Ein Liederabend. Nur tragen die Sängerin und die Pianistin gestreifte Arbeitslager-Pyjamas und ihr einziger Zuhörer SS-Uniform, und ständig reden die drei zwischen den Liedern miteinander, und außer dem Zuhörer auf der Bühne gibt es noch das Publikum im Saal. François Dupeyron, bekannt geworden mit seinem Film "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", hat als Autor und Regisseur aus einer einfachen Konstellation vergleichsweise konventioneller Komponenten für die Oper in Genf ein komplexes Stück Musiktheater gemacht.
Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs sind düstere Hintergrundfolie und als Lärm startender Flugzeuge, am Schluss dann auch als Gefechtslärm präsent. Ort der Handlung ist das Arbeitslager Rechlin, im heutigen Mecklenburg-Vorpommern gelegen, handelnde Personen sind die Schweizer Konzertsängerin Nelly, ihre bulgarische Pianistin Marcelle und der Lagerkommandant.
Lieder für den Lagerchef
Marcelle ist, als Ehefrau eines Widerstandskämpfers, in Budapest während einer Tournee verhaftet worden, Nelly ist ihr ins Lager gefolgt. Nun sind die beiden von der Zwangsarbeit befreit und singen dem Lagerkommandanten jeden Abend ein Lied vor, während der ein Glas Port zu sich nimmt - ein Ritual, das die 15 Szenen äußerlich sehr ähnlich macht, nur die Konnotationen ändern sich dramatisch. Der Plot stammt aus dem Buch "Chemin Venel" der Genfer Autorin Martine Chevalier, Dupeyrons Text-Destillat spitzt sich auf das Problem der Lebens- und Kriegstauglichkeit der deutschen Romantik zu. Die Probleme liegen vor allem im Detail. Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide, singt Nelly etwa bei der ersten Begegnung der drei, es ist Mignons Lied aus Goethes "Wilhelm Meister", vertont von Franz Schubert. Im Programmheft ist "Sehnsucht" übersetzt als "nostalgie", und natürlich ist, wie man aus der Zeit besseren Deutschunterrichts noch weiß, romantische Sehnsucht kein Gefühl, das nur an Vergangenem klebt, und erst recht nichts modisch Verwertbares. Ein Rest Sehnsucht bleibt also unübersetzbar.
Aber vielleicht versteht man ja auf nonverbale Weise, was "Sehnsucht" ist, wenn man hört, wie Schubert sie vertont hat. So interpretieren die Schweizerin und die Bulgarin für sich und den Offizier die deutsche Romantik so, dass klar wird, dass es in den Texten um Schmerz, Traumatisierung, psychisches Elend und Tod geht oder sogar um so etwas Unübersetzbares wie Todessehnsucht. Es ist manchmal ergreifend zu erleben, wie sich die Lieder interpretierend über die Situationen legen wie ein Schleier und dabei wiederum eingefärbt werden von den Kontexten.
Ein wenig aneinander vorbei
Das Drama in diesem eigenwilligen Stück Musiktheater entsteht in der Verdichtung seiner Komponenten. Damit das funktionieren kann, ist äußerste Stimmigkeit im Detail nötig: in der Auswahl der Lieder, aber auch in den Haltungen, Lautstärken, Ausdrucksintensitäten, Nuancen. Es gibt eine empfindliche Balance zwischen ritualisierten Abläufen und variierenden Anteilen, und es gibt eine fein nachgezeichnete Veränderung der drei Figuren, eine Bewegung aufeinander zu und immer auch ein wenig aneinander vorbei.
Ein wichtiges Detail ist schon mit der Besetzung ins Spiel gekommen: die Akzente. Nicolas Brieger als Offizier ist mit dem Französischen hörbar vertraut, aber ein feiner deutscher Akzent bleibt ihm eigen. Ähnlich verhält es sich mit Inna Petcheniouk als Marcelle, deren expressiver Gestus und vage östlicher Akzent klare Signale von Fremdheit aussenden. Nur die Schweizerin Marie-Claude Chappuis singt ausdrucksreich, akzentfrei und mit vorbildlicher Textverständlichkeit die romantischen Lieder. Es ist atemberaubend, wie viel Selbstbehauptung und wie viel Außenwelt in solchen Details eingefangen werden kann.
Kriegstauglich aber, das ist ein Fazit des Stücks, war die Romantik nicht, schon gar nicht für die Kriege des 20. Jahrhunderts. Die Seelenlagen und Todesfantasien des noch jungen bürgerlichen Individuums sind nicht identisch mit nationalen Psychosen und kollektiven Untergangsfantasien. Unschuldig ist sie trotzdem nicht, der Lagerkommandant sagt gegen Ende den Künstlerinnen die bleibende Wahrheit: "Sie werden nie wieder Schubert hören können, ohne an mich zu denken."
Grand Théâtre de Genève, Bâtiment des Forces Motrices: 12., 14., 15., 18., 19. Mai. www.operageneve.ch