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Islamischer Staat (IS, Isis)
Islamischer Staat (IS) oder Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien) nennt sich jene Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt.

28. April 2015

Jürgen Todenhöfer: „Westliche Bomben stärken Islamischen Staat“

 Von 
Der Publizist Jürgen Todenhöfer stellt am 27.04.2015 in Berlin sein Buch "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'" vor.  Foto: dpa

Bei einer umjubelten Lesung in der Humboldt-Uni hat der Publizist und Bestseller-Autor Jürgen Todenhöfer sein neues Buch vorgestellt. Er beschreibt darin seine lebensgefährliche Reise in den „Islamischen Staat“. In Berlin kündigte er auch einen offenen Brief an den Terrorführer Al Baghdadi an.

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Berlin –  

Der Abend beginnt schon mit einer Überraschung: Das Publikum dieser Buchpremiere ist überdurchschnittlich jung, migrantisch und studentisch, und es feiert den 75 Jahre alten Autor, der hier in Berlin erstmals seinen umstrittenen Bestseller vorstellt, fast wie einen Popstar. Allerdings wirkt Jürgen Todenhöfer, in einem früheren Leben CDU-Politiker und heute Erfolgspublizist vor allem zu Nahost-Themen, auch regelrecht jungenhaft, als er verspätet, außer Atem und noch im olivgrünen Anorak, aufs Podium im Audimax der Humboldt-Uni springt. Der Saal ist überfüllt und ausverkauft, die Faszination an Todenhöfers neuem Werk offenbar groß. Das Buch ist schon vorab in die Top 10 der Sachbuch-Bestseller eingestiegen.

Todenhöfer beschreibt in „Inside IS“ die „stärkste Terrorbewegung der neuen Geschichten möglicherweise der ganzen Weltgeschichte“ von so nah, wie ihr bislang nur wenig kamen: Zehn Tage lang reiste der Deutsche mit seinem 31-jährigen Sohn Frederic, begleitet von bewaffneten Dschihadisten, durch den „Islamischen Staat“, die von islamistischen Terroristen besetzten Gebiete im Norden Iraks. Getrieben habe ihn die „Neugier nach der Wahrheit über den IS“, sagt er an diesem Abend – und diese Neugier teilt offensichtlich ein großes Publikum in Deutschland.

Wieder Journalisten ermordet

Nun mangelt es sich nicht an Meldungen über die Gräuel des „IS“. So wird zeitgleich zu Todenhöfers Buchpremiere bekannt, dass IS-Dschihadisten in Libyen gerade fünf oder sechs Journalisten aus Libyen und Ägypten ermordet haben. Den Mitarbeitern eines libyschen TV-Senders seien die Kehlen durchgeschnitten worden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Die Opfer sollen im August im Osten Libyens in der IS-Hochburg Derna entführt worden sein. Nun wurden ihre Leichen im Osten von Bengasi gefunden.

Von solchen Horrorgeschichten mangelt es auch in Todenhöfers Buch nicht. Er hatte im Sommer 2014 mehrere Monate lang Gespräche mit deutschen Islamisten via Skype geführt, die sich dem IS-Staat angeschlossen haben. Dadurch kenne er nun die mörderischen Absichten des sogenannten Kalifats, das einen weltweiten Gottesstaat errichten will und dabei auch vor Massenmorden nicht zurückschreckt, selbst unter Muslimen. Nach der Erweiterung ihres Staates im Nahen Osten, bei der sie die Nachbarstaaten unterwerfen wollen, haben sie Europa und den Westen im Visier.

Buch „wie ein Krimi“, sagt der Autor

Durch den Kontakt kam Todenhöfer an eine Einladung in den IS. Dort hat er IS-Kämpfer darüber befragt, wie westliche Geiseln enthauptet und verscharrt wurden, wie die 300-Mann-Truppe „IS“ mehr als 20.000 irakische Soldaten aus Mosul vertreiben konnten und einen Scharia-Richter über dessen Steinigungs- und Handamputations-Urteile und darüber, dass alle weltlichen Richter vom IS ermordet worden sind.


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Doch Todenhöfers Fans fasziniert nicht, wie sich an diesem Abend zeigt, die „Terrorpornografie“, die dem Autor von einigen Medien vorgeworfen wurde, und auch nicht unbedingt, dass Todenhöfer seine Reise als Abenteuerroman mit sich selbst als Hauptfigur aufgeschrieben hat, der „wie ein Krimi liest“, wie er in Berlin selbst sagt.

„Möge Allah Sie stoppen!“

Nein, die Zuhörer machen sich keine Illusionen über den „Islamischen Staat“, gerade weil sie selbst Muslime sind und weil sie oder ihre Länder aus dem Nahen Osten nach Deutschland kamen – oder weil sie überzeugte deutsche Pazifisten sind, für die der Westen seit Jahrzehnten Unheil in Nahost anrichtet. Es sind die, die die Nachrichten und Debatten über die deutschen Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga verfolgen, die gegen den IS kämpfen. Sie lesen die Analysen, wonach erst die religiöse Spaltung des Iraks nach der US-Invasion den IS hervorbrachte. Nun wollen sie Todenhöfers Blick ins Innere des besetzten Landes teilen; erfahren, warum der IS noch immer Zulauf an Kämpfern auch aus Deutschland hat.

Sie fühlen sich endlich verstanden und ernst genommen, wenn Todenhöfer berichtet, dass der IS gerade die toleranten, demokratiefreundlichen Muslime im Westen als seine Todfeinde sieht. Gerade deshalb seien diese Menschen die größte Chance für Deutschland und Europa, sagt der Autor, sie seien die wertvollsten Verbündeten gegen den IS. Denn der sei nicht durch Bomben zu stoppen, sondern nur durch Stabilität und Versöhnung in der Region und durch Einbindung der Muslime im Westen. Die Kriege des Westens hätten alles immer nur schlimmer gemacht. Für diese Einsichten erhält er an diesem Abend frenetischen Applaus.

Todenhöfer: IS ist ein „Anti-Islamischer Staat“

Am Ende verliest Todenhöfer einen offenen Brief an den Kalifen des „Islamischen Staates“, Abu Bakr Al Baghdadi, der an diesem Mittwoch in mehreren arabischen Zeitungen erscheint. Al Baghdadi hatte ihm eine Sicherheitsgarantie gegeben, für deren Einhaltung Todenhöfer sich darin bedankt. Dann aber lässt er kein gutes Haar am IS und an dem, was er im Irak erlebte. Dem selbsternannten Kalifen wirft er eine lange Liste „fast demonstrativer Verstöße gegen den Koran“ vor, die IS-Aktivitäten und seine Ideologie seien „ein Gegenprogramm zum Islam“:  Die Methoden der Kämpfer seien zwar bislang sehr erfolgreich gewesen, aber „nach den Geboten des Koran unislamisch und kontraproduktiv“, schreibt Todenhöfer. „Sie schaden der gesamten muslimischen Welt. Vor allem dem Islam, in dessen Namen Sie zu kämpfen vorgeben. Terror hat mit Islam so wenig zu tun wie Vergewaltigung mit Liebe.“

Für den Deutschen ist der Kerngedanke des Islam „sein für die damalige Zeit revolutionärer Aufruf zu Gerechtigkeit, Gleichheit und Barmherzigkeit“, der dem IS „leider fremd zu sein“ scheint. Stattdessen plane Al Baghdadi mit dem IS „ganz konkret die größte ‚religiöse Säuberungsaktion‘ der Geschichte“. Im Islam gebe es keinen Zwang in Glaubensfragen und ein klares Verbot von Angriffskriegen, betont Todenhöfer. „Sie aber lassen Menschen bestialisch ermorden, nur weil sie Schiiten, Alawiten, Jesiden oder demokratiefreundliche Sunniten sind.“

„Möge Allah Sie stoppen!“, schließt Todenhöfer – und wird vom wohl größten Applaus des Abends unterbrochen. „Der tolerante Islam gehört nicht nur zu Deutschland, sondern auch zur Kultur unserer Welt.“

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Islamischer Staat (IS) nennt sich jene islamische Terrorgruppe, die ein Kalifat anstrebt. Gelegentlich auch Isis - die Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und Syrien". In Deutschland ist die Organisation seit kurzem verboten.

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