Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Theater

25. Januar 2016

„Früchte des Zorns“ am Thalia Hamburg: Letzte Wahrheiten mit Luk Perceval

 Von Frauke Hartmann
Die Joads im Herbst (vorn, v.l.): Nick Monu, Marina Galic, Maria Shulga. Hinten: Rafael Stachowiak (Onkel Joan) und Bert Luppes (Jim Casy).  Foto: dpa

Luk Percevals Blick auf „Früchte des Zorns“ an Hamburgs Thalia-Theater setzt auf naheliegende Effekte. So kann aus dem Thema weltweite Migrationskrise schnell ein Allerweltstheater werden.

Drucken per Mail

Wir müssen hier fort.“ Dieser Satz bringt die Familie Joad immer wieder auf die Straße, von einem Lager zum nächsten ziehen sie. Sie verlieren immer mehr. Nachdem sie Haus und Hof, ihr Land und ihre Toten hinter sich gelassen haben, der völlig überladene Pritschenwagen mit ihren Habseligkeiten absäuft, bleibt da noch etwas? Ihre Würde? Ihr Menschsein?

John Steinbeck hat in seinem Jahrhundertroman „Früchte des Zorns“ diese Frage bejaht, zumindest indirekt, indem er die Tochter der Familie nach ihrer Totgeburt einen hungernden Mann stillen lässt. Eine Szene, die in der Rezeption so umstritten war, dass John Ford sie in seiner berühmten Verfilmung mit dem jungen Henry Fonda als Tom Joad einfach weggelassen hat.

Jene bei Steinbeck vielleicht zu groß geratene Geste des Mitgefühls inmitten von Resignation und Verzweiflung – sie fehlt auch an diesem Abend im Hamburger Thalia-Theater, der das zweiwöchige Festival „Um alles in der Welt – Lessingtage“ eröffnet und, wie nicht anders zu erwarten, der Flüchtlingskrise und ihrer Folge, unserer Neudefinition als Gesellschaft gewidmet ist.

In Kalifornien so unerwünscht wie heute in Leipzig

Steinbecks arme Siedler aus Oklahoma, die sich in den dreißiger Jahren über die Route 66 nach Westen aufmachen, sind in Kalifornien so unerwünscht wie die Geflüchteten bei Pegida in Leipzig. So viel liegt auf der Hand.

Was aber will die Regie? Einen neuen Blick auf die Literatur des 20. Jahrhunderts werfen, wie sie es schon mithilfe von Grass, Remarque, Fallada, Borchardt und Joyce durchaus erfolgreich probiert hat? Luk Perceval, umtriebiger Oberspielleiter seit 2009, hat das Steinbeck-Drama über die Okies, das Nobelpreis-gekrönte Literatur-Denkmal des amerikanischen Naturalismus und der Kapitalismuskritik, ganz und gar aus diesem Zusammenhang gelöst.

Lediglich die Kostüme (Annelies Vanlaere), meist erdfarbene viel zu weite Hosen, verweisen auf Geschichte. Sechs Schauspieler spielen eine zwölfköpfige Familie, eine riesige Stoffplane muss auf der leeren Bühne (Annette Kurz) das Zelt, den Schlafplatz, das Auto, die Nabelschnur, Menschen am Boden und auch mal einen Leichnam ersetzen.

Am unbegreiflichsten – und man ist versucht, an das unsägliche Schneetreiben in Percevals Molière-Marathon vor Jahren in Salzburg zu denken – aber ist der Herbstlaubregen, der mit dem Aufbruch der Joads einsetzt und die starren, oft radebrechend erzählten Bilder des Abends permanent berieselt. Das soll Naturgewalt veranschaulichen? Tödlicher sein als die Erde selbst? Die Okies hatten ihr Land mit Weizen-Monokulturen und unbezahlbaren Schulden in eine Staubwüste, die Dust Bowl, verwandelt. Viele verhungerten.

Doch was in diesem Stück wirklich langweilt, ist das Fehlen jeglicher Empathie, jeder auch nur ansatzweise glaubwürdigen emotionalen Beziehung zwischen den Rollen. Bewusst hat Perceval Schauspieler verschiedener Herkunft gewählt und lässt sie zeitweise in ihren Muttersprachen sprechen oder singen. Die Rollen passen überhaupt nicht zum Alter der Spieler, Manierismen häufen sich.

Warum sagt Marina Galic als Mutter etwa „ick“ statt „ich“ – weil ihre Eltern Kroaten sind? Warum muss Rafael Stachowiak als Onkel John seine Stimme total überfordern und zum Krächzen zwingen – um älter zu wirken? Ein Tribut an die neue Mehrsprachigkeit? Kaspertheater? Soll dieser Verfremdungseffekt die Literatur auf ihrem Podest bestätigen? Oder herunter zerren?

Jedenfalls lässt er die Figuren so holzschnittartig werden wie die Protagonisten der Bibel, die Perceval offenbar gerne zitiert, etwa mit dem Stampfen der Schauspieler, das die Trauben des Zorns in der Johannes-Offenbarung meinen kann wie auch das Anwerfen des Automotors, oder mit dem Aussetzen des Babyleichnams auf dem Fluss.

Deutlich wird hier nur der Wille des Regisseurs zur Verallgemeinerung, und vielleicht auch die Hybris, letzte Wahrheiten verkünden zu wollen. Von der weltweiten und immer schon historischen Migrantenkrise zum Allerweltstheater ist es dann nicht mehr weit. Es bleibt der Versuch, mit ungenauen und prätentiösen Mitteln den gleichen Effekt wie die berühmten Vorlagen erreichen zu wollen. Wie schade.

Den erreichte das Thalia ganz woanders: Als es sich am Sonntagvormittag zum Treffpunkt für die alten und neuen Bürger Hamburgs als Ort der Kontaktaufnahme angeboten hat. Mehr als 1000 Menschen kamen, darunter viele Geflüchtete, brachten Essen mit, saßen im ganzen Theater verstreut an Tischen zusammen und redeten miteinander.

Thalia-Theater Hamburg: 5., 13., 23., 25. Februar. Lessingtage bis 7. Februar. www.thalia-theater.de

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Times mager

Gleichgewicht

Das Segway hält das Gleichgewicht ganz von alleine - einzigartig! Wenn man von Autos absieht, die das natürlich auch können.

Ein ausbalanciertes Leben: Wer als Segway-Citytourist unterwegs ist, muss einiges beachten.  Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 28. Juli

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 27. Juli 2016 Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps