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Theater

16. Februar 2016

"Arminio" in Karlsruhe: Die Guillotine im Teutoburger Wald

 Von 
Eine Familie rückt zusammen: Arminio inmitten seiner Lieben.  Foto: Falk von Traubenberg

Die Opernrarität „Arminio“ in einer sehr starken Produktion von und mit Max Emanuel Cencic zu den Händel-Festspielen in Karlsruhe.

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Auch jenseits der Übersättigung, die im London von 1737 offenbar mit Blick auf neues Musiktheater herrschte, kann man sich schon vorstellen, weshalb Georg Friedrich Händels Oper „Arminio“ nach der leicht floppenden Uraufführung in Vergessenheit geriet. Dort verblieb sie weitgehend.

Größtmögliche Herausstellung von Virtuosität, darunter eine brutal hohe Partie für einen Soprankastraten, geht mit einer Stagnation der Vorgänge einher, die selbst für ein Barocklibretto überdurchschnittlich ist – Menschen fliehen, werden aber sofort wieder eingefangen. Menschen zürnen, zucken dann jedoch zurück, behindert teils von Moral, teils von Memmentum, teils einfach bloß davon, dass der nächste Sänger hereinstürmt und seine Arie zündet. Menschen verzweifeln, aber die Musik geht weiter.

Tatsächlich lagert darunter allerdings eine mordsgefährliche Situation – Arminio ist Hermann, der Cherusker, von Römern bedrängt, denen ihrerseits die legendäre Niederlage bevorsteht –, verkompliziert und angereichert durch unorthodoxe Figuren. Dies vor allem in Gestalt eines eindrucksvoll verräterischen Vaters und eines noblen, aber zögerlichen, zarten Sohnes, der von seiner Geliebten zum Jagen getragen werden muss.

Woraus die Funken stieben

Es sind solche Konstellationen, an denen die Inszenierung für die Händel-Festspiele am Staatstheater Karlsruhe einhakt, aus denen sie Funken schlägt, wie sie auch insgesamt durch ihren zugewandten Umgang mit Personal und dramatischer Lage überzeugt. Der Countertenor Max Emanuel Cencic ist Arminio und führte Regie in dieser Zusammenarbeit der Karlsruher mit der auf Raritäten spezialisierten Firma Parnassus Arts Productions. Deren Bühnenproduktionen begleiten meist hochkarätige Aufnahmen, so auch hier mit der Anfang Februar erschienenen „Arminio“-Gesamtaufnahme bei Decca in derselben Besetzung (unvergessen: „Catone in Utica“ bei den Wiesbadener Maifestspielen 2015).

Die szenische Anlage (Ausstattung: Helmut Stürmer) ist wirkungsvoll. Auf mehreren Schienen einer Drehbühne rollen schwarz-funkelnde Wandteile mit Goldeinschuss, hinten wetterleuchtet ein Himmel, für die einschlägige Schlacht lässt sich zudem der Teutoburger Wald erahnen (Video: Corine Gramosteanu).

Die Darstellung derselben ist ahistorisch, aber bestechend im Vergleich zu all den armselig herumlaufenden Soldatenstatisten auf den Bühnen dieser Welt. Insgesamt leuchtet die Situation sofort ein. Die Cherusker befinden sich modisch im prächtigsten Spätbarock, die römischen Soldaten tragen Napoleonhüte, zeitlich schon passend zur Guillotine, die nicht nur schaurig vorbeirollt, sondern zum Schluss auch fällt: Anders als bei Händel kann der Verräter den Abend nicht überleben, ein plausibler Eingriff, der das Jubilieren der Sieger schwarz kontrastiert und damit nur umso deutlicher hervortreten lässt.

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Wie Cencic überhaupt ein Gespür für die unaufwendige und doch präzise Form hat. Tableaus der unglücklichen Familie von Arminio mit ungemein rührenden Kindern wechseln ab mit lebendigstem schauspielerischen Einsatz, bei dem Ernst, Melodram und Humor ihren Platz finden. Großartig, wenn es einer Figur trotz höflicher Bemühungen nicht gelingt, eine Da-capo-Arie zu unterbrechen, weil sie vielleicht auch gerne einmal etwas sagen würde. Oder wenn noch so viele Soldaten nicht unterbinden können, dass die singende Person sich losreißt, um den Titel mit aller Geruhsamkeit zum Ende zu bringen. Die Musik regiert in dieser eleganten, schier endlosen (italienisch gesungenen) Arienkette.

George Petrou leitet das griechische Ensemble Armonia Atenea, und der Farbenreichtum aus dem Graben spiegelt sich oben beim rasant guten, jungen Ensemble. Die Counter decken das ganze mögliche Spektrum ab, weil neben dem gediegen abgedunkelten, beweglichen Cencic und dem geschmeidigen, auch stimmlich geradezu drahtigen Römerhauptmann von Owen Willetts der hier extrem geforderte Vince Yi als verzärtelter Sohn mit gleißendem Sopran dabei ist. Layla Claires Tusnelda und Ruxandra Donoses Ramise demonstrieren trotzdem lässig die physische Überlegenheit der Frauenstimmen aller Couleur. Der letztlich brave Varo von Juan Sancho und der böse Segeste, Pavel Kudinov, runden das Geschehen fein abgestuft nach unten ab.

Das Publikum jubelt, zwischendurch und hinterher.

Staatstheater Karlsruhe: 19., 21., 23. Februar. Händel-Festspiele bis 2. März. www.staatstheater.karlsruhe.de

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