Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Theater

31. Januar 2016

„Cabaret“ in Darmstadt: In weiter Ferne, so nah

 Von 
Frech zu sein, ist noch kein Widerstand: Der Conférencier und die Luder vom Kit-Kat-Club, die sich auf die neue Situation einstellen werden.

Das Staatstheater Darmstadt lässt das Musical „Cabaret“ als sorgfältig inszenierten Spuk vorüberwehen.

Drucken per Mail

Unausgelaugt und aktuell – Augen auf bei der politischen Parteinahme – wirkt die „Cabaret“-Produktion am Staatstheater Darmstadt. Das macht die Musik von John Kander, die Michael Nündel mit dem Staatsorchester auf ihre Abgründigkeit und Kurt-Weill-Haftigkeit prüft und einiger harmloser Schlager zum Trotz tief ausloten kann. Das macht aber auch die Inszenierung von Nicole Claudia Weber, die Buhei und Geschichte elegant verbindet.

Termine

Staatstheater Darmstadt: 16. Juli 2016 um 19.30 Uhr.

Die Ausstattung von Friedrich Eggert ist perfekt dafür. Vorerst setzt sie bloß das akustikfreundliche Design der schwarzen Zuschauerraumwände auf der Bühne fort. Dann ein Trommelwirbel. Zum Auftritt des Conférenciers (Michael Pegher, eine blasiert gewalttätige Kanaille) öffnet sich die Rückwand. Aus der Tiefe des Raums – das kann nur ein wirklich großes Großes Haus, kein Tourneetheaterlein – fährt eine Fernband heran. Sie ist in einer der Nischen eines Drehbühnenaufbaus platziert, der hinfort zügig vom Kit-Kat-Club ins Bradshawsche Zimmer führen kann und so weiter.

Wenn man das so einfach und schön sieht, ist es kaum zu glauben, wie umständlich viele Bühnen den Regisseuren und Akteuren im Weg stehen. Eine Zusammenstellung aus Opernchor und Musical-Spezialisten bewegt sich hier nun ganz wie daheim, grell die Kostüme, gemütlich die Zoten, hemmungslos der gleichwohl jugendfreie Sex.

Deutlich ohne Hakenkreuze

Im Getümmel finden sich etliche wiedererkennbare Typen, der allgemeine Schwung ist glaubhaft und unpeinlich (Choreographie: Christopher Tölle). Handverlesen die Solisten, darunter Dorothea Maria Müller als die berühmte Sally Bowles (vernünftigerweise weit entfernt von der unschlagbaren Liza Minnelli im unschlagbaren Film) und Markus Schneider als höflicher Amerikaner Bradshaw.

Mehr dazu

Den Einbruch des Nationalsozialismus in das quietschvergnügte Berlin – damals wohl tatsächlich arm, aber sexy – demonstriert Weber fast ausschließlich über die Musik. Und wahrlich: Der verführerisch stupide Song „Der morgige Tag ist mein“ braucht keine Hakenkreuzfahnen, damit der halbwegs informierte Zuschauer merkt, was die Stunde geschlagen hat. Die anderen merken es nicht, aber das ist ja auch in der Geschichte das Problem, der Geschichte von „Cabaret“ und von Deutschland. Fidel probieren die Damen des Kit-Kat-Clubs, keinem Hort ernsthafter Subversion, den Stechschritt aus.

Genialisch lässt Weber die Drehbühne am Ende wieder zurückfahren. Die Rückwand schließt sich wieder, als wäre nichts gewesen. Trommelwirbel. Ein Spuk bloß, aber was für einer.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Herbst 2016

Achtung Holländer! Autor Marc Reugebrink über das schwierige Verhältnis zwischen Niederländern und Flamen.
Die Liebenden: Brigitte Kronauers betörender Roman „Der Scheik von Aachen“ über Liebe, Tod und Schuld.
Die Geister: Nathan Hills grandios komponierter Familienroman ohne Familie.
Die Rassisten: Rebekka Habermas über einen vergessenen Skandal in Deutsch-Togo.

Übersicht - alle Rezensionen der Literatur-Rundschau 2016 auf einen Blick

Komplette Zeitungs-Beilage vom 18. Oktober im PDF-Format.


Dossier als Feed abonnieren
Info

Times mager

Fortschritt

Von  |
Die Lage ist  weiterhin latent torgefährlich, aber  nicht hoffnungslos.

Die Zeiten ändern sich, nicht nur in der DDR. Der technische Fortschritt hat inzwischen Sachen drauf, das glaubt man gar nicht.  Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 9. Dezember

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 9. Dezember 2016: Mehr...

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.