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Theater

16. Januar 2013

„Die Apokalypse“: Wer Ohren hat, der höre

 Von Dirk Pilz

Rasche inszeniert „Die Apokalypse“ in Stuttgart. Dabei geschieht nicht viel. Und doch hört man bereitwillig zu, tut es den Darstellern in ihrer Konzentration, ihrem Ernst, ihrer Genauigkeit gleich.

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Erstaunliches ist in Stuttgart zu erleben. Dabei geschieht nicht viel: Es wird gesungen und geschritten. Man spricht Texte, steht im Licht und wird laut zuweilen. Man muss zuhören, es den Darstellern in ihrer Konzentration, ihrem Ernst, ihrer Genauigkeit gleichtun – auch das ist eine Form von Identifikation, sich als Zuschauer und Zuhörer in dieselbe Haltung wie die Spieler zu begeben. Man tut es bereitwillig an diesem Abend, oder er wird einem wie die Meditation fremder Mönche vorkommen vielleicht.

Die Texte sind: eine Rede von George W. Bush aus dem Jahr 2002, ein Pamphlet von Al Gore von 1990, die Apokalypse des Johannes, das letzte, heikelste Buch der Bibel. Daraus stammen die längsten Passagen. Der wuchtige Schauspieler Elmar Roloff posiert sich im weißen Gewand und spricht von Engeln, Posaunen und sieben Siegeln. Er spricht dringlich, aber nicht aufdrängend, ein Mann in Not und Furcht, „denn die Zeit ist nahe“, da der „Herr kommt“ und regieren wird „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Toni Jessen dagegen, spitze Augen, schwarzer Anzug, predigt vom „Drachen“ und dem „Tausendjährigen Reich“, dass es ist, als ränge er mit Racheengeln.

Man hört aber auch, übergangslos, aus Bushs „Bericht zur Lage der Nation“, hört von „Kreuzzug“ und davon, dass „unsere Sache gerecht“ sei, hört Al Gores „Marshall Plan für die Erde“, von kommenden Klimakriegen und der „heiligen Gegenwart“ Gottes. Wenn Rahel Ohm dies verkündet, klingt es, als rufe ein Seher die Schar der Erweckten und Erschauderten zusammen.

Dass Politik sich der Religion bedient, wie umgekehrt alle Religion auch politisch ist, soll damit nicht gezeigt werden. Das weiß man. Dass die eingesetzte Logik der Erlösung stets ihre kalte Fratze zeigt und heiße Folgen hat, dürfte schon eher zu den Erkenntnisabsichten dieser Inszenierung gehören. Ihre Schärfe, die Opposition zum Offenkundigen besteht aber vor allem in der Parallelität dessen, was Peter Sloterdijk „Vertikalspannung“ genannt hat. Bush, Al Gore und der Prophet Johannes spekulieren jeweils auf die Unabweisbarkeit eines Durchschlags von Oben, einer Einsicht höheren Ursprungs. Wahrscheinlich hieße dieser Abend besser „Die Offenbarung“.

Apokalypsen machen auch süchtig

Er heißt „Die Apokalypse“, geschaffen von Ulrich Rasche. Rasche gehört zur jüngeren, avantgardistischen Generation von Musikspielregisseuren; er ist zudem ausgewiesener Chorfachmann. Diesmal verzichtet er auf den Chor, nicht aber auf die Musik, den Rhythmus. Zwei Sänger, eine Klarinette, ein Cello und eine Posaune schieben die Kompositionen von Johannes Winde zwischen die Worte, lassen sie mal schweben, mal polternd abstürzen. Die Töne und Worte spiegeln sich ineinander, weben an einer dichten Beschreibung des apokalyptischen Redens und Denkens. Rasche sucht nicht den moralischen Hochstand, von dem aus er auf Bush & Co. Krumen der Besserwisserei streuen könnte; er will die Muster apokalyptischer Erwartungen erforschen – und hat einen formal entschiedenen, inhaltlich scharf gedachten Abend entworfen. Er gibt einem zu verstehen, dass Apokalypsen weder nur Angst- noch nur Hoffnungs-, sondern Suchtmacher sind: Sie stiften den Wunsch nach Erlösung und delegieren ihre Erfüllung ins Zukünftige.

Schauspiel Stuttgart, 17., 19., 20. Januar. www.schauspiel-stuttgart.de

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