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"Danton" in Köln: Müde am Sargdeckel kratzen

Die Revolution ist schlapp geworden: Laurent Chétouane inszeniert Büchners "Danton" in Köln. Doch abendfüllend ist seine These nicht und auch das stilsicherste Essay-Theater wird irgendwann öde.

Danton in Köln: Sie wollen sich näher kommen. Lisa Densem, Renato Schuch und Robert Gwisdek.
"Danton" in Köln: Sie wollen sich näher kommen. Lisa Densem, Renato Schuch und Robert Gwisdek.
Foto: Oliver Fantitsch

Selten erhebt er seine Stimme. Danton ist müde, von Anfang an. Todessymbolik durchzieht seine Sätze, der Blick bleibt gleichmütig. Laurent Chétouane inszeniert Georg Büchners Drama so undramatisch wie man es sich nur vorstellen kann. Die großen Reden sind nichts als schlappe Propaganda, die jeder sofort durchschauen kann. Wortgetöne ohne innere Wahrhaftigkeit. Aus dieser Perspektive taugt "Dantons Tod" für eine Analyse der Gegenwart.

Chétouane ist einer der wenigen Abonnentenschrecks, die es im deutschen Stadttheater noch gibt. Weil er das psychologische Theater nicht nur unterläuft, sondern konsequent verweigert. Meist gibt es keine Rollenzuweisungen, der Text läuft wie ein großes Gedicht durch alle Darsteller hindurch, wird verkünstelt, ausgestellt, befragt. Wer sich nicht vorher mit dem Stück auseinandergesetzt hat, versteht nicht, wer gerade was verhandelt. Doch so gelingt es Chétouane häufig, überraschend präzise den Kern eines Textes frei zu legen.

Im Kölner "Danton" ist diese Ästhetik zwar noch erkennbar, aber abgemildert. Die meiste Zeit spielt Devid Striesow klar identifizierbar den ehemaligen Revolutionshelden, der nun ins Visier der tugendtrunkenen Schreckensherrscher gerät. Er ist ein ruhigerer, bescheidenerer Protagonist als Fabian Hinrichs, mit dem Chétouane früher fast immer gearbeitet hat. Der sonst oft improvisationslüsterne Striesow spielt hier ganz von innen heraus, klar und konzentriert, scheinbar auf einem Ton, aber mit vielen kleinen Abstufungen und Schattierungen.

Meistens hängen die Arme herunter, keine Geste unterstreicht das Gesagte, nicht einmal ansatzweise illustriert Striesow das Geschehen. Die Blicke ziehen den Zuschauer hinein in seine Gedanken, machen ihn zum Partner der Reflexion über die Unfähigkeit, den Hintern hochzukriegen. Dieser Mann glaubt sich selbst nicht mehr, das ist seine Tragik. Sogar das Anschreien gegen den Tod ist bloß eine Pflichtübung.

Vier Schauspieler und vier Tänzerinnen sind Chétouanes Büchner-Ensemble. In einem weiß abgehängten Bühnenraum mit einem leicht angehobenen schwarzen Vorhang, unter dem man hinein und hinaus rollen kann, erzählen die Bewegungen vom Versuch, sich näher zu kommen. Sie wollen sich berühren, Wärme geben und Zusammenhalt, aber das gelingt nur in kurzen Augenblicken.

Büchner stellt radikal in Frage, ob sich Menschen überhaupt kennen können. "Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren", sagt Danton gleich in der ersten Szene des Stückes. Wenn die Schauspieler Reden halten, zucken die Arme in die Luft als wollten sie eingeübte Politikerposen einnehmen. Aber es klappt nicht mehr, und Danton macht schon lange nicht mehr mit. Er hüpft manchmal in Tanzschritten über die Bühne. Robespierre und Saint-Just sind nur in ihren zentralen Reden erkennbar, sonst kommen sie an diesem Abend nicht vor. Chétouane stellt die Zeichenhaftigkeit des Theaters heraus, die Tänzerinnen begrüßen das Publikum, fragen auf Englisch, ob die Zuschauer Fragen haben, während die Schauspieler in bequemen Klamotten den Raum betreten und erspüren, wie man es auf Proben so macht. Einer trägt sogar eine lange Unterhose.

In zweieinviertel Stunden ohne Pause geht einem diese Ästhetik auch schon mal ordentlich auf die Nerven, auch weil die Aufführung häufig inhaltlich stagniert und nur Striesow den Spielstil so verinnerlicht hat, dass er ihn zu etwas Eigenem weiter entwickelt. Das an extreme künstlerische Handschriften gewöhnte Kölner Publikum reagierte bei der zweiten Vorstellung höflich interessiert, es gab keine Massenabwanderungen wie sie sonst häufig in Chétouane-Inszenierungen geschehen.

Wenn die Männer zur Guillotine marschieren, fangen sie plötzlich an zu singen. Sie parodieren Opernrezitative, was zunächst irritiert und ein bisschen albern wirkt. Aber im Angesicht des Schreckens singen Menschen ja oft, um sich Mut zu machen. Dann fällt das Beil, und das Licht geht aus. Danton kratzt müde am Sargdeckel, intellektuell ist dieser Zugang nachvollziehbar und trifft eine Gesellschaft der leidenschaftslosen Als-Ob-Diskussionen. Doch abendfüllend ist diese These nur bedingt, zumal keine Gegenposition sichtbar wird. Auch das stilsicherste Essay-Theater wird irgendwann öde, wenn es sich nicht in Frage stellt und jeder Konflikt zugunsten eines einheitlichen Weltbildes weggeblendet wird.

Schauspielhaus Köln: 24., 28., 29. Januar, 1., 6., 7. 10. Februar. www.schauspielkoeln.de

Autor:  Stefan Keim
Datum:  22 | 1 | 2010
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