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"Andersen" am Thalia-Theater: Das Leben der Sonderlinge

Pop und Programmheft: Stefan Pucher zeigt am Hamburger Thalia Theater sein Musical-Projekt "Andersen". Von Dirk Pilz

Im Programmheft steht, es sei ratsam, das Programmheft zu lesen, als "Sehunterstützung". Es will, so steht dort, "die Geschichte miterzählen helfen von einem künstlerischen Sonderling", von einem, der das "Sonderlinghafte" in sich unterdrückt. Das ist ein interessanter Hinweis. Erstens entnehmen wir ihm, dass dieser Theaterabend tatsächlich so etwas wie eine Geschichte erzählen möchte; zweitens muss den Machern selbst die Befürchtung gekommen sein, dass sich eben dies womöglich nicht recht vermittelt. Deshalb gibt es für drei Euro diese Sehunterstützung. Vielen Dank.

Ohne die Lektüre hätte man nämlich vermuten müssen, hier habe sich eine Theatertruppe einen Spaß daraus gemacht, dramaturgisch wahl- und gedankenlos Szenen auf die Bühne zu würfeln, die zwar von fern mit Hans Christian Andersens Erzählung "Der Schatten" und einigen anderen Andersen-Texten zu tun haben, diesen aber weder etwas hinzufügen noch entnehmen. Man hätte sich zudem gewundert, dass ein Regisseur wie Stefan Pucher ein süffiges Pop-Musical-Theater veranstaltet, als hätte es nie das kluge Pop-Theater eines Stefan Pucher gegeben. Plötzlich soll Pop bedeuten, grundlos zwischen Spielebene vorn und Videoebene hinten hin und her zu wechseln; plötzlich soll es reichen, dass irgendwelche Figuren irgendwelche Nümmerchen veranstalten, um der Wirklichkeit von der ironischen Seite zu kommen; plötzlich müssen Schrei-Jammer-Heul-Ausbrüche des ansonsten so wunderbar doppelbödig agierenden Bruno Cathomas als existenzialistische Ausbrüche herhalten. Wer hätte das für möglich gehalten.

Womöglich hätte man sich ohne Sehunterstützung über diesen Ausverkauf des Pop-Theaters aufgeregt. Oder wäre nach zehn Minuten einfach eingeschlafen. Denn die lustig blubbernde Musik von Carsten "Erobique" Meyer und Matthias Strzoda ist bestens als Einschlummersound geeignet; wir haben tatsächlich einige sanft schlafende Theatergänger entdeckt. Offenbar hatten sie nicht das Programmbuch studiert.

Gründe, nicht einzuschlafen

Dabei bietet dieser 100-minütige Abend durchaus Anlass, wach zu bleiben, vor allem dann, wenn man sich an Schauspielern zu erfreuen weiß, die auch aus dem Verlesen des berühmten Telefonbuches ein Schau- und Hörereignis zu veranstalten vermögen, Karin Neuhäuser vor allem. Sie spielt hier jenen Schatten, den ein Gelehrter (Andersen selbst) verloren beziehungsweise fortgeschickt hat. Und während der Gelehrte von drei Sonderlingsdarstellern gemimt wird (neben Cathomas sind das Mirco Kreibich und Daniel Lommatzsch), die hauptsächlich durch wilde Frisuren und schräge Kostüme glänzen, bleibt Neuhäuser immer sie selbst: eine Schatten-Spielerin, die mit gefährlich vieldeutigen Untertönen ihrer Figur etwas Unergründliches verleiht. Sie zeigt eine Figur auf der Kante zwischen Schein und Wirklichkeit, sie begibt sich auf einen Trip in die Zwischenräume der Träume, und ein "Trip zwischen Welten" will dieser Abend ja auch sein. Neuhäuser ist groß, aber allein. Um sie herum: leeres Zeichengeklimper, fade Bedeutungshuberei, viel Theatergetue. Schon die Bühne ist nur hohle Trickserei: ein Trompe-l´il-Relief, das bereits mit der ersten Szene an den bloßen Effekt verraten wird. So jedenfalls scheint es einem ohne Programmbuchhilfe.

Mit ihr erkennen wir dagegen, dass Sonderlinge deshalb so verstörend sind, weil - tja, weil sie so sonderlich sind. Welch Wahrheit! Ist es nicht wirklich sonderbar (sic!), dass alles Sonderliche von "Sonderlingshaftem" umgeben ist? Und ist es nicht klug, ja weise, dieses Sonderlingshafte in wahllos nebeneinander gewürfelten, eben sonderbar belanglosen Szenen einzufangen? Ergibt nicht gerade dies einen unergründlichen Sinn? Ist es nicht ungeheuer gewagt und gewitzt zugleich? Ach, wie hat uns die Programmheftlektüre erleichtert. Man hätte sonst wirklich schimpfen müssen.

Thalia Theater, Hamburg: 10., 12., 14. März. www.thalia-theater.de

Autor:  Dirk Pilz
Datum:  8 | 3 | 2010
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