kalaydo.de Anzeigen

"Herz der Finsternis" am Deutschen Theater in Berlin: Urwald in uns

In einem waren sich die Besucher der Neueröffnung des Deutschen Theaters einig: "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad ist eine ganz und gar großartige Erzählung. Von Peter Michalzik

Dämonen der Erniedrigung.
Dämonen der Erniedrigung.
Foto: Claudia Esch-Kenkel/dpa

In einem waren sich die Besucher der Neueröffnung des Deutschen Theaters einig: "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad ist eine ganz und gar großartige Erzählung. In diesem Fall lässt sich so etwas einmal wirklich behaupten: Eine halbwegs repräsentative Erhebung unter den Zuschauern war nicht weiter schwierig, es waren nur etwa 200 Menschen, die in den Kammerspielen miterleben konnten, wie Andreas Kriegenburg inszenierte und Ulrich Khuon damit als Intendant in Berlin begann.

Das "Herz der Finsternis" ist das Innerste Afrikas, wo die Landkarte damals noch weiße Flecken hatte. Conrad schildert eine Schiffsreise den Kongo hinauf. Am Ende dieser Reise, von der es einmal heißt, sie sei eine zu den Anfängen der Welt, als Pflanzen die Erde beherrschten, steht die Begegnung mit Kurtz. Kurtz herrscht über eine Handelsstation, ist ein lebendes Paradox und ein Produkt des Urwalds. Ein weiser Schlächter, von Eingeborenen und Eindringlingen wie ein Gott verehrt, bringt er sie um, herrscht er gleichzeitig brutal und unumschränkt. Nun ist er selbst krank und stirbt, am Urwald, an der Stille, an sich selbst.

Conrads Erzählung ist etwas, das es eigentlich nicht geben kann: Eine vollkommen realistische Schilderung einer Reise, des unermesslichen Waldes und der beginnenden Ausbeutung. Und gleichzeitig eine Reise in den Wahn, in die Abgründe des Selbst, zu den schwarzen Flecken am Grunde der Seele. Ein Buch wie aus dem Unterbewussten, das sich mit der Notwendigkeit eines Traums entwickelt. Kriegenburg und Khuon beginnen also in Berlin mit einer Reise ins ganz Andere: Ins Fremde, Unbegriffene, Bedrohliche, für das Conrads Roman, ein Lieblingsbuch natürlich auch für alle Post-Colonial-Studies, bis heute steht.

Nun ist Kriegenburg kein Postkolonialist sondern ein Theaterpoet. In einem hellen, leicht rosa marmorierten, bühnefüllenden Kasten sind sechs Schauspieler der erzählende Chor, erst neutral in schwarzen Anzügen, dann nackt und voller Schlamm und am Ende wieder in Anzügen. Bambusrohre deuten Dschungel an, werden vom Chor choreografisch genutzt und machen einen ploppend-hallenden Ton, wenn man aufs Ende schlägt. Ketten rasseln rhythmisch, wenn erniedrigte Sklaven sich sinnlos durch den Wald schleppen.

Unvorstellbar fremd

Die erste dreiviertel Stunde etwa ist eine sanfte Bildflut (die Bühne ist diesmal nicht von Kriegenburg sondern von Johanna Pfau), bis hin zu sechs riesigen Figuren, die aus dem Schnürboden sinken. Gewaltige Neger mit riesigen, stumpf blickenden Augen, einem bitter verzogenen Mund, verknorpelten, knochendünnen und beweglichen Gliedmaßen, einem Rumpf nur aus Rippen und einem schlammigen Becken. Schwere, sich langsam bewegende Dämonen der Erniedrigung, Erinnerungen des Urwalds.

Es gehört zu den stärksten Momenten von Conrads Erzählung, wenn die Schwarzen schemenhaft und unvorstellbar fremd aus dem Wald auftauchen, mehr Gespenster als Menschen. "Das Schlimmste ist, es sind auch Menschen", heißt es einmal, als wieder eine Horde im Busch sichtbar wird. Kriegenburg gelingt es in seiner Aufführung, diese flüchtige Bedrohung, Ahnung und Faszination einzufangen. Die Erzähler schmiegen sich in die schlammigen Becken der Riesenfiguren, werden selbst zu fremden Wesen, um sich dann eine Uniform darüberzuziehen und zum Beispiel den Kapitän des Bootes zu spielen. Da ist er da, der Urwald in uns, Conrads Thema.

Die Überheblichkeit

"Da, nimm", sagen die Schauspieler zu den armen Riesen und geben ihnen etwas zu essen. "Da nimm doch", schreien sie und werfen ihnen das Essen an den Kopf, als die doch nur dumpf dasitzen und nichts wollen. Die Überheblichkeit der ersten Welt zeigt sich auch im Geben. Dritte-Welt-Laden und Töpferkurs sind manchmal auch bedrohlich nahe. Aber so etwas hat Kriegenburg noch nie gestört, er verlässt sich auf seine Phantasie, sie kann so naiv sein, wie sie manchmal mag. Und das Ergebnis gibt ihm - auch in Berlin - Recht.

Im zweiten Teil der Aufführung spielt Kriegenburg mit höherem Einsatz. Die Riesen und Bilder ziehen sich zurück, es geht jetzt definitiv um die Reise ins Innere. Der Chor hängt in den stählernen Wanten, die zwischen Bühne und Zuschauerraum hochgezogen sind, die Bewegung und Vorstellung muss aus den Worten und der Spannung zwischen den Schauspielern kommen. Und das funktioniert einfach nicht. Der Text verhungert zwischen immer neuen Flussbiegungen, es ist als sei der Theaterreise ins Fremde die Energie ausgegangen wie dem Flussdampfer die Kraft.

Natali Seelig spricht den Text nicht mehr so, als sei es eine wirkliche Qual. Nur Daniel Hoevels, als er einen russischen Clown spielt, der unvermittelt als eine Art Bote der übermenschlichen Aura von Kurtz auftaucht, schafft etwas Bewegung. Aber das bleibt eine komische Nummer, mit sanft durchgedrücktem Kreuz und sanft durchgeknalltem Kopf.

Irgendwie versinkt die Aufführung immer mehr in dem Urwald, auf den sie sich offenbar einlassen wollte. Die Konfrontation mit dem Selbst, das bloße Spiel, das einen auf sich selbst zurückwirft, oder was immer hier gedacht war, beginnt nicht. Als komme Conrads Schiff gar nicht bei Kurtz an. Der vorgestellte Wahn verschluckt den Weg ins Innere. Und ans Ende die Braut des toten Kurtz mit ihrem Hochzeitskleidchen zu stellen, das geht nun gar nicht.

Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele: 22., 27., 29. September, 7., 13., 17., 18. Oktober. www.deutschestheater.de

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  19 | 9 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.