Und als dann der Dichter vor dem jubelnden Festspielpremierenpublikum erschien, über die Bühne irrte und verschüchtert winkte, war’s, als würde hier der endlich heimgekehrte verlorene Sohn gefeiert. Draußen in Hallein, vor den Toren Salzburgs, wurde am letzten Freitag „Immer noch Sturm“ von Peter Handke uraufgeführt, die Agenturen meldeten tags darauf: Triumph für Handke, Erfolg bei den Salzburger Festspielen.
Das neue Handke-Stück ist eine Séance in fünf Prosaakten, betitelt nach einer Regieanweisung in Shakespeares „King Lear“. Der Sturm ist bei Handke die „vermaledeite“ Geschichte, ist „der Teufel in uns, in dir, in uns allen, spielt Gott, höchste Instanz, höchstes Prinzip“. Handke ringt mit diesem seinem höchsten Gott wie nur Gläubige zu ringen vermögen. „Aus der Geschichte lernen? Ja, die Hoffnungslosigkeit.“ Das verkündet dieser Text, Kurzroman und Großdrama in einem, an seinem Ende, der kein Abschließen, sondern wütendes Verzweifeln darstellt. „Gang der Geschichte? Nicht eher Lindwurm, der sich selber in den Schwanz beißt?“ Es gibt kein Entkommen aus der Geschichte, kein Vorwärts, kein Besser. „Immer noch Sturm“: eine Schwarz-Messe, eine Geisterbeschwörung, wieder einmal. Immer rufen seine Texte in den Resonanzraum der Geschichte hinein, und was sie verzeichnen, sind Kartographien des Verschwundenen, die unerbittlich ihre Schatten auf das Hier und Heute werfen. Das Tragische, das Theaterdramatische ist bei Handke stets in diese Schattenwürfe gebettet, in diesem Stück besonders.
Das Setting dabei: denkbar einfach. Es sitzt da einer unter einem Apfelbaum. Es nähern sich ihm, „von allen Seiten“, seine Vorfahren, umstellen das „Ich“, die „heutige Allerweltsfigur“. Es fällt schwer, in ihr nicht Peter Handke zu entdecken. „Immer noch Sturm“ ist, wieder einmal, ein hyperpersönliches Handke-Heimatstück. Denn die da erscheinen sind Kärntner Slowenen im Jauntal, Handke-Vorfahren, die Geister seiner „Sippe“, sattsam Bekannte aus seinen autobiographischen Ringkampftexten. Hier erzählt er vom Widerstand seiner Jaunfeldtaler gegen das Nazi-Regime, dem einzig bewaffneten Aufstand innerhalb der Grenzen des Tausendjährigen Reiches.
Wir hören Onkel Gregor und Tante Ursula, die zu den Partisanen gehen, den Großvater, der von Liebe und Gott nichts wissen will, den „Weiberer“ Valentin, die Mutter. Sie kämpfen für ihre slowenische Minderheitensprache, ihr Kärntner Gebirgsgrenzland, ihre Familienapfelbäume. Was sie den Nazis abtrotzen, wird ihnen von den demokratischen Nachfahren genommen; bis heute sind sie schlecht gelitten in Österreich. Das „Ich“ erträumt ihnen eine Auferstehung um der Gerechtigkeit willen – die Toten sind nicht tot, so lange einer sie träumt. Das ist Handkes Hoffnungsglaube: Rettung kommt aus dem Vorvergangenen. Das ist seine Gewissheit: Es fällt kein Apfel weit vom Stamm.
Claus Peymann sollte dieses Stück uraufführen; er hat sich mit Handke überworfen. Jetzt hat sich Dimiter Gotscheff in einer Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater bei den Salzburger Festspielen daran versucht. Es sind fünf Stunden Theater entstanden, das viele Worte macht, aber dem Text stets nur hinterherhumpelt. Die Schauspieler wirken wie Seifenblasenhäscher: Jeder Satz zerplatzt, sobald sie ihn zu fassen bekommen. Welch seltsame Leere, welch bleierne Virtuosität dieser Abend verströmt.
Jens Harzer ist der „Ich“-Erzähler. Mit Stock und Schemel wankt er auf die leere Bühne, tastet sich in seine Rolle hinein, jongliert mit ironischen Untertönen, versucht sich in Wut und Zorn, schmeckt den Worten ihre melancholische Tiefe ab – und bleibt vor ihnen doch wie ein Fremdling stehen. Alle an diesem Abend umtappen den Text wie Ungläubige die Altäre des Heiligen. Bibiana Beglau, Hans Löw, Oda Thormeyer, Matthias Leja, Tilo Werner, Gabriela Maria Schmeide, Heiko Raulin: virtuose Wortspieler, aber Vereinzelte, verloren irgendwo zwischen den Zeilen.Gotscheff ist ein Meister darin, Dramen in bühneneigensinnige Partituren zu verwandeln. Seine besten Arbeiten sind strenge, scharfkantige Sprechopern, frei von Schmock und Schnörkeln. Hier aber bleibt er zwischen Aufsage- und Figurenausmaltheater hängen. Untypisch für ihn: Er bebildert. Es wird marschiert, wenn von Soldaten gehandelt wird. Es wird gegreint, wenn es um Tränen geht. Es werden Äpfel gegessen, weil von Äpfeln die Rede ist. Und Katrin Brack, die Bühnenbildnerin, lässt fortwährend grün-gelbe Schnipsel aus dem Himmel regnen. Es sind schöne Designtheaterbilder, die daraus entstehen: lauter verwischte Figuren im Blättersturm. Handkes gestochen scharfe Traumgesichte verwandeln sich so in ein verschwiemeltes Beraunen des Vergangenen: Die Geschichte wird zum dumpfen, stummen Schicksalsblock. Ein trauriger Triumph.
Salzburger Festspiele, am 17., 18., 23., 24., 26., 27. August, jeweils 19 Uhr auf der Perner-Insel Hallein www.salzburgfestspiele.at