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Theater

30. März 2016

"Hoffmanns Erzählungen" in Stuttgart: Kurz ist die Liebe, matt die Kunst

 Von 
In Marthalers "Hoffmanns Erzählungen": Graham F. Valentine (Spalanzani), Ana Durlovski (Olympia).  Foto: A.T. Schaefer

Der Misstrauische: Christoph Marthalers „Hoffmanns Erzählungen“ in Stuttgart

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Christoph Marthalers Lesart von „Hoffmanns Erzählungen“ ist Äonen von jener romantischen Euphorie entfernt, die der Figur des Hoffmann gemeinhin unterstellt wird. Auch von seinem Komponisten Jacques Offenbach, der ihn jedes neue Liebesdesaster mit unerhörtem Schwung angehen lässt. So dass Unterstellung vielleicht nicht das richtige Wort ist. Hoffmann ist wahrlich ein Enthusiast des Augenblicks, ein Allesvergesser, wenn Frau, Text und Musik nur wunderbar genug sind. Aber nicht in Stuttgart.

Olympia eine kaputte Puppe, die nicht wusste, was sie tat; Antonia eine sterbende Künstlerin, der die Kunst mehr war als die Liebe; Giulietta eine Prostituierte, die einen Auftrag erledigt hat; Stella genervt, weil er schon wieder völlig betrunken ist: Dreimal, je nach Regie auch viermal am Abend fällt Hoffmann aus allen Wolken. Aber nicht in Stuttgart.

Marc Laho, ein mühelos feinsinniger, sich gleichwohl verhalten gebender Tenor, ist bleich und irgendwie schon über alles hinaus: mehr Zuschauer als von seiner eigenen Fantasie mitgerissener Akteur. Was bedeutet es, dass ihm immer wieder ein weißer Bademantel gereicht wird? Ist er auf Kur, ist er im Training? Marthalers Offenbach-Inszenierung, eine Koproduktion der Oper Stuttgart mit dem Teatro Real Madrid, wo im Mai 2014 Premiere war, zeigt sich misstrauisch: gegen die überbordende Liebe ohnehin, aber wohl auch gegen die Kunst, den Künstler, denen der Regisseur nichts Arges unterschiebt, die ihm aber doch matt vorzukommen scheinen.

Aktzeichner und lakonische Modelle

Und dies, obwohl die Künste ausführlich aufgerufen werden, vor allem im ersten Teil, Prolog und Olympia-Akt, dessen Schauplatz bei Anna Viebrock offenbar ein Künstlerclub ist. Zu Dichtung und Musik kommen hier keine Filme, aber immerhin Kinositze. Aktzeichner müssen sich alle paar Minuten auf ein anderes lakonisch posierendes Modell einstellen. Eine „Skulptur“ löst sich nachher vom Stein und trollt sich. Die Kellner sind fallsüchtige Tänzer, die neugierigen Kunstfreunde, die sich hier umschauen dürfen, eine fantastische Schar von Dadaisten, Surrealisten, milde Durchgeknallten. Die Kunst geht ihren Gang, aber ihr Gang ist ein wenig schlapp.

Nebenher, aber doch vor aller Augen wird erst auf einer Liege, dann in einem Behältnis wie aus der Welt des Fliewatüüt ein Wesen herumgeschoben, das natürlich Olympia ist. Ana Durlovski ist aber offenkundig keine Automate, sondern entweder ein zurückgebliebenes (im Behältnis hospitalisiertes) Mädchen oder ein Frankenstein-Geschöpf: aus Fleisch und Blut, jedoch nicht ganz ausgereift. Dass sie – trotz schwerer (nicht angesagter) Indisposition stimmlich makellos, wenn auch vorsichtig – dennoch in ihrer Verlegenheit, im verkringelten Weitermachen das menschlichste, dazu das rührendste Wesen weit und breit darstellt, gehört zu den wenigen profilierten Regiepositionen des Abends. Eine andere ist die Muse von Sophie Marilley, wieder in Personalunion mit Hoffmanns Freund Niklaus. Marilley, die aus der Madrider Inszenierung von Anne Sofie von Otters offenbar starkem Schwips nur Spuren übernimmt, wirkt eigentlich wie eine Lektorin, die sich Mühe gibt mit ihrem Autor. Auch sie ohne stimmlichen Überschwang, aber sehr gepflegt.

Divenopulenz gibt es nach der ersten und dann der zweiten Pause erst mit Mandy Fredrichs Antonia und Simone Schneiders Giulietta. Dafür zieht sich die Regie, von der Bühnenbildnerin in Restauration und Spielzimmer des Künstlerclubs geführt, immer mehr zurück. Das scharwenzelnde Tanzen muss jetzt eine gewisse Leere überdecken, die Akteure sind gramgebeugt, wenden dem Saal den Rücken zu, laufen stoisch auf unsichtbaren Bahnen, und alle, alle wissen ja schon, dass es nicht gut enden wird.

Das Böse in Form von Alex Esposito (Lindorf, Coppelius etc.) darf dämonischer Stimme und Ausstattung zum Trotz auf keinen Fall dämonisch sein. Lieber nur herumstehen, als versehentlich doch noch unheimlich zu werden. Die Helferchen des Bösen in Form von Torsten Hofmann (Andres Cochenille etc.) haben hier ein strenges Humorverbot. Ist das noch melancholisch oder nurmehr spröde? Nurmehr spröde.

Matt also, ihrer Mittel Überschwang und Irrwitz beraubt ist in der Tat die romantische Kunst, wie Marthaler sie vorführt. Und gegen die politische Schärfe von Fernando Pessoa ausspielt. Hiermit nämlich ist Stella befasst, die aus Madrid mitgebrachte Schauspielerin Begoña Quiñones, die den Portugiesen ausführlich auf Spanisch zitiert und dies Hoffmann mit einiger Energie, aber natürlich ohne Interesse für seine Situation entgegenschleudert. Denn Pessoas böse Abrechnung mit Europa im Weltkriegsjahr 1917 dient hier anscheinend doch lediglich dazu, noch einmal deutlich zu machen, dass mit Hoffmann nicht viel los ist. Dass es Wichtigeres gibt. Wobei man sagen muss, dass es nicht im engeren Sinne deutlich wird. Es wird eher: proklamiert.

Quiñones’ Monolog erinnert ferner etwas schmerzlich daran, dass in Stuttgart statt möglicher Dialoge die recht konventionellen Rezitative Ernest Guirauds erklingen, nicht unbedingt der letzte Schrei im Umgang mit diesem Riesentorso. Seitens der Regie ist es, als habe Marthaler nicht das Schärfste aus dem Werk herausarbeiten wollen. Das Dirigat von Sylvain Cambreling entspricht dem mit einer ein wenig unverbindlichen, sehr ernsten Gediegenheit und mit gedrosseltem Aplomb.

Staatsoper Stuttgart: 3., 10., 15., 23., 30. April, 4. Mai. www.staatstheater-stuttgart.de

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