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Theater

19. Januar 2013

„Fucking Liberty“: Stars spielen Stars

 Von Doris Meierhenrich
Bernhard Schütz, als Amerikaner erkennbar an Hut und Waffe.

Die Amerika-Show „Fucking Liberty“ des Hollywood-Regisseurs Ulli Lommel in der Volksbühne beerdigt den amerikanischen Traum in Profit.

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Ja die Freiheit. Wenn sie da ist, kann sie ziemlich auf die Nerven gehen. Wenn sie nicht da ist, auch. Kein Wunder, dass ein Land, das felsenfest glaubt, auf „Freiheit“ gebaut zu sein, öfter in der Nervenkrise steckt. „Amerikanischer Traum“ nennt man das im Falle Amerikas seit je, jeder liebt ihn, denn angeblich ist für alle immer alles möglich darin. Jeder hasst ihn aber auch, denn immer bleibt irgendeiner (meistens auch zwei) auf der Strecke dabei. Nun aber scheint dieser geliebt gehasste Freiheits-Traum in echter Gefahr. Denn Ulli Lommel, einstiger Fassbinder-Held und Warhol-Adept, nun überzeugter Wahl-Kalifornier schlägt großen Alarm in der Volksbühne.

Die Glamourzeit ist vorbei

Schon der riesige Mickey-Mouse-Kopf, der die Bühne nach hintern verschließt wie ein Kasperletheater, trägt grausame Totenkopfzüge und durch das geöffnete Mause-Maul zieht gleich zu Beginn ein martialischer Trauermarsch ein. GIs tragen den Sarg und das gesamte offizielle Traum-Amerika − Marilyn Monroe, Jackie Kennedy, Angela Davis, Superman und ein fetter „Big Boy“ − bilden das Geleit. Lommel selbst liegt als toter Michael Jackson im Sarg. Und auch, wenn dieser Kostümaufzug unverkennbar ironisch, ein bisschen trashy und campy ist, liegt die ganze Geschichte von „Fucking Liberty“ hier schon offen und bitterernst zutage: Die gute, alte Glamourzeit ist vorbei, die Zeit von Marilyn und Michael, als der amerikanische Albtraum immer auch noch sein Gutes hatte, nun ist er nur noch Horror. Denn als Michael sich wundersam aus dem Sarg erheben will, stürmt „Big Boy“ Bernhard Schütz heran, schreit sich als Jacksons „Rechte-Inhaber“ in Rage, der nun alles Recht auf Michaels Tod habe, und zerrt den Armen zurück in die Kiste.

Ja, so beginnt „Fucking Liberty“: die Beerdigung eines Traums in Profit. Aber weil es sich hier um die Hommage eines Amerika-Liebhabers an Amerika handelt und der Abend außerdem erst anfängt, wird es natürlich nicht dabei bleiben und Michael Jackson sein „Make The World A Better Place“ am Ende doch noch summen. Bis dahin spielt Lommel den glitzernden Cowboy-Conférencier und erzählt, wie der gute Freiheitstraum denn nun zum bösen wurde, also: die Kurzgeschichte Amerikas.

Da Ulli Lommel aber hauptberuflich Filmregisseur ist, verlässt er das Theater gleich wieder und lässt auf Mickeys geschlossenem Maul vorproduzierte Filmszenen abspielen. Schnell wird klar: Der Abend ist nur für diese Filmchen gemacht. Denn auch wenn die GIs bald als formidable Rockband eine flotte Hitparade einschlägiger Amerika-Songs liefern und auch wenn mit Kathrin Angerer als puppige Marilyn/Jackie, Sophie Rois als entwaffnend verzweifelte Ingeborg Bachmann, Jeanette Spassova als gnadenlose Angela Davis und Lillith Stangenberg als Andy Warhol ein All-Star-Ensemble der Volksbühne aufläuft, wird aus der abgehalfterten Kostüm-Comedy, die Lommel da live improvisiert, nicht viel.

Der Clou des Abends sind also die Filmchen, die in 3D-Technik produziert ein paar Minuten Geisterbahngefühle dazwischen simulieren. Und mit Irm Hermann fängt die Disneyfahrt durch Lommels „Freiheits“-Geschichte angemessen sparwitzig an. Amerika ist gerade „entdeckt“ (natürlich auch nur ein schlechter Witz der Europäer, so Lommel, denn „entdeckt“ ist es von seinen Ureinwohnern natürlich längst) da erfindet Elisabeth I. alias Irm die Sklaverei und verkündet sie stolz dem Hofnarren Bernhard Schütz. Und dank 3D sitzt nun nicht nur der kleine Bernhard, sondern jeder Zuschauer mit auf Liz’ großem Schoß und lauscht dem Souverän daheim im Schloss in England.

Man soll hineingezogen werden und sich hineinziehen lassen in das „Revier des einsamen Wolfes“, sinniert Ulli Lommel in seinen gesammelten Promi-Schnurren „Die Zärtlichkeit der Wölfe“, erst dann erkenne man den Wolf auch in sich. Zweifel an dieser Art Erkenntnis schaden natürlich dem Effekt, weshalb man in der Volksbühne nun auch weniger zum Denken, als zum Brille Auf- und Absetzten animiert ist. Lommels eigener Traum von Freiheit, in die das Ganze dann gipfelt, liegt in den Wüstenweiten vor Los Angeles. Zusammen mit seiner Mutter am 3D-Steuer eines Cabrios fahren wir direkt hinein. Ob wir die „Erweiterung“ im Kopf spüren könnten, will er von uns wissen. Wenn die Brille sitzt.

Fucking Liberty!, 23., 31.1., 6., 9., 2., 19.30 Uhr, Volksbühne , Tel: 24 06 57 77

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