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Theater

02. Juni 2009

"Freischütz"-Inszenierung: Das Ende der Alfanzerei

 Von HANS-JÜRGEN LINKE
Juliane Banse als Agathe in der "Freischütz"-Inszenierung im Festspielhaus von Baden-Baden.Foto: dpa

Robert Wilson und Thomas Hengelbrock machen den "Freischütz" in Baden-Baden zum Gesamterlebnis. Von Hans-Jürgen Linke

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Weil ja jeder wissen will, wie die Wolfsschlucht aussieht, soll gleich verraten werden, dass sie voller felsig gezackter Linien ist, mehrfach zuckt ein farbiger Bühnenblitz quer übers Bild, die Tiefe des Raumes besteht aus unterschiedlich beleuchteten Flächen dicht hintereinander, während sich von oben etwas wie riesige Zähne über den fahl leuchtenden Himmel senkt, so dass Publikum und die zwei Bleigießer auf der Bühne gemeinsam auf den Horizont schauen wie aus einem riesigen Haifischmaul: Die Wolfsschlucht, das ist das Düstere, das uns alle immer schon fast verschlungen hat.

Lehrstück der Differenzierung

Robert Wilson hat, fast zwei Jahrzehnte nach Tom Waits' "Black Rider" in Hamburg, endlich das Original inszeniert, nämlich Carl Maria von Webers urdeutschen, urromantischen "Freischütz". Auf der Bühne des Baden-Badener Festspielhauses gibt er sich aufklärerisch und kostümverliebt. Wilson lässt die Sängerinnen und Sänger posieren und lässt ihnen Atem und Aufmerksamkeit zur Gestaltung der Gesangspartien. Das lohnt bei der ausgezeichneten Besetzung allemal, und die Verfremdungseffekte und flächigen Attraktionen, mit denen die Bühne prachtvoll bevölkert und belebt ist, legen nebenher den Subtext der Geschichte frei, der vom Sieg des Christentums und der Zivilisation über altheidnische Alfanzereien und Satanismen berichtet.

Weil ohne weitere naturalistische Darstellungsbemühungen zum Publikum hin gesungen wird, gilt ein großer Teil der Aufmerksamkeit der dynamisch grenzgängerisch differenzierenden und die Emotionen mit betörendem Pianissimo bis an den Rand des Hörbaren dehnenden Stimmkunst der Juliane Banse als Agathe und der offensiven, in allen Lagen und Situationen klaren und einnehmenden Ausdrucksfülle Julia Kleiters als Ännchen. Agathe, Inbild der ich-weiß-nicht-wie-verletzlichen romantischen Frauenfigur, steckt dabei in einem komplizierten Blumenkostüm der Couturiers Viktor und Rolf wie in einer luxuriösen Bonbonnière. Steve Davislim ist ein lyrisch leidender, zart und intensiv intonierender Jägerbursche Max, ein moderner Antiheld der gemischten Gefühle, tiefen Zweifel und empfindsamen Leidensfähigkeit.

Bemerkenswert ist die Interpretation der Weberschen Musik mit dem vorzüglichen Mahler Chamber Orchestra unterm Dirigat Thomas Hengelbrocks. Nur bei Flöten und Hörnern - beide Instrumentengruppen hat Weber klangprägend eingesetzt - werden historisch korrekte Nachbauten verwendet, der Rest ist Klangbewusstsein und Artikulationskunst. Die Musik zeigt ein Lehrstück der Differenzierung, des feinsinnig variierenden Farbauftrags und der variablen Dynamik. Auch in der Beziehung zu den Sängern achtete Hengelbrock stets auf das Optimum an Bühnenwirkung, indem er nicht nur vornehm zurücktretend Raum gibt, sondern die Solisten auch in dynamische Konkurrenzsituationen verwickelt.

Die plastische Gestaltung des emotionalen Raums der Oper durch die Musik gerät zuweilen in Konflikt mit Robert Wilsons enorm effektvoller, farb- und zeichenintensiver Bühnenaktion. Das Streben nach romantischer Synästhesie, die aus Hören, Sehen und Provokation des Vorstellungsvermögens ein Gesamterlebnis schaffen will, wirkt sich zunächst eher so aus, dass das Sichtbare das Hörbare an den Rand der Wahrnehmung drängt. Erst nach der Pause fügt sich alles ganz wunderbar ineinander.

Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass auch farblich etwas passiert ist: Nach den unchristlich schillernden Konfliktfarben der ersten beiden Akte wird jetzt alles unschuldig strahlend weiß, auch Agathes Kleid mit der Bonbonnierenkontur, nur das Schuhwerk ist rot. Der Jägerchor (Philharmonia Chor Wien unter Walter Zeh) kommt weiß gekleidet mit roten Schuhen auf die Bühne und singt sein volksliedhaft bekanntes Stück mit einer provozierend simplen, etwas hampelmannhaften Choreografie. Das sieht bezwingend lustig aus und klingt mit den fantastisch intonierenden Hörnern so hinreißend, dass im Festspielhaus etwas passiert, was in deutschen Opern selten passiert: Mitten im Stück bekommt das Publikum eine herbeigeklatschte Jägerchor-Zugabe.

Überhaupt gibt es recht oft Beifall auf offener Szene, der in der ersten Hälfte in der Regel den Sängerinnen (besonders begeistert bei Juliane Banse und Julia Kleiters Szene) und Sängern gilt, die sich unbedrängt entfalten können. Nach der Pause dann, als die optische Abstraktion auf einem kühlen, weißen Gipfel und die musikalischen Gestaltungsräume in einem farbenreichen Großraum angekommen sind, nimmt die Begeisterung kontinuierlich zu.

Verwunderlich, dass dieser magische Freischütz nach konzertanten Aufführungen in Dortmund und einer Fernsehübertragung gestern Abend auf Arte vorerst nirgends zu sehen ist. Ein schweres Versäumnis des Tournee- und Inszenierungstauschbetriebes, das hoffentlich noch korrigierbar ist.

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