Am Ende ein Tableau wie in schwerem Öl: Zwölf Figuren stehen an der Rampe und schauen über das Publikum hinweg. Zögerlich und entschlossen zugleich. Den Schrecken haben sie im Rücken. Den Schrecken der Geschichte, wie man so sagt. Hier aber auch sieht, denn die Bühne ist eine riesige Mühle, eine Maschine, die auch ohne Menschen auf ihren Schaufeln weiterdreht. Schaufeln, die davor immer wieder rotierende Spielflächen waren und die Akteure manchmal zum Liegen oder Schaukeln zwangen. Zum nicht immer aufrechten Gang.
Jetzt stehen sie aber alle da, nach fast vier Stunden. Doch vielleicht zieht das Schlimmste erst herauf am Horizont, der in ihren Gesichtern schimmert. Wahrscheinlich werden sie der Unbill ein weiteres Mal trotzen. Wem oder was genau, wir wissen es nicht. Denn der konkrete Kern ihrer Ängste bleibt ausgespart. Dea Lohers neues Stück, "Diebe", schwankt zwischen klugen Aufschüben, allzu offenen Berührungen, deftigen und zarten Szenen, besonders zwischen den Älteren. Es ist ein unsicheres Stück, vielleicht ein Aufbruch.
Routiniert scheint der Text nur in der Sprache, immer wieder. Toll fängt es gleich an. Judith Hofmann sitzt alleine am Tisch und erzählt in der dritten Person ihre Figur Linda Tomason. Sie hat ihren Job in der Therme verloren, die geschlossen wird. Und jetzt hat sie einen Wolf gesehen, aber niemand glaubt ihr. Dazu singt sie "Que sera", das Lied der Schicksalsergebenheit. Ein paar Minuten, und alles ist da. Die Angst, die Hoffnung, das Ausgeliefertsein. Der drohende Wahn. Und ein Spiel, eine Regie, die den dunklen Grundton mit böser Leichtigkeit vermischen. Hofmann spielt beiläufig einen Partner am Frühstückstisch mit, den es gar nicht gibt. Der Gesang ist hell und zittrig. Das flirrt schnell, wach, technisch brillant. Und ergibt mit dem hier noch formal distanzierten Text bereits ein Mini-Drama.
Doch dann geht es weiter mit elf weiteren Figuren. Zum Beispiel eine Schaufel bzw. ein Stockwerk obendran: mit Lindas einst erfolgreichem Bruder, der nicht mehr aufstehen will. Jörg Pose ist trotz Feinripp und medikamentösem Schweiß auf Haar und Haut ein Sprecher, der den Ausdruck, nicht die Pathologie sucht. Die Depression seiner Figur und der spielerische Aktionismus seiner Schwester Linda erscheinen so ähnlich - durch die Sprache und die fast parallele Montage. Das war toll, dann aber auch lustig.
Szenen und Figuren werden zusammengehalten von der Komik und Tragik der verschwindenden Unterschiede. Unheimliche Ähnlichkeiten: Ich bin nicht wie Sie, wir sind verschieden, das sind Schlüsselsätze in diesem Text, in dem die Figuren ihre Einzigartigkeit zu behaupten suchen, die ihnen doch ständig entwischt. Oder ihnen gestohlen wird, gar geraubt, denken sie. Von höherer Gewalt, pädophilen Bestattern, Supermarktketten. Oder von Tieren im Garten, bis man nicht mehr weiß, wer wen beobachtet, wer Wolf, wer Mensch ist. Man kommt sich als einzelner, aber auch als Gattung abhanden bei Dea Loher.
Regisseur Andreas Kriegenburg, dem weite Teile der Berliner Kritik seit Monaten Kunstgewerbe unterstellen und der gerade in einer Regionalzeitung zurückgegiftet hat, Kriegenburg macht erst einen melancholisch heiteren, dann einen tief dunklen Abend daraus. Erst wie ein später Jacques Tati schreitet er nach der Pause in Richtung Geschichtsdämmerung. Als wollte er sich einer allzu festen Zuschreibung entziehen, gerade wie es Loher mit diesem Stück vormacht. Was dann doch ermüdet, nebst einer allmählichen Redundanz der Themen, ist die pädagogische Stilabfolge der Inszenierung, der brav konsekutive Ansatz. Also erst mit Humor, wie zur Strafe, dann aber auch noch mit Jerichos Trompeten.
Man möchte aus diesem Abend immer wieder einzelne Singles auskoppeln. Oft ist dabei Slapstik im Spiel, was ja wenig mit dem Umfallen selbst zu tun hat, aber viel mit der Bananenschale, mit der Tücke von Objekten oder ganzen Lebenswelten. Dazu hat Kriegenburg mit seiner Geschichtsmühle eine sinnvolle Bühne gebaut. Er scheut aber auch nicht das deutliche Gelächter. Etwa wenn Bernd Moss und Katrin Klein als Spießerpaar das Fremde träumen und in einem Sofaballett ihre Abscheu in Erotik übersetzen. Doch das Tier im Garten war nur Josef Erbarmen, der Bestatter, der eine Minderjährige beschläft. Herr Erbarmen möchte bloß beobachten, reden, etwas herausfinden. Da er einzig mit Toten zu tun hat, weiß er nicht mehr, wie das geht. Böse, ohne Absicht. Man kann das Menschsein verlernen, ohne es zu merken.
Die Musik legt bis zur Pause eine interessante Spur. Wir hören Broadwayklassiker der dreißiger und vierziger Jahre, etwas Dixieland, Lounge-Songs von Sinatra und Co. Es sind historische Dokumente entgrenzter Erwartungen an die Konsumgesellschaft, gesungen in Krisen und Kriegen. Derweil geben die Kostüme von Barbara Drosihn ein modernistisches Echo auf die Wirtschaftswunder-Fashion der späten Fünfziger. Diese Mehrspurigkeit in Bild, Ton und bis zur Pause Text wird am Schluss der deutlichen Dunkelheit geopfert. Kriegenburg vergrübelt sich im deutschen Wald. Der Exzess an Sinn und Stil, Spiel und Sprechweisen davor zeugte von wilderem Denken.
Deutsches Theater, Berlin: 23., 24. Januar, 8., 28. Februar. www.deutschestheater.de