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Theater

18. Februar 2016

"Der Selbstmörder" im Berliner Ensemble: Seltenfröhlich ohne Wurst

 Von Ulrich Seidler
Georgios Tsivanoglou als Semjon Semjonowitsch (Mitte).  Foto: Lucie Jansch

Manche Pointe wird zerlatscht, aber Sowjet-Schnulzen machen Stimmung: Jean Bellorini inszeniert im Berliner Ensemble die Satire „Der Selbstmörder“ von Nikolai Erdman.

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Spinner, Verrückter, Sonderling, Kauz, komischer Vogel sind die Übersetzungen, die das Internetwörterbuch für weirdo anbietet; die schönste aber lautet: Seltenfröhlich. Für creep sind Widerling, Fiesling, Leisetreter, Kriecher und Ekelfetzen im Angebot. Und so geht dann der Refrain des Radiohead-Songs „Creep“ auf Deutsch: „Doch ich bin ein Ekelfetzen/ Ich bin ein Seltenfröhlich/ Was zur Hölle mach ich hier?/ Ich gehör hier nicht her. Oh, oh.“

Im Berliner Ensemble singt Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow in der opulenten und clownesken Gestalt von Georgios Tsivanoglou dieses Lied kurz vor seinem vermeintlichen Selbstmord. Er tanzt dabei über den Tisch, macht wirklich schöne elastische Dinge mit seinen Beinen und nähert sich immer gefährlicher, aber auch zeitlupiger der Kante des Tisches, der noch dazu direkt an der Rampe steht... Gleich muss er fallen. Doch er fällt nicht, sondern geht mit den Worten „Lebt wohl, Genossen!“ und mit einer Flasche Wodka zum Mutantrinken ab.

Appetit nach Leberwurst

Semjon ist die Titelfigur von Nikolai Erdmans „Der Selbstmörder“, geschrieben Anfang der 1930er. Er ist arbeitslos und verspürt eines Nachts Appetit nach Leberwurst, weckt seine Frau Mascha, muss sie sogar zweimal wecken, bis sie – unter Nölen! – in die Küche tapert. Semjon, ein Mann der Ehre, erkennt sofort den Grundsatzvorwurf in Maschas Verhalten, verzichtet für den Moment auf die Wurst und spricht: „Was möchtest du? Meinen letzten Seufzer hören? Das kannst du haben!“ Um sie abschließend „im engsten Familienkreis“ unter anderem als „dumme Sau“ zu beschimpfen. Was für ein Seltenfröhlich und Ekelfetzen! Im weiteren Verlauf melden sich lauter Interessenvertreter, die den angekündigten Selbstmord für sich ausbeuten wollen und Semjon umschwärmen, was diesem angenehm zu Kopfe steigt.

Regie führte der französische Theaterleiter Jean Bellorini. Ordentliche Sache, verständlich, mit Live-Musik (Akkordeon und Schlagzeug) auf Stimmung gebracht – unter anderem mit schönen Sowjet-Schnulzen. Die Dialoge rumpeln etwas breitbeinig herum, manche Pointe wird verschleppt oder zerlatscht. Die Schauspieler – neben dem Genannten vor allem Carmen-Maja Antoni, Joachim Nimtz und Veit Schubert – meistern ihre Passagen in spieltechnischer Eigenverantwortung, da passt manches nicht so recht zusammen, wirkt überdreht oder geht ganz verschütt.

Dass dieses Stück Satire in der Zeit seiner Entstehung tatsächlich Schmerzen an den richtigen und gefährlichen Stellen verursacht haben muss – davon spürt man an diesem Abend, der eher allgemein das Leben feiern will, wenig. Allerdings wird der berühmte Brief von Michail Bulgakow an Väterchen Stalin verlesen, in dem der Schriftsteller bittstellerisch sein Leid klagt und sich für Erdman einsetzt. Da spürt man in der leicht dampfigen Unterhaltsamkeit des Abends den nötigen Hauch der Verzweiflung.

Berliner Ensemble: 19., 23. Feb., 1., 20. März. www.berliner-ensemble.de

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