Bundesrepublik Deutschland - Islamische Republik Iran: Wenn Sprache, politische Situation und die gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten ganz unterschiedlich sind und ohne die Vermittlung von Dolmetschern und Interpretationsexperten keine Verständigung möglich ist, wie kann dann eine gemeinsame Theaterproduktion gelingen?
Wenn es bei der fraglichen Inszenierung um das persische Nationalepos aus dem 11. Jahrhundert geht, um Ferdousis "Buch der Könige" mit 50.000 Doppelversen, mit denen der Dichter die persische Sprache, die nach der Invasion der Araber unterzugehen drohte, am Leben hielt, dann sind schnell patriotische Empfindlichkeiten und Erregungen am Werk.
Und wenn die verwirrend vielen Helden dieses Königsbuches ("Shahname") jedem Iraner vertraut sind, dem deutschen Publikum aber völlig fremd, werden die Reaktionen auf dieses "Spiel mit Motiven des ,Buches der Könige" sehr verschieden ausfallen. Und wenn dann noch die Höflichkeitsrituale, die im Iran so wichtig sind, dass sie dort einen eigenen Namen haben - Wenn also das Ta´arof viel Zeit in Anspruch nimmt und die Geduld strapaziert, indem mit großer Ausdauer darum gekämpft wird, dem jeweils anderen den Vortritt zu lassen oder auch ein direktes "Nein" zu vermeiden - Wenn also dieses Ta´arof dazu führt, dass die deutschen Teilnehmer an diesem interkulturellen Experiment erst knapp vor der Aufführung und eher zufällig erfahren, dass der wichtigste iranische Schauspieler plötzlich keine Zeit hat, dann ist es ein Wunder, dass diese Produktion im großen Teheraner Stadttheater rechtzeitig zum Fadj-Festival, dem Fest der Morgenröte, zur Aufführung kam.
Und wenn darüber hinaus der berühmten iranischen Schauspielerin Fatemeh Motamedarya unerwartet die Ausreisegenehmigung verweigert wird, weil sie die Wahlhymne von Mussawis Wahlkampagne gesungen hatte, dann ist es ein weiteres Wunder, dass auch die deutsche Premiere inzwischen stattgefunden hat.
Ferdousis "Buch der Könige" hat Anklänge an das "Nibelungenlied". Im Iran kennt es jedes Kind - die Kämpfe der mystischen Superhelden, die Reiche schufen, goldene Zeiten des Friedens begründeten und diese wieder in Krieg und Blut untergehen ließen. Helden, die gegen Invasoren schützten und in Notzeiten zu Hilfe eilten. Gewaltige Männer, die mit schönen Frauen starke Söhne zeugten und Jahrzehnte später diese unerkannt im Kampf erschlugen oder von ihnen erschlagen wurden - Helden unter sich.
Vor vier Jahren hatte das Teheraner Dramatic Arts Center dem kleinen Freiburger "Theater im Marienbad" das Gründungsepos Irans für eine deutsch-iranische Koproduktion anvertraut. Finanziert und unterstützt wurde das Unterfangen von der iranischen Kulturbehörde, der Kulturstiftung des Bundes und dem Goethe-Institut - ein schönes Beispiel kultureller Beziehungspflege in einem politisch vernagelten Umfeld: Die Kultur soll Nebenpfade der Kommunikation aufrechterhalten für den Fall, dass die offiziellen Wege einmal versperrt sein könnten.
Wie so häufig haben sich zwischen der Idee und deren Realisierung die politischen Verhältnisse verändert. Die Premiere des "Buches der Könige" Mitte Januar fiel in eine Zeit, in der es auf den Straßen Teherans 31 Jahre nach der Revolution erneut um Helden- und Märtyrertum, Kampf, Aufopferung und Sterben geht. Doch die Inszenierung von Regisseur Stephan Weiland übt sich in der kritischen Dekonstruktion bewusstlosen Heldentums.
Auch die Sicht des Publikums auf die alt-iranischen Helden ist ambivalent. "Eigentlich wollen wir einfach nur leben und keine Helden sein", sagt Ashkan Khatibi, der auf der Bühne den jugendlichen Held gibt. "Andererseits könnte Mussawi ruhig etwas heroischer sein und den Jungen das Held-Sein-Müssen abnehmen", mischt sich ein iranischer Besucher ins Gespräch.
Eine Teheraner Zeitung beschwerte sich, dass Rostam nicht wie ein Held auftritt, nicht waffenklirrend mit pathetischen Gesten, sondern ganz alltäglich. Der Autor monierte, dass man so nicht mit "unseren nationalen Heroen" umgehen dürfe, es fehle der "Heldenglanz". Den Jüngeren gefiel es. Dass der jugendliche Held anfangs unter einem von Staubtüchern geschützten Möbelstück hervorkriecht, ist Programm: Entstauben, bei allem Respekt.
Das Publikum der deutschen Premiere hingegen wurde mit starken ausdrucksvollen Bildern belohnt und einem Farsi, das wie Musik wirkte. Die interkulturelle Kulturrezeption weist auf die verschiedenen Ausgangspunkte der Wahrnehmung: Das Gleiche ist nie das Gleiche.