herrschern gegen sunnitische zu verbünden. Zu einigen Kreuzfahrerstaaten wie auch zum Byzantinischen Reich unterhielt er gute Beziehungen. Dem Geschichtsbild von Nur ad-Din als großem Vorkämpfer gegen die Kreuzfahrer liegt wahrscheinlich eine gezielte, teils retrospektive zengidische Propaganda zu Grunde, die Nur ad-Dins Wirken als Vorbereitung zur Eroberung Jerusalems darstellte.

Hinweis an Mitglieder und Unterstützer

Genau dieses ahistorische, Jerusalem-zentrierte Geschichtsverständnis dürfte bei der Wahl der Nuri-Moschee als Ort des ersten und bisher einzigen öffentlichen Auftritts des „IS-Kalifen“ eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Betrachtet man ein architektonisches Detail der Moschee, erscheint dies als besonders schlüssig: Carole Hillenbrand erwähnt in „The Crusades. Islamic Perspectives“, dass die Nuri-Moschee ursprünglich mit Kalligrafien von Koranversen geschmückt war, die von Jerusalem als erster Gebetsrichtung der Muslime handeln.

Sie sieht den Bau der Moschee daher als Teil einer expliziten Jerusalemprogrammatik und -propaganda Nur ad-Dins. Die ursprüngliche Ausstattung dürfte zumindest Teilen der lokalen Bevölkerung bekannt sein, da die entsprechenden Kalligrafien in irakischen Museen zugänglich sind.
Bei der Freitagspredigt in der Nuri-Moschee dürfte es sich daher unter anderem um einen subtilen Hinweis an Mitglieder und Unterstützer gehandelt haben, dass nach den Erfolgen gegen die „Abtrünnigen“ (die Schiiten) nun – dem Beispiel Nur ad-Dins folgend – die „Rückeroberung Jerusalems“ ins Auge zu fassen und in Angriff zu nehmen sei.

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Islamischer Staat (IS) nennt sich jene islamische Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt. Gelegentlich auch Isis - die Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und Syrien". In Deutschland ist die Organisation seit kurzem verboten.

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