Es gibt Theaterabende, da sind Kostüme nettes Beiwerk. Es gibt aber auch Abende, die erklären sich zur Gänze aus der Mode. "Antonius und Cleopatra" von Regisseur Stefan Pucher ist ein solcher Abend. Die Kostüme sind kreischend und kess, blöde und bedeutungsschwanger und eine Zumutung.
Wäre dies eine Modekritik, dann müsste jetzt der Name John Galliano fallen. Der englische Modemacher ist ein wandelnder Zitatenschatz, der die Kostüme des Ancien Regime mit denen von Star Trek kreuzt. Im Wiener Burgtheater hat sich Kostümbildnerin Annabelle Witt im Geiste Gallianos am Grab von Tutanchamun, 60er-Jahre-Hollywood, Las Vegas und Herrn der Ringe abgearbeitet. Um nur einige Quellen zu nennen. Aus "Antonius und Cleopatra" hat sie ein postmodernes Sandalentheater gemacht, und Regisseur Stefan Pucher ist ihr bereitwillig gefolgt. Das ergibt einige schöne und einige große Momente, aber auch viel Leerlauf.
Nehmen wir zum Beispiel Octavius, der in der Figur von Alexander Scheer ein Cäsar als Luftikus ist. Er steckt in einem sternenübersäten Sportblouson, enger Trikothose und silberblitzenden Stiefeln. Über die Schulter hat er eine Schärpe gehängt, auf der Stirn prangt ein silberner Lorbeerkranz. Die Kostüme sagen: Dieser Octavius ist ein Michael Jackson der Weltgeschichte und ein Cäsar der Popkultur. Genau so verhält er sich auch. Steckt das Triumvirat die Köpfe zusammen, dann ist er der mit der E-Gitarre.
Breitwandtheater mit über 30 Figuren
Das mag überraschen, eine Vergewaltigung des alten Shakespeare ist es aber nicht. Der Antonius-Cleopatra-Stoff war bereits zu Zeiten des Elisabethaners mehr exotische Phantasie als historisches Panorama, schnell wechselnden Schauplätzen und einem Plot, der in seiner Verquickung von Machtgelüsten und Lustexzessen jedem Hollywoodschreiber die Schweißperlen auf die Stirn treiben würde.
Die Form triumphierte schon damals über den Inhalt. Am Wiener Burgtheater haben die Elefanten- und Seepferdchenwagen die Liebeshändel zwischen dem römischen Kaiser und der ägyptischen Herrscherin unter sich begraben. Pucher und seine Bühnenbildnerin Barbara Ehners sind offensichtlich Fans des Kostümschinkens mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Er stand Pate für den Aufmarsch an Plastikkobras und Schaumbadwannen. Für das Auge ist das ein Knaller. Etwa so als ob man sich im Caesars Palace in Las Vegas um seine Achse dreht. Auch da wird einem schwindelig. Am Burgtheater entgleitet dem pompösen, ironischen Requisitentheater aber der Kern der Geschichte. Wirklich ernst nimmt Pucher seine Figuren nicht, er zeigt Cleopatra (Catrin Striebeck) als fauchende Zicke und Antonius (Wolfram Koch) als alten, schwächelnden Imperator. In der Darstellung von Machtmenschen hat das heutige Theater ja sowieso ein Problem. Es entdeckt zwar die Schwächen der Könige und Konzernkaiser, aber selten die Strahlkraft, die von ihnen ausgehen kann.
Steinbruch mit Zitaten und Witzen
Damit wird auch das Spiel mit Insignien hohl. In "Antonius und Cleopatra" ist das ganze Klimbim eine Verdeutlichung des Status der handelnden Personen. Sind sie Schießbudenfiguren, dann wird die Geschichte nur mehr ironisch lesbar. Sie wird zu einem Steinbruch, in dem ein Regisseur mit Zitaten und Witzen spielen kann. Genau das macht Pucher, und Jens Roselt hat ihm eine geeignete Textfassung geliefert, mit einigen Unvermeidlichkeiten ("Caesar hat sogar seinen Salat nach Caesar benannt") und viel Umgangssprachlichem. Das wird Textapologeten stören, verfälscht das Stück aber nicht.
Im Gegenteil: Roselt holt es in eine Gegenwart, die für Historienschinken nur mehr bedingt aufnahmebereit ist. Als Peter Zadek vor 15 Jahren das Stück inszenierte, endete das in lähmenden Soldatenaufmärschen. Pucher und seine Crew haben an die Filmgeschichte angedockt. Vielleicht beinhalten die besten Szenen des Abends gerade deswegen Projektionen. Die Schlacht zwischen Caesar und Antonius ist eine wilde Cinemascope-Fahrt, Cleopatras Grabkammer wird aus der Unterbühne gefilmt, der Biss der Schlange dagegen nur angedeutet. Zumindest da hat es Pucher geschafft, seine Phantasie in Schach zu halten.
Burgtheater Wien: 22., 27. Dezember, 5., 16., 26., 29. Januar. www.burgtheater.at