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"3Abschied" - Anne Teresa de Keersmaeker: Die Geige sackt zu Boden

"3Abschied" - Anne Teresa de Keersmaeker tanzt: Eine Performance über Tod, Tanz und die Frage, ob sich der letzte Satz von Mahlers "Lied von der Erde" in die Sprache des Körpers übertragen lässt. Von Marietta Piekenbrock

Anne Teresa De Keersmaker in der Performance 3Abschied.
Anne Teresa De Keersmaker in der Performance "3Abschied".
Foto: Herman Sorgeloss

Es treten auf: eine Frau, ein Mann, ein Kammerorchester und ein Opernhaus. Daniel Barenboim kommt auch vor, er tritt aber nicht auf. "3Abschied" heißt der Abend. Es ist eine Performance über Tod und Tanz und die Frage, ob sich der letzte Satz von Mahlers "Lied von der Erde" in die Sprache des Körpers übertragen lässt. "Nein, eine schlechte Idee", sagt der Dirigent. "Ja, aber", sagt die Choreografin. "Ich ist eine Leerstelle", antwortet der Konzeptualist. In diesem Dreieck von Ablehnen,Widersprechen und der Produktion von Abwesenheit gibt es Unerhörtes zu erleben.

Auf der Vorderbühne der Brüsseler Oper La Monnaie steht eine unscheinbare Person in Bergschuhen, Jeans und T-Shirt: Anne Teresa de Keersmaeker, die Grande Dame des belgischen Tanztheaters im Unplugged-Look des Konzpttanzes. Sie erzählt, wie sie Daniel Barenboim getroffen hat, um mit ihm über ein Projekt zu sprechen, mit dem sie sich schon eine Weile trägt. Sie wolle Mahlers Liederzyklus in die Sprache des Körpers und die Grammatik des Tanzes übertragen. Der Dirigent warnt eindringlich. Das Stück sei gänzlich ungeeignet. Schließlich handle es vom Sterben, vom Verschwinden des Körpers.

Die Autorin und das Stück

Marietta Piekenbrock ist Programmleiterin der Kulturhauptstadt RUHR 2010 in Essen. "3Abschied" wird auch in Wien, London, Paris und Dresden zu sehen sein.

Dieses kurze, nervöse Gespräch zwischen zwei Disziplinen ist die Gründungsszene für "3Abschied", zu dem sich de Keersmaeker nun mit Jérôme Bel, dem Philosophischsten unter ihren Kollegen, verabredet hat. Das Ausmaß der Erwartungen war entsprechend hoch. Der Beginn gleicht einer kollektiven Unterrichtsstunde, einer Art Meisterklasse der Musikvermittlung.

Das Saallicht geht an, das Publikum ist aufgefordert, den im Programmheft abgedruckten Text zu studieren. Lachen, Blättern, Stille. Das innere Auge gleitet von Bild zu Bild durch eine romantische Landschaft. Die berühmte Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern und Kathleen Ferrier wird eingespielt, dirigiert von Bruno Walter. Auf die historische Aufnahme folgt die Live-Interpretation der Schönberg-Bearbeitung von "Abschied" durch das Kammerorchester von "La Monnaie" Es singt Sara Fulgoni. Was wäre all dem hinzuzufügen?

Anne Teresa de Keersmaeker stellt sich neben die Sängerin, mit dem Rücken zum Zuschauerraum. Es ist, als würde sie mit ihrem Körper die Schwingungen der benachbarten Gesangstimme abnehmen, um ihnen eine szenische Form zu geben. Erst in kleinen minimalistischen Gesten, dann, mit gesteigerter Ergriffenheit, mäandert sie in expressiven Bewegungen zwischen den Orchestermusikern, um dann langsam die Tiefe des Raums zu erobern und dort zu verschwinden.

Aus dem Zuschauerraum betritt Jérôme Bel die Bühne und übereignet die nächste Szene dem Orchester. Während sie das Lied noch einmal spielen, sollen sie einer nach dem anderen die Bühne verlassen. Nach ein paar Takten steht die Flöte auf und geht, die Oboe geht, Horn und Klarinette gehen ab, der Dirigent verlässt die Bühne. Das geht so weiter, bis die Bühne leer ist. "Vielen Dank! Aber das war mir nicht radikal genug."

Zweiter Versuch. Diesmal bittet Bel die Musiker, auf offener Bühne zu sterben. Die Flöte stirbt im Vorspiel, das Harmonium kippt dekorativ vornüber, der Dirigent bricht zusammen, der Pianist rutsch vom Hocker, die Geige sackt mustergültig zu Boden.

Auf dieses Satyrstück folgt bruchlos die letzte Versuchsanordnung. Die Choreografin erfüllt sich einen persönlichen Wunsch: Sie singt "Das Lied von der Erde" selbst. Begleitet von Jean-Luc Fafchamps am Piano, zielt sie mit ungeschulter, brüchiger Stimme auf die Unaufgehobenheit menschlicher Existenz. Wenig Trost bietet sich einem. Mit dieser irritierenden, provozierend peinlichen Selbstpräsentation enthüllt sich "3Abschied" als ein Ausbrechen aus der Welt der Virtuosen, die neben ihrem exzessiven Können gern auch sich selbst als Objekte des Staunens in Szene setzen.

Zum Vorschein kommt eine Kunst der Armut, eine Anti-Barenboim-Ästhetik in der das Unmaskierte und Verletzliche sich als äußerst resistent erweist. Lautes Türenschlagen und starker Beifall für ein intimes, radikales Endspiel über den Bühnentanz als Teil der bürgerlichen Hochkultur.

Autor:  Marietta Piekenbrock
Datum:  24 | 2 | 2010
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