Der König raucht Kette, sein neuer Freund Marquis Posa kratzt sich vor Neurodermitis fast Löcher in den Anzug, und sein unliebsamer Sohn Carlos knautscht und wringt und knetet und presst sein Jackett fast zu Brei. Den einen überfällt regelmäßig seine Machtbesessenheit, den anderen sein Idealismus, den letzten sein Liebesbedürfnis, und alle drei wissen dabei nicht, wohin mit den Händen.
Die drei Antipoden in Friedrich Schillers "Don Carlos" sind hier tief verkeilt in ihre persönlichen Lebensdramen, die jeweils die anderen zwei Personen für sie verkörpern, und einer schäumt und grollt und zerrt an der Kette dabei verbissener und zwanghafter als der andere.
Roger Vontobel hat als seine erste Dresdner Inszenierung Schillers Ideen-, Freiheits-, Liebes-, Freundes- und Vater-Sohn-Drama auf die Bühne des Staatsschauspiels gebracht. Und so unterschiedlich Vontobels ästhetischer Ansatz bei seinen Inszenierungen ist, so stark schwanken auch deren Qualität, Plausibilität und Ausdruckskraft. So fesselte er mit Juli Zehs "Spieltrieb", rettete "Monsun", ein schwächeres Stück von Anja Hilling, und schlug sich wacker mit Lukas Moodyssons Filmvorlage "Lilja-4-ever".
Aber er spaltete auch mit einer quälenden Weiterentleerung von Ferdinand Bruckners "Früchte des Nichts", entnervte mit lauter Kinderspielkramideen bei Kleists "Familie Schroffenstein" und verflachte Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung".
Eine holprige Bilanz. Gleichwohl glaubt man an den wichtigen deutschsprachigen Bühnen nach wie vor an ihn, und das kann nicht nur daran liegen, dass er so ein höflicher, nachdenklicher und kluger junger Mann ist. Was macht die Zusammenarbeit mit ihm so reizvoll? Wilfried Schulz, Intendant des Staatsschauspiels Dresden, findet Vontobel "spannend, weil er nicht wie viele andere Regisseure einfach eine Handschrift über alles legt. Er entwickelt seine Ästhetik immer aus dem Stoff heraus." Er gehe "mit einem so großen Thema wie Don Carlos sehr sorgfältig um und inszeniert es nicht aus einer blinden Wut heraus. Deshalb haben wir ihm dieses Stück anvertraut."
Mit Recht, wie die Premiere zeigt. Vontobel hat einen Psychothriller über drei Männer in ihrem Wahn inszeniert. Ziemlich konventionell in den Mitteln, sieht man von den Live-Videos vom herumirrenden, -schwirrenden Hofstaat und der Geräuschkulisse mit dessen perfidem Geflüster und Geschwätz ab, aber sehr, sehr aufregend in seiner Präzision.
Schillers verzwickte Blankverse werden in jeder Silbe wieder Geste, Gedanke, Gefühl, und deshalb hängt man dreieinhalb Stunden lang gebannt an den Lippen der Schauspieler. Ein Getriebener, Rasender wird dabei der großartige Christian Friedel als Don Carlos, unsicher fährt er sich durchs Bürstenhaar, befreit sich nach dem Jackett auch noch frech von der Weste, als er fordernd, bettelnd, hilflos im Regierungssaal vor seinem Herrscher kniet, der sein Vater sein soll. Und Burghart Klaußner als Philipp II. lässt sich herab, ihm durch eben dieses Haar zu streichen, mit einem geringschätzigen Mitleid, das er kurz wie Vaterliebe erscheinen lässt. Nur um sich danach angeekelt die Finger abzureiben.
Matthias Reichwald als Posa ist mehr ungeschickter Freund als zu hoch pokernder Strippenzieher, mit Umhängetasche erklärt er seinem Kumpel Carlos die Welt, aber genauso wenig wie dieser passt und reüssiert er in Philipps strategischem System. Schön verdeutlicht dies Magda Willis Bühne - der Weite vorgaukelnde Rundhorizont in Aranjuez, an dessen Rändern immer irgendwer gerade lauscht und beobachtet und Enge und Strenge in diesem Regime umso deutlicher bewusst macht.
Frauen werden in der einen wie der anderen Ansicht zum Opfer und Instrument männlichen Kontrollwahns, bis sie aufbegehren, selbst Strippen ziehen und ihre eigenen Fesseln damit nur noch enger schnüren. Hervorragend im wunderbar spielenden Ensemble sind auch Sonja Beißwenger als coole Elisabeth und Christine Hoppe als zutiefst zerstörte Eboli.
Je größer und komplizierter der Stoff, desto größer und fruchtbarer Vontobels Lust, sich darauf einzulassen, und umso geringer die Gefahr, sich in Regie-Ideen zu verrennen? Ist das vielleicht die Vontobel-Formel? In der bejubelten Dresdner Premiere hatte es den Anschein.
Staatsschauspiel Dresden: 5., 8., 16. und 28. April. www.staatsschauspiel-dresden.de