Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Theater

01. März 2016

„Rigoletto“ in Darmstadt: Herzogs rote Klapprose

 Von 
"Rigoletto" am Staatstheater Darmstadt: Das ist der Titelheld, und wer kurz überlegt, sieht auch schon seine Tochter.  Foto:  Candy Welz

Giuseppe Verdis „Rigoletto“ am Staatstheater Darmstadt ist verspielt, aber schon schön und rührend.

Drucken per Mail

Nun kein abgründiger, aber doch ein zärtlicher, possierlicher, eigenwilliger „Rigoletto“ ist jetzt am Staatstheater Darmstadt zu sehen. Hier hat Intendant Karsten Wiegand, so ist es heute üblich, eine seiner Inszenierungen aus Hannover (2006) und Weimar (2009) wieder aufgegriffen, das heißt „weiterentwickelt“. Wer sich alte Bilder anschaut, sieht Vertrautes, aber auch, dass einiges bunter, geschärfter ist.

Aktuelle Termine

Staatstheater Darmstadt: 10. Juni 2016, jeweils um 19.30 Uhr. 26. Juni und 10. Juli 2016, jeweils um 16 Uhr.

Der Ansatz ist leichthändig und puristisch. Obwohl die Eingangsszene uns äußerst geglückt das kleine Fernorchester als eine Art Zirkuskapelle auf einer Tribüne von schräg hinten sehen lässt; und obwohl sich der Herrenchor an der Rampe an einem allerdings wirklich diskreten Urinal versammelt – eine Plattheit, aber ein passendes Bild für den noch weit platteren Männlichkeitskult, der am Hofe gepflegt wird; obwohl also zunächst eine Menge los ist auf der Bühne von Bärbl Hohmann, so wird es bald karg, aber zauberisch.

Ein Rechteck aus Licht kann ein Haus darstellen (z. B. Rigolettos Haus), eine Tür wird nur bei Bedarf herbeigetragen (z. B. wenn es gilt, hier einzudringen und ein Mädchen zu entführen). Eine andere Tür wird, auf den Boden gelegt, kurzfristig zur Bodenklappe. Manchmal gibt es bloß die Kronleuchter (auch zum Schaukeln geeignet) auf schwarzem Grund. Manchmal gibt es bloß den schwarzen Grund.

Der berühmte Sack, in dem sich die gemordete, aber noch unbedingt singfähige Gilda befindet, wird nicht herbeigezerrt, vielmehr ist es die Kaschemme des Mörders (hier schon recht unverhohlen ein Minibordell), die sich in den Bühnenhintergrund zurückzieht und den Blick auf das weiße Leinen freigibt. Gilda wird zuvor von der Jungfrau Maria selbst beraten, einer menschlichen Statue, die die Rolle der windigen Dienerin übernimmt. Spielereien, aber ansprechende Spielereien.

Zu den kleinen Zaubereien, die etwas Elegantes haben, passt es, dass auch der Herzog von Mantua einen Trick kennt, mit dem er im rechten Moment eine rote Rose herbeischaffen kann. So macht er es aber mit jeder Frau, immer der gleiche Trick, der nun etwas Schales bekommt. Wiegand benutzt das Florett, nicht den Holzhammer, um das Unbehagen am höfischen Leben zu transportieren. Und um uns zu Tränen zu rühren.

Ein mondscheibenförmiger Mensch

Denn auch dafür ist dieser behände Abend geeignet. Rigoletto ist ein kolossaler, durch seinen weißen Overall mondscheibenförmiger Mensch. Er hat keine Arme (natürlich stecken sie wohlbehalten im Overall), was seinen Interaktions- und überhaupt Aktionsradius stark einschränkt.

Als sich einmal im vielleicht schönsten Moment des Abends doch zarte Ärmchen aus ihm herausarbeiten und zu seinem Gesang lebhaft gestikulieren, gehören sie zu seiner Tochter, die locker noch mit unter den Overall passte. Nun rappelt sie sich just in dem Moment, wo der Vater nachhause kommt und sie zu singen beginnt, aus dem Riesenleib heraus.

Man merkt also, dass Wiegands Zaubertricks in Kauf nehmen, dass die Szene etwas statisch bleibt. Rigoletto muss wenig tun, die Dinge verwandeln sich um ihn herum sinnig. Einen klug genutzten Gegensatz dazu bildet der quicklebendige, dazu von Alfred Mayerhofer quietschbunt eingekleidete Herrenchor, aus dem neben den gut besetzten kleinen Rollen auch Choristen als kuriose Typen herausragen.

Es geht hier also nicht um die letzten Tiefen der psychologischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, Sangmin Lee in der Titelrolle und Anna Palimina als Gilda sind gleichwohl darstellerisch enorm überzeugend – interessanterweise dann sogar eher weniger, wenn das Vater-Tochter-Verhältnis irgendwie zusätzlich problematisiert werden soll. Sängerisch ist der Vater groß und beweglich, die Tochter funkelnd und quecksilbrig und nur in den schlimmsten Spitzentönen manchmal etwas gellend.

Mehr dazu

Der gewalttätige Tenor zwischen beiden wird von Andrea Shin recht unverbindlich freundlich gespielt – das ist vielleicht der einzige ernste Kritikpunkt an der Inszenierung, die sich damit begnügt, ihn als Freundchen von Fessel- und Peitschenspielen zu markieren. Dafür singt er souverän und mit Leichtigkeit in der Höhe und doch eine letzte Spur glanzlos.

Markanter geführt werden die beiden Geschwister des Todes, Vadim Kravets als Sparafucile und Amira Elmadfa als Maddalena, die entspannte Dunkelheit in Körperhaltung und Ton.

Enrico Delamboye dirigiert einen farbenreichen, auch robuste Lautstärken nicht fürchtenden Verdi.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Times mager

Moby Dick

Von  |
Moby Dick, der Wal, hat ein fundamental gewalttätiges sowie metaphysisch diabolisches Potenzial.

Kapitän Ahab ist gerade kein Populist. Und die Leute seiner Mannschaft folgen ihm nicht aus einem Bauchgefühl heraus oder weil sie sich über irgendwen geärgert haben. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Kalenderblatt 2016: 30. Juni

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 30. Juni 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps