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"Lametta": „Früher war’s net so wie heut’“

Jede Menge „Lametta“ im Volkstheater: Eine Patchworkfamilie feiert Weihnachten. Dass das im Chaos endet, liegt auf der Hand. Aber so ist die Natur der Familie nunmal.

Die wirklichen Schwierigkeiten der mittlerweile unvermeidlichen Patchworkfamilie offenbaren sich erst an den Feiertagen. Der logistische Aufwand, der nötig ist, um während dieser Zeit alle zufrieden zu stellen und selbst die Ruhe zu wahren, ist beachtlich; Weihnachten kann so zu einem Drahtseilakt zwischen Zufall und Wahnsinn werden. Welche Auswüchse das haben kann, demonstriert Fitzgerald Kusz’ Komödie „Lametta“, die in diesem Herbst in fränkischer Mundart in Nürnberg uraufgeführt wurde und nun im Frankfurter Volkstheater unter der Regie von Jochen Nötzelmann in einer hessischen Version Premiere feierte.

Damit das Publikum nicht gleich zu Beginn den Überblick verliert, ist im Programmheft ein Patchworkfamilien-Stammbaum abgedruckt, der sich letztendlich doch als unnötig erweist, weil die Charaktere auf der Bühne schnell an Prägnanz gewinnen. In aller Kürze: Werner (Michael Kehr) will mit seiner neuen Freundin Babs (Myriam Tancredi) Weihnachten feiern. Hinzu kommen Werners Sohn aus erster Ehe, Sebastian (Dennis Pfuhl), und Werners Mutter (Anette Krämer), die aber nur dabei sein will, wenn Sebastians Mutter Rosy (Ilona Schulz) mitfeiert. Babs wiederum hat nicht nur eine üble Migräne, sondern auch noch einen Rattenschwanz von Problemen in Form einer aufsässigen Punk-Tochter (Simone Appel) und einem versoffenen Ex-Mann (Thomas Hessdörfer), dessen grenzdebile, aber prachtvolle neue Frau Natascha (Nora Jokhosha) ihn gerade vor die Tür gesetzt hat.

Auf komplizierten Umwegen versammeln sich all diese Menschen am Nachmittag des 24. Dezember in Werners Wohnung, in der nicht alles nach Plan läuft, vor allem, weil die Krippenfiguren verschwunden sind. Am Ende wird alles im Chaos versunken sein, weil das die Natur der Familie ist: Balkon und Bad vollgekotzt; über den Baum muss erst gar nicht geredet werden; der Sohn auf erotischen Spuren und die Tochter vermutlich im Chatroom. Man kann nicht behaupten, dass das kein Realismus sei.

Nötzelmanns Inszenierung hat zwei starke Pole, zwischen denen die restlichen Personen wie Flipperfiguren hin- und hergeschossen werden: zum einen die grandiose Anette Krämer als permanent defätistisches Familienoberhaupt, das in seiner Mischung aus latenter Bösartigkeit und offenem Selbstmitleid („Früher war’s net so wie heut’) einer Mama Hesselbach alle Ehre gemacht hätte. Und zum anderen Thomas Hessdörfer, der nicht nur den schönsten, weil authentischen (Ober-)hessischen Dialekt spricht, sondern noch dazu in seiner Rolle als ungebeten erschienener Ex-Mann genau jenes anarchische Potenzial mitbringt, das die sorgfältige Planung und die damit verbundene heile Welt eines Patchworkfamilien-Weihnachten zum Einsturz bringt („Nach der Scheidung ist vor der Scheidung“).

Dazwischen turnt die selbst ernannte Sexbombe und Prollschnitte Natascha (gleich zweifache Miss Hessen) herum und verdreht dem so charmanten wie frisch angefixten Sebastian den Kopf (oder ist es umgekehrt?), während Rosy in der Küche den Kartoffelsalat zubereitet und die nölende Nora auf die Geschenke wartet, die sie bereits zu kennen glaubt. Und Werner, der arme Tropf, erträgt das nur mit Hilfe eines kräftigen Schlucks Wodka. Schöne Bescherung. Das Lametta bleibt im Übrigen bis zum Ende unauffindbar. Aber das macht dann auch nichts mehr.

Volkstheater Frankfurt: bis 5. Februar 2011. www.volkstheater-frankfurt.de

Autor:  Christoph Schröder
Datum:  5 | 12 | 2010
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