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Theater

16. März 2016

"Benjamin, dernière nuit" in Lyon: Und er muss weiter, muss noch weiter

 Von Hans-Jürgen Linke
Der zu Tode erschöpfte Benjamin.  Foto: Stofleth

In Lyon wird die Oper „Benjamin, dernière nuit“ von Régis Debray und Michael Tabachnik über den Schriftsteller und Kunsthistoriker Walter Benjamin uraufgeführt.

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Historiker? Kunsthistoriker? Marxist? Zionist? Theologe? Von allem ein bisschen, antwortet Walter Benjamin in Regis Debrays Libretto auf die inquisitorische Frage, in welcher Disziplin er eigentlich arbeite. Eine Oper (mit und) zu Walter Benjamin kann darum auch nicht nur eine Oper sein. Es ist eher ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk geworden: Michel Tabachnik hat Debrays Libretto, das ursprünglich als Theaterstück gedacht war, stilistisch polymorph und sehr präzise vertont, so dass, wie er selbst sagt, „die Musik am Text klebt“. John Fulljames’ Inszenierung arbeitet mit großen Gesten und komplexer Ereignisdichte in einem wirkungsvollen, breit und vielschichtig gebauten Bühnenbild (Michael Levine), und Bernhard Kontarsky hat gewissenhaft die durchaus heikle musikalische Gestaltung realisiert und dabei die individuellen Qualitäten jeder einzelnen Szene präzise berücksichtigt. So war, trotz einer durchaus auch sperrigen Gesamtwirkung, die Uraufführung in der Opéra de Lyon – als Auftakt eines Festival pour l’humanité – ein nachdrücklicher Publikumserfolg.

Einer von Zahllosen

Das kann nicht an Walter Benjamins Bekanntheit in Frankreich liegen, der als einer von zahllosen Deutschen vor den Nazis floh, in Frankreich nicht aufgenommen wurde und während seiner weiteren Flucht in der katalanischen Stadt Port Bou Selbstmord beging. Die hohe Beachtung, die dieser Lyoner Uraufführung zuteil wurde, hat wohl vornehmlich mit Régis Debray zu tun, der als öffentlicher Intellektueller und ehemaliger Kampfgefährte Che Guevaras erhebliche Prominenz genießt. Seine Auseinandersetzung mit Benjamin will, wie er sagte, eine historische Schuld abtragen helfen, die die französische Intelligenz an – unter anderem – Walter Benjamin auf sich geladen habe; zudem spiegelt Debray sicher auch, ohne jegliche Koketterie, die eigene chronische Heimatlosigkeit in dieser Figur.

„Benjamin, dernière nuit“ spielt in der wohl düstersten Phase des 20. Jahrhunderts, als Hitler Europa siegreich zu unterwerfen schien und mit Stalin im Bunde war. Das Stück ist ein spekulativ arrangiertes szenisches Konzentrat letzter Lebensminuten, in denen angeblich das ganze Leben noch einmal als retrospektiver Kurzfilm läuft. Benjamin taucht darin doppelt auf, als Schauspieler mit Sprechtext und als Tenor in seinem eigenen Lebens-Albtraum, der ihn wie in einem Stationen-Drama noch einmal mit wichtigen Begegnungen konfrontiert: mit Asja Lacis und Hannah Arendt, mit Arthur Koestler, Bert Brecht und Gershom Sholem, mit Max Horkheimer und André Gide.

Es ist eine Art Nummern-Revue des Nicht-Angenommen-Werdens, des Weitermüssens und der Ratschlägerei. In der Benjamin-Doppelrolle sieht und hört man Sava Lolov (Schauspieler) und Jean-Noël Briend (Sänger), die als eingespielt-doppelgesichtiges Team die Gegenwart und den Rückblick kompakt und differenziert miteinander verzahnen.

Die visuelle Gestalt der Uraufführung mit filmischen, historischen und verfremdenden Reminiszenzen spart nicht an Prägnanz und Bildreichtum. Dennoch bleibt in all dem genügend Raum, um die fortschreitende Verzweiflung des ewigen Flüchtlings gewissermaßen als Breitwand-Geschehen spürbar zu machen. Tabachniks Musik und Kontarskys Dirigat produzieren dazu eine Art filmischer Begleitmusik mit intensiver Wirksamkeit.

www.opera-lyon.com

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