Erfolgsrezepte sind gefährlich, leisten sie doch selten, was sie versprechen, weil es Erfolg auf Rezept nicht geben kann. Erhöhten Erwartungsdruck hingegen schon. Am Münchner Volkstheater schien man im vergangenen Jahr mit der Regisseurin Bettina Bruinier, einem Text der Autorin Juli Zeh, einer philosophisch ummäntelten Kriminalhandlung und der intimen Nachtkastl-Bühne die Grundzutaten für den hauseigenen Theatercoup gefunden zu haben. Dort gelang nämlich die Dramatisierung von Juli Zehs verzwicktem, nicht gerade theatertauglich konstruiertem Roman "Schilf", wofür Bruinier 2008 beim Festival "Radikal jung" den Publikumspreis erhielt.
Was sie jetzt an gleicher Stelle uraufführte, ist von Juli Zeh als Theaterstück verfasst worden, nennt sich "Der Kaktus", ist eine Kriminalkomödie und mit anderen Schauspielern besetzt, aber die Unterschiede verhindern nicht, dass sich "Der Kaktus" am "Schilf" messen will und scheitern muss. Um es kurz zu machen: Ihm fehlen die Stacheln, er tut gefährlicher, als er ist, während "Schilf" die Elastizität und Tragfähigkeit seiner cleveren Konstruktion auf der Bühne voll ausspielen konnte.
Münchner Volkstheater: 9. November, 2. Dezember. www.muenchner-volkstheater.de
"Der Kaktus" ist eine Satire auf den hypochondrischen, hysterisch gewordenen Rechtsstaat und seine überwachungsstaatlichen Auswüchse. Jochen von der Antiterroreinheit GSG 9 und der Polizeianwärter Cem haben vor einem Blumenladen auf einen mutmaßlichen Attentäter "zugegriffen". Jetzt wird Abu Mehsud, Deckname Frank Miller, stundenlang verhört, stehend und mit erhobenen Armen. Aber nicht wegen der Grausamkeit des schlicht gestrickten Cem und des sich sehr chefig fühlenden, aber unsouveränen Terrorexperten. Mehsud kann einfach nicht anders, denn er ist ein Kaktus wie aus dem Mexiko-Bilderbuch, mit rechts und links vom Stamm herausragenden Armen, starr, stumm und stur. Was die beiden Bullen nur nervöser und aggressiver macht, immerhin werden hier ihre gnädigen Seiten vollkommen ignoriert.
Witz und Wahrheit des Stücks
Darin liegen Witz und Wahrheit des ganzen Stücks: Der Täter passt in ein Schema - verdächtige Wüstenaufenthalte, Migrationshintergrund -, entzieht sich aber den legalen Mitteln der Staatsgewalt, was die Polizisten zur Anwendung von körperlicher Gewalt verleitet. Aber weshalb sollte sich ein (Selbstmord-)Attentäter von ein bisschen Folter und ein Kaktus vom Stehen mit erhobenen Armen beeindrucken lassen?
Die Situation im gut gesicherten, von Bühnenbildner Markus Karner dicht ans Publikum gebauten, behördengrauen Büro eskaliert jedenfalls, als außer der Polizeianwärterin Susi, einer mustergültigen Demokratin auch noch die Chefin der Terroreinheit hereinplatzt - und den geplanten Massenmord am Frankfurter Flughafen gegen ein bisschen ermittlungbedingte Menschenquälerei aufwiegen will. Nicht umsonst enthält ihre schicke Handtasche Klebeband und Schraubenzieher. Sophie Wendt spielt mit schön kaschiertem Wahnsinn diese eingebildete Menschheitserlöserin. Amüsant, aber auch ein bisschen erwartbar, wie Thomas Schmidts Terrorexperte selbstquälerisch seine unerträglichen Gutmenschenseiten wiederentdeckt. Stefan Ruppe glänzt als türkischstämmiger, zwischen Macho- und Frauenversteher-Image unentschiedener Cem.
Zeh hat den Schauspielern freche, gut funktionierende Dialoge geschrieben. Ein Wellmade-Play, leider im schlechtesten Sinn: Es ist so well made, dass man sich daran nicht reiben oder gar stechen kann. Über den simplen Konflikt zwischen Massenmord oder seiner möglichen Verhinderung durch Folter, der eigentlich kein Konflikt sein sollte, geht es nicht hinaus. Und so bleibt es eine kleine, schmerzlose Posse in Staatsbürger- und Demokratiekunde.