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"Der Geizige" in Berlin: Ich so: Nerv

Voll die Dialektik und so: Der Liedermacher Peter Licht doziert nach Molière, Jan Bosse macht Regie: "Der Geizige" in Berlin. Unerträglich, dass der Jugendsprech behandelt wird wie Verse der Comédie Française. Von Tobi Müller

Theaterstueck von Peter Licht nach Moliere, Regie: Jan Bosse, im Maxim-Gorki-Theater in Berlin, (v.l.): Hilke Altefrohne (Elise), Sabine Waibel (Onkeltante Jakob), Peter Kurth (Papa Harpagon), Matti Krause (La Fleche), Johann Juergens (Valere).
Theaterstueck von Peter Licht nach Moliere, Regie: Jan Bosse, im Maxim-Gorki-Theater in Berlin, (v.l.): Hilke Altefrohne (Elise), Sabine Waibel (Onkeltante Jakob), Peter Kurth (Papa Harpagon), Matti Krause (La Fleche), Johann Juergens (Valere).
Foto: dpa

Molières "Der Geizige" heißt auf französisch auch "Die Schule der Lüge". Im deutschsprachigen Raum wird das Stück über den frühkapitalistischen Bürger Harpagon in der Monarchie nicht rasend oft gespielt. In Berlin am Maxim Gorki Theater nimmt man insbesondere den Aspekt der Schule ernst.

Der Liedermacher Peter Licht erfindet dem alten Molière mit postironischem Rohrstock hinterher und verkündet vom Katheder recht ernst die aktuelle Lage des Kapitalismus. Daneben weiß der Nachdichter auch einiges über die Rolle der Achtundsechziger sowie über deren Kinder (er ist ja selber eines).

Es gibt ein paar Volten und Vignetten im Stücktext, bei denen man gerne lacht und Lehrer Licht die Anerkennung gibt, die ein Liedermacher braucht. Ja genau, wenn man das Geld nur noch hortet, statt es in den Kreislauf zu schießen, dann wird der größte Kapitalist gleichzeitig zum größten Anti-Kapitalisten. Voll die Dialektik und so. Derweil kommen die Kinder des Kapitalisten, traumatisiert von dieser analen Besitzfixierung, über selbige anale Phase nicht hinaus und reden in frühkindlichen Verkleinerungsformen und Entenhausener Jugendsprech - oder was man dafür hält, denn Erika Fuchs, sie möge friedlich ruhen, war ja eine sprühende Duck-Übersetzerin. Ich nach zwanzig Minuten Guckigucki aber voll so: Nerv.

Unerträglich an diesem Text ist, dass die Ironie selten spielerisch oder anarchisch oder in irgendeiner Weise autonom ist, umso öfter aber bloß das sprunghafte Diktat und das Denken des "Was ich auch noch sagen wollte" verschleiert. "Alles was ist, dauert drei Sekunden / Eine für vorher, eine für nachher, eine für mittendrin" sang Peter Licht vor zehn Jahren in seinem Hit "Sonnendeck". Das passte perfekt zum Songtitel. Ein Theaterstück dauert dummerweise etwas länger.

Noch bizarrer wird der Abend, weil ihn Jan Bosse inszeniert. Jener Regisseur also, der mit Klassikern klug und offen und zugänglich umgehen kann. Verständlich, dass Bosse nicht nur auf die Rolle des Klassiker-Mundschenks abonniert sein will. Mit welchem Handwerk er aber hier versucht, diesen Text zu halten, ist bereits wieder lehrreich - eine Schule des Scheiternschauens. Und wenn es auch mal gut ist: Eine Schule des Hörens.

Den Jugendsprech behandeln Bosse und die Schauspieler nämlich, als wären sie in der Comédie Française: Künstlich, gespreizt, als redete man tatsächlich in Versen. Robert Kuchenbuch mischt Sohn Cléanthe ein paar Berliner Töne bei, Johann Jürgens zeigt mit seinem Valère, dem Freier der Tochter, wie man sich einen Ritalin-Entzug vorstellen muss. Und Hilke Altefrohnes Tochter Elise kippt immer mal mitten in der Rede in ein Lied: der Generationenkonflikt als same old song.

Die Inszenierung weiß etwas über die Vergänglichkeit - im Gegensatz zum Stück, das bald in eine Nummerndramaturgie jugendlicher Privat-Obsessiönchen abdriftet. Diese Generation eint nichts, außer die Verschiedenheit und der Zwang zur Selbstzerfleischung. Hier hätte man etwas verweilen können. Aber jetzt kommt das Achtundsechziger-Ding. Harpagon durfte bei Peter Kurth lange Zeit schweigen, was nicht zu unterschätzen ist auf Stephan Laimés Bühne mit abfallendem Tisch, auf der man immer spielen muss. Kurth spielt den Geld-König traditionell, das heißt: fast gar nicht. Aber als Harpagon plötzlich von Love und Togetherness schwafelt und die Jugend zur Kritik auffordert, weil der Achtundsechziger, you know, nichts besser kann, als die Kritik an ihm zu vereinnahmen, dann schafft das auch ein ruhiger Mann wie Kurth nur noch in der Klamotte.

Wie kann man in einer Stadt, in der René Pollesch, Falk Richter oder Schorsch Kamerun schon so viel über linke Fallen nachgedacht haben, wie kann man in Berlin mit einem derart dünnen Stücklein an den Start gehen?

Maxim Gorki Theater: 26. Februar, 10., 18. März, www.gorki.de

Autor:  Tobi Müller
Datum:  22 | 2 | 2010
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